Erwachsene lernen das ABC

Erwachsene lernen das ABC

In der Schule hat Gerhard Prange nie richtig Lesen und Schreiben gelernt. „Ich war mit 40 anderen Kindern in einer Klasse“, erzählt er. „Da habe ich in der letzten Reihe gesessen und aus dem Fenster geguckt.“ Die Lehrer waren mit den vielen Schülern überfordert. Da wurde Gerhard Prange mit seiner Leseschwäche und Schreibschwäche einfach übersehen.

Auch zu Hause habe niemand die Probleme beachtet, erzählt er. Seine Mutter habe mit sieben Kindern viel zu viel zu tun gehabt. Die Sonderschule hat er dann mit 17 Jahren verlassen. Ohne Abschluss. Danach hat er sich mit verschiedenen Berufen durchgeschlagen. Mal war Gerhard Prange in einer Reinigung beschäftigt. Mal in einer Gärtnerei.

„Wenn ich einmal etwas lesen musste, habe ich mich herausgeredet“, erzählt er. „Mal sagte ich, ich hätte meine Brille nicht dabei. Mal gab ich mich als ausländischer Tourist aus. Dann bat ich einfach Leute auf der Straße, mir etwas vorzulesen.“ Heute ist Gerhard Prange 61 Jahre alt.

Kaum zu glauben: Doch so wie Gerhard Prange geht es vielen Leuten. „In Deutschland hat etwa jeder siebte Erwachsene große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben“, sagt die Expertin Elke Sommerfeld. Fachleute sagen zu der Schwäche auch funktionaler Analphabetismus.

Früher kam die noch häufiger vor. Schule war in manchen Familien nicht so wichtig. Die Kinder sollten lieber arbeiten und Geld verdienen. Doch auch heute haben viele Kinder Schwierigkeiten. Vor allem in Familien, in denen sie nicht beachtet und ernst genommen werden. Dort, wo es viel Streit gibt und auch Gewalt.

Doch wer nicht richtig lesen und schreiben kann, hat es schwer. „Bei diesen Leuten stapelt sich oft die Post“, sagt Elke Sommerfeld. „Sie können wichtige Briefe und Werbung nicht auseinander halten. Und nicht jeglichen Schreibkram von Freunden und Verwandten erledigen lassen.“

Viele Analphabeten ziehen sich deshalb zurück. Doch manche trauen sich und stellen sich dem Problem. So wie Gerhard Prange. „Ich wollte meiner Tochter endlich einmal eine Geschichte vorlesen“, erzählt der Mann. „Also habe ich mit einem Kurs angefangen.“ Überall in Deutschland werden Kurse für Erwachsene angeboten.

„Es ist toll, wie schnell man Fortschritte macht“, erzählt Gerhard Prange. „Mittlerweile kann ich Straßenschilder lesen und beim Einkaufen die Verpackungen studieren.“ Fehlerfrei lesen könne er aber noch nicht, gibt der Mann zu. „Deshalb bleibe ich auf jeden Fall dran und übe weiter.“

(dpa)