1. Karlo Clever

Wilhelm der Erste: Der unfreiwillige Kaiser

Wilhelm der Erste : Der unfreiwillige Kaiser

Er wurde Kaiser, obwohl das nie sein Plan gewesen war. Auch mit den Ideen seiner Zeit konnte er sich nicht wirklich anfreunden. Vor 225 Jahren wurde Wilhelm der Erste geboren.

Eigentlich könnte alles so schön sein. Man hat sich in einem prächtigen Schloss nahe der Stadt Paris versammelt, in einem pompösen Saal mit riesigen Spiegeln und Kerzenleuchtern aus Gold. Das scheint der perfekte Ort zu sein, um einen Kaiser zu krönen!?

Der Mann, der zum Kaiser erhoben werden soll, ist jedoch alles andere als begeistert. „Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens“, beklagt er. Auch die versammelten Fürsten und Soldaten sind nicht wirklich in Feierlaune. Trotzdem wird am 18. Januar 1871 der deutsche Kaiser gekrönt. Gestatten: Wilhelm der Erste.

Er soll nun als oberster Herrscher dem neu gegründeten Deutschen Reich vorstehen. Für dieses hatten sich kurz zuvor verschiedene kleinere Königreiche und Fürstentümer zusammengeschlossen. Viele Herrscher stehen dem neuen Reich aber noch skeptisch gegenüber. Und selbst der Kaiser ist nicht wirklich überzeugt.

Er musste seinen Bruder vertreten

Aber warum eigentlich? „Wilhelm war ein Mann des Militärs, ein Soldat. Über 50 Jahre seines Lebens hat er in der Armee gedient“, erklärt Christoph Nonn, ein Experte für Geschichte. Während Wilhelm in der Armee kämpfte, wurde sein älterer Bruder Friedrich Wilhelm preußischer König. Doch dieser hatte keine Kinder. Als er starb, musste daher Wilhelm den Thron übernehmen. „Selbst mit seinem König-sein war er schon nicht glücklich. Aber er machte es aus Pflichtgefühl“, sagt Christoph Nonn. Wilhelm stand zum Beispiel nicht gerne in der Öffentlichkeit. Er war kein großer Redner und konnte nicht wirklich gut mit Menschen umgehen.

Außerdem konnte er sich mit den neuen Ideen seiner Zeit nicht so richtig anfreunden. Viele Menschen hofften damals auf mehr Rechte. Sie kämpften für mehr Mitsprache in der Politik und für mehr Freiheit. „Wilhelm dagegen war sehr konservativ und traditionell. Er hat die Demokratie abgelehnt. Man kann sagen, er hat sie regelrecht verhindert“, erklärt der Fachmann. Wilhelm wollte nicht, dass das Volk mitbestimmen konnte. In seiner Zeit beim Militär ließ er Aufständische einmal sogar mit Kanonen niederschießen.

Trotzdem war er später als Kaiser bei vielen Leuten beliebt. Denn er galt als sehr bescheiden und lebte extrem sparsam. Für Christoph Nonn hat Wilhelm zwei Seiten: „Er hat einerseits das Fundament für unser heutiges Land gelegt, andererseits hat er sich vehement gegen die Demokratie gewehrt.“

(dpa)