Region: Jobtausch: Muskelkater kennt ein Bäcker nicht

Region : Jobtausch: Muskelkater kennt ein Bäcker nicht

Wenn es ein Handwerk gibt, das ich wirklich so gar nicht beherrsche, dann ist es das Backen. Warum? Ich bin der Meinung, dass das familiär bedingt ist. Meine Mutter ist zwar eine hervorragende Köchin, gebacken wurde bei uns allerdings nicht.

Noch nicht einmal Plätzchen zu Weihnachten waren drin — und diese Abneigung gegenüber dem Backhandwerk hat mich geprägt. Und nun stehe ich ausgerechnet da, wo ich mich eigentlich so gar nicht auskenne — in einer Backstube.

Volontärin Sonja Essers geht in die Lehre bei Marcel Zschiederich. Er macht eine Ausbildung zum Bäcker.
Volontärin Sonja Essers geht in die Lehre bei Marcel Zschiederich. Er macht eine Ausbildung zum Bäcker. Foto: Wolfsperger

Die Uhr zeigt 1.30 Uhr an, und meine Schicht beginnt. Ausgestattet mit Schürze und Haarnetz betrete ich eine neue Welt. Etliche Brote und Süßspeisen sind bereits fertig. Feierabend ist jedoch noch lange nicht. Schließlich müssen 15 Filialen in der gesamten Region beliefert werden — jeden Tag. Da kann man auch mal ins Schwitzen geraten, wie ich schnell feststellen werde.

xxx
xxx

Zu Beginn ist es jedoch noch relativ entspannt. Meine erste Aufgabe: Weißbrote backen. Wer glaubt, dass heutzutage in Bäckereien alle Arbeiten von Maschinen erledigt werden, der irrt gewaltig. Lediglich der Teig wird in der Backstube am Strangenhäuschen maschinell angerührt. Der Rest ist Handarbeit, immer noch. Wie die aussieht, zeigt mir Marcel Zschiedrich. In nur wenigen Sekunden formt er aus kleinen Teigkugeln Brote. In der Zeit, in der ich versuche, den Teig zu einem runden Etwas zu kneten, stellen Marcel Zschiedrich und seine Kollegen zwei Brote her. Davon bin ich noch meilenweit entfernt. Aber ich bin ja auch ein Anfänger.

Dabei sieht das bei Marcel Zschiedrich doch so einfach aus. Es braucht einige Anläufe, und dann habe auch ich es geschafft. Ganz schön anstrengend, denke ich bereits nach einer guten Stunde und spüre wie meine Oberarme und Handballen ein wenig brennen. Da weiß ich allerdings noch nicht, dass es noch viel schlimmer wird.

Muskelkater kennt Marcel Zschiedrich nicht. „Ich muss auf jeden Fall nicht ins Fitnessstudio“, sagt er und lacht. Auf der Suche nach einer geeigneten Ausbildungsstelle machte der Stolberger auch ein Praktikum in einer Backstube. „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Da dachte ich mir: Warum soll ich nicht einfach eine Ausbildung zum Bäcker machen?“ Gesagt, getan. Das ist nun fast ein Jahr her und Marcel Zschiedrich macht seine Ausbildung noch immer sehr viel Spaß.

Auch die für viele wohl gewöhnungsbedürftigen Arbeitszeiten stören ihn nicht. Normalerweise beginnt seine Schicht gegen 1.30 Uhr in der Nacht, am Wochenende steht er noch eine Stunde früher in der Backstube. Feierabend hat er meist gegen 9 Uhr. Und dann? „Wenn ich nach Hause komme, lege ich mich zwei Stunden hin, habe dann noch etwas Freizeit und schlafe dann noch mal, bevor ich wieder arbeiten muss“, sagt er. Schlafmangel kennt der Azubi nicht.

Im Gegensatz zu mir. Um Mitternacht hat mein Wecker geklingelt. Geschlafen habe ich allerdings kaum und bin dementsprechend müde. Nach zwei Tassen Kaffee fühle ich mich wacher, doch bereits wenige Minuten nachdem ich die Backstube betreten habe, ist an Schlaf nicht mehr zu denken.

Schließlich steht schon die nächste Aufgabe an: Brote aus Dinkelmehl müssen gebacken werden. Ich bin optimistisch, schließlich weiß ich bereits, was ich tun muss. Denke ich zumindest. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass dies keine ganz einfache Aufgabe ist. Denn: Der Teig ist viel klebriger als beim Weißbrot. Immer wieder packe ich in das Mehl, das über den ganzen Arbeitstisch verteilt ist und staube den Teig damit ein. Marcel Zschiedrich beäugt meine Arbeit immer wieder. Es scheint, als müsse er sich das eine oder andere Mal ein Lachen verkneifen. „Für den Anfang ist das schon ganz gut“, sagt er und versucht, mich damit aufzumuntern. Innerlich habe ich allerdings schon fast resigniert. Und dann klappt es plötzlich doch noch. Unzählige Brote später habe ich den Dreh endlich raus. Marcel Zschiedrich unterstützt mich mit einem „Super!“ oder „Klasse!“. Wer hätte gedacht, dass Backen so anstrengend sein kann? Ich definitiv nicht!

Was habe ich eigentlich erwartet? So ganz sicher, bin ich mir dann auch nicht mehr. Allerdings hätte ich niemals gedacht, dass das Backhandwerk vor allem eins ist: Teamarbeit. Funktioniert nur ein Glied nicht in der Kette, die von der Herstellung bis zum Versand reicht, leiden auch alle anderen darunter. Das passiert in dieser Nacht natürlich nicht, obwohl ich das Gefühl habe, mit meiner Unwissenheit das eine oder andere Mal die Produktion aufzuhalten. Und dann ist es geschafft. Zur Belohnung erhalte ich ein Käsebrötchen. Schließlich ist das Marcel Zschiedrichs Lieblingsgebäck. Und ich muss sagen: Das kann ich verstehen!