Aachen: Junge Erwachsene sind nicht allein und trotzdem einsam

Aachen : Junge Erwachsene sind nicht allein und trotzdem einsam

Durch Social Media, Internet und Smartphone sind wir so gut vernetzt wie nie zuvor. Trotzdem fühlen sich junge Erwachsene zunehmend einsam. Woran liegt das und was kann man dagegen tun?

Samstagabend auf einer WG-Party: Das Bier steht kalt, die Musik ist laut, und die Gäste sind in bester Stimmung. Die Masse unterhält sich, die Gesprächspartner wechseln und man selbst ist mittendrin. Bis der Moment kommt, in dem man den Anschluss verpasst: Die Gruppe geht zum Rauchen raus, man selbst bleibt zurück, steht alleine mit der Bierflasche da und knibbelt verlegen am Etikett. Eigentlich halb so schlimm, dieses Szenario, wäre da nicht plötzlich dieses unangenehme Gefühl der Einsamkeit, das sich in einem breit macht. Viele junge Erwachsene erleben es nicht nur, wenn sie verlassen auf einer Party stehen oder alleine in der Mensa sitzen, sondern auch in vielen anderen Situationen des Alltags. Die Einsamkeit ist für sie zum ständigen Begleiter geworden.

balasz
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Das bestätigt auch die Studie des Marktforschungsinstituts „Splendid Reasearch“ vom Mai 2017. Vier von fünf Befragten in Deutschland haben angegeben, sich zumindest manchmal einsam zu fühlen. Die demografische Gruppe derjenigen, die am stärksten unter diesem Gefühl leiden, ist die der jungen Erwachsenen: 17 Prozent der 18- bis 29- Jährigen fühlen sich ständig oder häufig einsam, nur jeder Zehnte nie. Und das wird zunehmend auch als Problem wahrgenommen: So geben 50 Prozent der 18- bis 34-Jährigen in einer Statista-Studie vom März 2018 an, dass Einsamkeit ein großes oder sehr großes Problem in der deutschen Gellschaft abbildet. Und das liegt auch an unserem Lebensstil.

Cornelia Balazs, Diplompsychologin an der FH Aachen, erklärt: „Die Erwartungen an das Leben und an Freundschaften sind gestiegen“. Während wir uns ein inniges Verhältnis zu unseren Freunden wünschen, werden wir daran nicht selten durch räumliche Distanz und andere Lebensumstände gehindert: Der Auszug aus dem Elternhaus in die Studentenstadt stellt die Schulfreundschaften auf eine Zerreißprobe; ziehen wir anschließend für den neuen Job wieder weg, lassen wir auch die Studienkollegen zurück. Und neue Freundschaften müssen sich erst entwickeln. „Das braucht Zeit“, sagt Balazs. „Wenn wir in eine andere Stadt ziehen, müssen wir uns erst mal zurecht finden, den Alltag neu planen. Viel Zeit, um Freundschaften aufzubauen, bleibt da nicht.“

Und das wird schnell zur Einsamkeitsfalle: „Viele junge Leute erwarten, dass sie, wie zu Schulzeiten, Freundschaften nebenher laufen lassen können“, sagt Balazs. So sei das aber nicht: „Nach der Schule hatte man vielleicht den selben Heimweg oder gemeinsame Hobbys. Im Arbeitsleben ist das schnell anders.“ Man hat einen unterschiedlichen Freundeskreis, traut sich — besonders wenn man neu ist — nicht direkt, auf die Kollegen zuzugehen, oder will vielleicht auch Berufliches von Privatem trennen.

Wichtig sei es dann, den Kontakt mit alten Freunden aufrecht zu erhalten.

Dabei können auch die Sozialen Medien helfen: Sie vernetzen uns, halten uns über den anderen auf dem Laufenden und ermöglichen die schnelle Kontaktaufnahme zwischendurch. Allerdings hat das auch seine Tücken: Wir neigen dazu, statt intensiver Gespräche auf kurze Chats auszuweichen, verteilen Likes statt Umarmungen und schieben echte Verabredungen zugunsten der Videotelefonate auf. „Das war früher nicht so einfach möglich“, erklärt Balazs. „Vor 30 Jahren waren Verabredungen noch verbindlich, weil man nicht so einfach absagen konnte.“ Das Smartphone verführe dazu, sich auf ein „wir schreiben einfach noch mal“ zu verständigen statt ein konkretes Treffen auszumachen, um sich dann tatsächlich gegenüber zu sitzen.

Dabei wäre gerade das so wichtig, um sich gebraucht und angenommen zu fühlen: Denn gemeinsame Erlebnisse schaffen laut Balazs Bindung: „Wenn ich auf den Bildschirm schaue, sehe ich mein Gegenüber nicht direkt an. Bei gemeinsamer Zeit hingegen entsteht Körperkontakt, etwa durch ein herzliches Drücken zur Begrüßung oder einen gemeinsamen Nachmittag nebeneinander auf dem Sofa.“ Dadurch werde das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Das aktiviert unser Belohnungssystem und bewirkt, dass wir uns gut und angenommen fühlen.

Es liegt auch an uns selbst, aktiv auf Freunde und neue Bekanntschaften zuzugehen, oder sich zum Beispiel in Sportkursen anzumelden, um dort Gleichgesinnte zu finden. Das rät Balazs auch den Studierenden, die bei ihr Hilfe suchen, wenn sie keinen Anschluss finden. Denn das Gefühl, einsam zu sein, kann man auch haben, obwohl man viele Leute kennt: „Einsamkeit heißt nicht soziale Isoliertheit“, sagt Balazs. Wenn ich von 200 Studierenden im Audimax umringt bin, kann ich mich trotzdem alleine fühlen, ebenso, wenn ich mich gut mit meinen Arbeitskollegen verstehe.

Wenn das Gefühl der Einsamkeit chronisch wird, kann es uns sogar krank machen: Depressionen, Ängste und ein geschwächtes Immunsystem sind mögliche Folgen der Einsamkeit. Sorgen zu machen, weil man sich gerne mal zurückzieht, braucht man sich aber nicht: „Einsamkeit liegt nur vor, wenn eine Diskrepanz herrscht zwischen dem, was ist, und dem, wie ich es gerne hätte.“ sagt Balazs. „Alleinsein kann auch gut tun.“