1. Karlo Clever

Geschichtenerzähler: Mit Händen, Augen und Musik

Geschichtenerzähler : Mit Händen, Augen und Musik

Ibrahima Ndiaye kommt aus dem Senegal und ist Geschichtenerzähler. In seinen Geschichten spielen oft Tiere eine Rolle: Ein schlauer Hase und eine fiese Hyäne zum Beispiel.

„Da war eine Bäuerin...“ Mit diesen vier Worten nimmt Ibrahima Ndiaye sein Publikum mit in eine andere Welt. In die Welt dieser Bäuerin, die zu alt ist, um zu arbeiten, aber auch zu jung, um nichts zu tun. Sie ist gelangweilt. Doch dann sieht sie im Traum lustige Dinge! Am nächsten Morgen berichtet sie ihren Freunden davon. Die sind so beeindruckt, dass sie alles andere vergessen: die Suppe auf dem Herd, die Kühe auf dem Feld... Eine Katastrophe! Sie bitten deshalb die Alte, ihre Geschichten am Abend zu erzählen, wenn alle Arbeit getan ist. Und so geschieht es.

Von der Oma gelernt

Ibrahima Ndiaye kommt aus Westafrika und lebt seit vielen Jahren in der deutschen Stadt Saarbrücken. Er ist ein Geschichtenerzähler, so wie die alte Bäuerin und wie seine Großmutter im afrikanischen Land Senegal. Seine Oma hat ihm das Geschichten­erzählen beigebracht. Von ihr hat er gelernt, dass gute Geschichten oft einen immer gleichen Anfang haben, zum Beispiel „Es war einmal...“. Oft ist auch das Ende gleich. So heißt es am Schluss der Märchen der Brüder Grimm stets: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

 Ibrahima Ndiaye ist Geschichtenerzähler.  Foto: Ibrahima Ndiaye/dpa
Ibrahima Ndiaye ist Geschichtenerzähler. Foto: Ibrahima Ndiaye/dpa Foto: dpa

Besonders spannend wird eine Geschichte, wenn sie Spieler und Gegenspieler hat. Das erklärt Julia Ronge vom Ausstellungshaus „Grimmwelt“ in Kassel. In den Geschichten von Ibrahima Ndiaye haben es Tiere wie der kluge Hase meist mit der Hyäne zu tun. „Die ist hinterhältig und lügt, sie stellt immer irgendetwas an“, sagt der Geschichtenerzähler.

Ein guter Geschichtenerzähler oder eine gute Geschichtenerzählerin spricht nicht nur, sondern erzählt auch mit den Augen, den Händen, dem ganzen Körper. Ibrahima Ndiaye wird selbst Teil seiner Geschichten. Er kommt vom Erzählen ins Spielen, und manchmal spielen die großen oder kleinen Leute, die ihm zuhören, mit. Auch Musik gehört bei ihm zum Erzählen dazu. Mal schlägt er die westafrikanische Trommel, die Djembé, mal spielt er auf dem Daumenklavier, der Mbira. So entstehen verschiedene Klänge. Senegal sei das Land der Geschichtenerzähler, sagt Ibrahima Ndiaye. Doch weil manche der alten Geschichten auch dort vielleicht irgendwann aussterben, schreibt er sie auf. „Ich ziehe durch die Gegend und befrage die Leute.“

Ibrahima Ndiaye sammelt Geschichten. Genau wie vor rund 200 Jahren die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Sie befürchteten, dass die von Mensch zu Mensch weitererzählten Märchen verloren gehen würden. Die Brüder Grimm aber retteten die Geschichten in ihren Büchern. So können sie heute noch gelesen und vorgelesen werden.

(dpa)