1. Karlo Clever

Bauwerk in Jerusalem: Wünsche in eine Mauer stecken

Bauwerk in Jerusalem : Wünsche in eine Mauer stecken

Diese Steine ziehen Millionen Menschen an. Sie wollen das uralte Bauwerk im Land Israel unbedingt berühren. Einige machen noch etwas anderes: Sie hinterlassen zerknüllte Zettel.

Wuselig ist es hier. Viele Menschen wollen zu der großen Mauer in der Stadt Jerusalem. Man muss sich deshalb einreihen: Frauen rechts, Männer links. Alle laufen durch eine Sicherheitskontrolle.

Einige Schritte weiter sieht man den Ort, an den es die Menschen zieht: Riesige Steine stapeln sich zu einer großen Mauer aufeinander. Sie halten ohne Mörtel, seit mehr als 2000 Jahren.

Kommt man näher heran, erkennt man: Zwischen den Steinen stecken Tausende Zettel! Menschen haben sie mitgebracht, klein geknüllt und dann in die Zwischenräume gestopft. Auf diesen Zetteln stehen Wünsche und Gebete an ihren Gott: Dass die Familie gesund sein soll zum Beispiel, dass alles gut werden soll oder die Welt friedlich.

Die westliche Wand des Tempels

Die Mauer hat mehrere Namen. Im Land Israel, wo sie steht, wird He­bräisch gesprochen. Da nennt man sie Kotel, also Mauer. Auf Deutsch heißt sie Klagemauer. Auf Englisch sagt man Western Wall. Der englische Begriff beschreibt es am besten: Es ist eine westliche Wand.

Die gehörte bis vor etwa 1950 Jahren zu einer Stützmauer. Die umgab den Tempel der Juden. Die damals herrschenden Römer aber zerstörten diesen Tempel und vertrieben die meisten Jüdinnen und Juden.

Heute leben wieder viele von ihnen in der Region. Für sie und Juden überall in der Welt hat die Klagemauer eine große Bedeutung, weiß Dorothea Salzer. Sie ist Expertin für das Judentum und hat selbst lange in Israel gelebt. „Die Mauer ist das, was dem zerstörten Tempel von damals am nächsten ist.“ Deswegen sei die Mauer heute der wichtigste Ort für religiöse Jüdinnen und Juden.

An die Mauer darf jeder, egal ob man Jude ist. Manche Menschen setzen sich auf weiße Plastikstühle vor die Mauer und beten. Auch Touristen etwa drängeln sich heran, um die Steine zu berühren. Männer und Frauen sind dabei aber auf verschiedenen Seiten. „Das ist eine Tradition, die es erst seit dem vergangenen Jahrhundert so gibt“, sagt Dorothea Salzer.

Viele Menschen gehen dann rückwärts weg, nachdem sie den Wunschzettel in die Mauer gesteckt haben. „Das ist eine Sache des Respekts“, erklärt die Fachfrau. „Königinnen und Königen wendet man den Rücken auch nicht zu.“

Irgendwann dreht man sich natürlich trotzdem um und sieht: Die Klagemauer ist zwar ein ernster Ort. Aber viele machen auch Selfies oder singen zusammen.

(dpa)