1. Karlo Clever

Unterschiedliche Zeitwahrnehmung: Wer hat an der Uhr gedreht?

Unterschiedliche Zeitwahrnehmung : Wer hat an der Uhr gedreht?

Mal scheint sie schnell zu vergehen, mal so gut wie gar nicht. Zeitforscher beschäftigen sich damit, wie und warum wir die Zeit so unterschiedlich wahrnehmen.

Eine Minute kann sich wie eine Sekunde anfühlen. Das weiß jeder, der nur kurz dösen wollte, nachdem der Wecker bereits geklingelt hat. Eine Minute kann aber auch unheimlich lange dauern. Etwa, wenn man versucht, eine Minute die Luft anzuhalten.

„Wie die Zeit tatsächlich vergeht, ist uns selten so richtig bewusst“, sagt der Zeitforscher Dietrich Henckel. „Wir messen die Zeit ständig mit Uhren und Kalendern. Doch wir selbst sind nicht besonders gut darin, die Zeit richtig zu erfassen.“ Dazu brauche man nur einmal die Augen zu schließen und zu versuchen, eine Minute abzuzählen. Dabei könne man sich manchmal ganz schön täuschen.

Denn Zeit ist nicht gleich Zeit. Einerseits ist da die Zeit der Natur, nach der wir uns richten. Damit sind Tag und Nacht gemeint oder auch Jahreszeiten. Andererseits hat jeder sein eigenes Zeitgefühl. „Wie lang sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anfühlen, ist für jeden Menschen und zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedlich“, sagt der Fachmann. Das merken wir auch jetzt in der Corona-Krise. Viele finden: Das Jahr seit Beginn der Krise ging schnell um. Andererseits: So ein Nachmittag ohne Freunde oder der Fußballmannschaft kann ziemlich zäh sein.

Dietrich Henckel erklärt, was unser Zeitgefühl beeinflusst. Er sagt: Wie die Zeit vergeht, hängt auch damit zusammen, wie wir die Gegenwart erleben. Ob wir Freizeit haben oder arbeiten müssen. Ob wir die Zeit allein oder mit Freunden verbringen. Meist vergeht die Zeit mit anderen Menschen gefühlt schneller. Doch mit anderen muss man die Zeit auch miteinander in Einklang bringen. Wir verabreden uns zu bestimmten Zeiten, warten oder müssen uns früher verabschieden.

Auch Kinder und Erwachsene erleben die Zeit unterschiedlich. „Für einen alten Menschen sind zwei Jahre vielleicht nicht sehr viel“, sagt der Forscher. „Doch für ein Kleinkind entspricht dieselbe Zeitdauer die Hälfte seines bisherigen Lebens.“ Ein Kind sammelt in dieser Zeit im Verhältnis viel mehr neue Erfahrungen als ein Erwachsener.

Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als die Zeit so zu nehmen, wie sie eben ist, sagt der Fachmann. „Wir wissen, dass schöne Zeit schneller vergeht als nicht so schöne. Anhalten oder vorstellen können wir die Zeit trotzdem nicht.“

(dpa)