1. Karlo Clever

Ikebana: Ein Zweig für den Himmel

Ikebana : Ein Zweig für den Himmel

Wenn Marianne Pucks ein neues Kunstwerk plant, geht sie oft erst einmal in den Wald. Dort sammelt sie Zweige und Blumen. Daraus macht sie Gestecke. Das nennt sich Ikebana.

Die Kunstwerke können bunt sein und aus unterschiedlichen Blumen bestehen. Oder eine Blüte mit etwas Grün drumherum steht im Mittelpunkt. Wer Blumensträuße und Gestecke zusammenstellt, hat also viele Möglichkeiten. Das Ergebnis ist deshalb oft ein richtiges Kunstwerk.

So ist es auch bei Marianne Pucks. Sie gestaltet aus Blumen, Zweigen, Wurzeln, Blättern, Früchten und Gemüse Ikebana. Diese Kunst des Blumensteckens kommt aus Asien. Das Besondere: Beim Ikebana werden Zweige und Blumen nach genauen Regeln gesteckt.

Heute will Marianne Pucks ein einfaches Ikebana machen. Alles, was sie dafür benutzt, hat eine bestimmte Bedeutung. Ein langer Zweig steht für den Himmel, ein mittellanger Zweig für den Menschen und kurz geschnittene Blumen für die Erde.

Auf dem Tisch steht schon alles bereit: eine mit Wasser gefüllte flache Schale, zwei Scheren, die Blumen. Dazu kommt ein so genannter Blumenigel aus schwerem Metall, in den man die Zweige stecken kann. Heute sind es Zweige mit Weidenkätzchen, blassgelbe Rosen sowie kleine Stücke von Kiefernzweigen.

Frau Pucks schaut sich den Weidenzweig genau an. Dann greift sie zur Schere, um Ästchen abzuschneiden. Die stören die Linie, die sie bekommen will. Der Weidenzweig soll später für den Himmel stehen. Deshalb muss er eine bestimmte Länge haben. Frau Pucks erklärt: „Dafür misst man den Durchmesser der Schale aus, nimmt die Höhe dazu und dieses Maß mal zwei.“ Klingt nach einer komplizierten Matheaufgabe. Frau Pucks aber hält den Zweig nur zweimal gegen die Schale und schneidet los.

Jetzt steckt sie den Weidenzweig in den Blumenigel und neigt ihn zur Seite. Wie weit sie den Zweig neigen muss, ist festgelegt. Frau Pucks muss das aber nicht ausmessen, sie erkennt es mit bloßem Auge.

Auch der Zweig, der den Menschen symbolisiert, ist schnell zurechtgeschnitten. Er muss kürzer sein als der Himmel, genau dreiviertel so groß. Und er steht noch schräger in der Schale als der Weidenzweig. Jetzt schneidet Frau Pucks noch einen Hilfszweig zurecht, Jushi genannt. „Den stecke ich hinter den Himmel“, sagt sie.

Nun nimmt Frau Pucks die Rosen. Sie stellen die Erde dar. „Die Zahl der Blüten muss ungerade sein“, erklärt sie. Gerade Zahlen bringen laut Ikebana Unglück. Frau Pucks entscheidet sich für drei Rosen, die sie unter Wasser anschneidet. „So halten sie sich länger.“

Zum Schluss muss der Blumenigel bedeckt werden. Das macht Frau Pucks mit kleinen grünen Stücken von Kiefernzweigen. Ein prüfender Blick, dann nickt Frau Pucks zufrieden. Ihr Blumen-Kunstwerk ist fertig.

Die japanische Kunst des Ikebana ist schon sehr alt. Ursprünglich kommt sie aus China. Dort ordnete man Blumen zusammen an, um sie den Göttern als Opfergaben zu spenden. Das passierte in Tempeln. Die Religion, die hier praktiziert wurde, heißt Buddhismus.

Im 7. Jahrhundert verbreitete sich der buddhistische Glaube auch in Japan. Der damalige Kaiser ließ viele buddhistische Tempel bauen, in denen auch Blumenopfer dargebracht wurden. Außerdem kam der Brauch auf, den Göttern zuhause kleine Altäre einzurichten. Dafür wurden aus Blumen kunstvolle Gestecke zusammengestellt - also Ikebana praktiziert.

(dpa)