Kreis Heinsberg: Juli-Sprecher Kamp: „Politik sollte zeigen, dass sie zugänglich ist“

Kreis Heinsberg: Juli-Sprecher Kamp: „Politik sollte zeigen, dass sie zugänglich ist“

Die FDP ist zwar nicht mehr auf Bundes- und Landesebene vertreten, in den Kommunen und Kreisen aber wohl. An den jungen FDP-Politiker Christoph Böhm wandte sich Lukas Kamp mit 14 Jahren, als bei seinem Handballverein die Trainingszeiten in der Halle beschnitten werden sollten. „Richtig Handball spielen konnte man da eh kaum, weil wir die Halle in zwei Felder teilen mussten“, erinnert sich der 23-Jährige an seine ersten politischen Schritte.

Er habe das Thema dann persönlich im Stadtrat vortragen dürfen und im Ergebnis bessere Nutzungsmöglichkeiten als zuvor für seinen Verein erzielt. Kamp studiert inzwischen an der Hochschule Niederrhein Maschinenbau im Master. Außerdem ist er Vorsitzender der Jungliberalen im Kreis Heinsberg. Im Interview mit unserer Zeitung erzählt er, was die jungen Menschen seiner Meinung nach bewegt.

Lukas Kamp, Vorsitzender der Jungliberalen. Foto: nai

Wird die Stimme von jungen Menschen von der Politik gehört?

Kamp: Ja, ich denke schon. Die Reaktion kommt immer so rüber wie: „Lass den Jungen mal reden, der hat ja eh keine Ahnung vom Ganzen“, aber wenn dann noch zwei andere seiner Meinung sind, dann ist das schon direkt eine andere Hausnummer. Wenn man die Jugendlichen auch noch ermuntert, etwas zu ihren Einwänden zu schreiben… Wie beispielsweise in Wegberg: Die Jungliberalen wollten ein Bewertungssystem für Lehrer einführen, dann haben sie einen Antrag geschrieben und auf einem Landeskongress eingebracht, dort wurde dann auch darüber diskutiert. Und da waren sie stolz wie Bolle — ob da jetzt etwas draus wird, ist dann wiederum eine andere Frage. Da muss man abwarten.

Die jungen Parteien sind im Kreis Heinsberg trotzdem nur schwach vertreten, teilweise nur schwer auffindbar und zugänglich. Woran scheitert es, junge Menschen für Politik zu begeistern?

Kamp: Die Politik macht nicht transparent genug, dass sie zugänglich ist. Die Jugendlichen haben keinen Kontakt und keinen Bezug zur Politik. Viele wissen nicht, dass man beim Stadtrat die Parteien konkret ansprechen kann. Es scheitert auch oft an der Art und Weise, wie die Politik Jugendliche anspricht. Würden wir Diskussionsveranstaltungen anbieten, dann wäre das für die jungen Leute eher so wie Unterricht. Vor allem, weil Julis bis 35 Jahre in der Organisation bleiben dürfen. Da kommt es zu ganzen Generationsunterschieden. Deshalb versuchen wir konkret Formate wie Stammtische anzubieten — Politik steht dabei gar nicht im Vordergrund, sondern, dass sich die Leute treffen und miteinander sprechen. Irgendwann kommt bei einem Thema dann mal die Frage auf: „Ja wie ist das denn — wo könnte man denn da mal was ändern?“ Und dann sind wir in der politischen Diskussion.

Trotz dieser Erkenntnisse haben auch die Julis im Kreis Heinsberg Nachwuchsschwierigkeiten.

Kamp: Es ist sehr dürftig im Kreis. Vor allem an Leuten, die bereit sind, die Organisation zu übernehmen. Das liegt auch daran, dass die Dörfer so weit auseinanderliegen. Nicht jeder hat ein Auto, viele Schüler noch keinen Führerschein — selbst ich muss mir gut überlegen, für welche Anlässe ich etwa die jungen Mitglieder in Selfkant besuche. Aus Wegberg raus bin ich da manchmal 40 bis 50 Minuten unterwegs. Erschwerend ist auch die Landflucht, glaube ich. Unsere aktivsten Mitglieder sind Schüler, die dann aber Abitur machen, meist in Köln oder Düsseldorf studieren und dorthin ziehen. Ich habe das Glück, an der Hochschule Niederrhein zu studieren — ich kann somit Zuhause wohnen bleiben, die Fahne noch hoch halten und junge Leute motivieren.

Wie kriegt man die Jugend dazu, sich politisch zu engagieren?

Kamp: Kommunalpolitisch versuchen wir, die Leute und auch die Jugend immer an konkreten Themen abzuholen. So war das auch bei mir: Da hatte ich das Gefühl, dass unser Handballverein ungerecht behandelt wird, und da bin ich in die Politik gegangen, in den Bildungsausschuss, und durfte mein Anliegen vortragen — und konnte damit auch einen Erfolg erzielen. So kann man die Jugend eigentlich gut erreichen. Ich glaube, junge Leute wissen oft überhaupt nicht, was es für Möglichkeiten gibt, Einfluss zu nehmen. Und was sie für Rechte haben.

Was sind die konkret jungen Themen?

Kamp: Bei uns beschweren sich die meisten Jugendlichen über Lehrer — sie sagen immer: „Es gibt super gute Beispiele, aber eben auch sehr schlechte.“ Sie fordern, dass sich daran etwas ändern müsse in NRW. Das ist aber kein kommunales Aufgabengebiet, sondern liegt in der Verantwortung des Landes. Deshalb nehme ich die jungen Leute immer mit zu den sogenannten Landeskongressen. Wir fahren mit meinem Auto hin und sie bekommen etwas Geld fürs Hotel. Auf den Kongressen können sie dann vor einem ganz großen Publikum über ihre Themen reden. Das ist schon beeindruckend, wenn die Jungen nach vorne gehen und mal so richtig auf den Tisch hauen.

Und die Mädchen hauen nicht auf den Tisch? Die FDP ist gegen die Frauenquote, aber auch eine Partei mit wenigen Frauen. Zeichnet sich das schon bei den Julis ab — und woran liegt das?

Kamp: Die FDP versucht immer, ihre Frauen vorzuhalten aber es gibt leider einen großen Männerüberschuss, auch im Kreis Heinsberg. Auch bei den Julis. Ich weiß nicht, ob es an den Parteistrukturen liegt… Ich kann mir das nicht vorstellen, aber ich bin ja auch selbst ein Mann und kann das daher vielleicht nicht einschätzen. Bei den Frauen, mit denen ich arbeite, habe ich aber nicht das Gefühl, dass sie sich benachteiligt fühlen. Vielleicht ist das Liberale auch nicht so ganz Frauensache? Ich weiß nicht, woran es liegt.

Wie wichtig sind die sozialen Netzwerke für die jungen Organisationen?

Kamp: Facebook machen wir seit vier Jahren richtig. Wir sind ganz stolz auf unsere knapp 400 Likes. Aber unsere Homepage ist veraltet. Das ist eine der Schwierigkeiten, die sich durch die Nachwuchsproblematik ergeben. Für die Pflege der Online-Präsenz braucht man Zeit und Können. Da findet sich nicht immer jemand. Facebook ist für uns aber weitaus wichtiger als die Internetseite — es ist ein Aushängeschild, gerade für die Jugend. Meiner Meinung nach müssen da auch die normalen Parteien viel aktiver mitmischen.

Gerade im Zuge der Debatte über Falschmeldungen und Hasskommentare gerät Facebook immer mehr in Kritik. Hat Politik in diesem Medium wirklich etwas verloren?

Kamp: In der Öffentlichkeit wird Facebook meist als rechtsfreier Raum dargestellt — aber die fehlende Kontrolle hat auch Vorteile: Man kann erst einmal Behauptungen aufstellen, die polarisieren. Man muss auch nicht direkt nachweisen, dass die Aussage stimmt — aber man kann eben auch darüber diskutieren. Facebook bietet also eine Plattform, über die wir auch ganz viel Aufklärung betreiben können. Wenn man sich nicht aktiv an den Diskussionen beteiligt, mögen sie auch noch so absurd sein, dann verliert man die jungen Leute. Die glauben dann nämlich die Falschmeldungen. Meiner Meinung nach ist online außerdem das Kommunikationsmittel, mit dem man die meisten Leute erreicht. Jeder hat Internet, aber nicht jeder hat ein Auto. Wir machen die Stammtische in den Dörfern. Diejenigen, die nicht hin können, diskutieren dann auf Facebook.

Die Aufgabe der Jugendorganisationen von Parteien wird oft auch als Einbringung von revolutionären Ideen betrachtet. Was sind die Ansätze der Juli im Kreis Heinsberg?

Kamp: Es gibt derzeit nicht so viel, woran man sich reiben kann. Weil wir nicht mehr im Bundestag sind und auch nicht in einer Regierung, die uns jetzt akut betrifft. Es wäre schön, wenn die FDP wieder auf Bundes- oder Landesebene vertreten wäre, dann hätte man auch mal wieder was zu meckern, aus jugendlicher Sicht. So wie früher. Es gibt einige Themen, die die Julis auf die Parteiagenda gebracht haben, wie die Legalisierung von THC. Die örtliche FDP hat dabei um die konservative Wählerklientel gefürchtet und uns stark kritisiert. Inzwischen ist das im Bundeswahlprogramm der FDP gelandet. Jetzt muss das der Ortsverband ebenso hinnehmen. Ähnlich verhielt es sich mit der Aussetzung der Wehrpflicht oder dem Ausbau des Fernbussystems.

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