Städteregion: Interview mit Bettina Herlitzius: Inklusion soll mehr als eine Randnotiz sein

Städteregion: Interview mit Bettina Herlitzius: Inklusion soll mehr als eine Randnotiz sein

Als die Städteregion im April 2014 ihr Amt für Inklusion einrichtete, war sie damit bundesweit Vorreiterin. Diese Rolle kann sie auch gut vier Jahre später prinzipiell noch für sich in Anspruch nehmen. Das ändert allerdings nichts daran, dass der Weg zu einer „echten“ Inklusion auch in der Städteregion nach wie vor ein weiter ist. Über das bereits Erreichte und die nächsten Etappenziele hat sich Amtsleiterin Bettina Herlitzius im Gespräch mit unserer Zeitung geäußert.

Die Politik hat im Dezember einen durchaus revolutionären Beschluss gefasst. Zukünftig sollen die Vorlagen aller Ausschüsse um den Aspekt „Auswirkungen auf die Inklusion“ erweitert werden. Wann ist mit der Umsetzung zu rechnen?

Im Frühjahr 2019 soll nach derzeitigem Stand mit dem Bau eines barrierefreien Wegeleitsystems im Broichbachtal begonnen werden. Das Land hat rund 334 000 Euro Fördermittel für dieses inklusive Projekt bewilligt. Foto: Michael Grobusch

Herlitzius: Die Vorgespräche dazu sind mittlerweile abgeschlossen, die Ergänzung der Stellungnahmen ist jetzt für alle Ämter verbindlich. Die Umsetzung ist allerdings noch in der Entwicklungsphase. Nach dem Ende der Sommer- und Sitzungspause werden wir in der Praxis sehen, wie gut das schon funktioniert.

Immer wieder hat es im Inklusionsbeirat den Hinweis gegeben, dass die Vorlagen der Verwaltung schwer zu verstehen sind — verbunden mit der Forderung, diese in Leichte oder Einfache Sprache zu übersetzen.

Herlitzius: Wir haben im Bereich des Gesundheitsamtes ein Pilotprojekt gestartet und einige vielgefragte Veröffentlichungen, zum Beispiel zu Krätze oder Kinderkrankheiten, überarbeitet. Ursprünglich wollten wir Einfache Sprache verwenden. Aber wir haben festgestellt, dass es häufig besser ist, doch die Leichte Sprache zu verwenden, die unter anderem auch Bilder beinhaltet, damit wirklich alle das Dargestellte verstehen können.

Das klingt nach einem erheblichen Aufwand.

Herlitzius: Das ist in der Tat mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Eine Übersetzung in Einfache oder Leichte Sprache funktioniert nicht wie die Übersetzung einer Fremdsprache. Aussagen und Darstellungen müssen verkürzt und vereinfacht werden. Dabei muss aber verhindert werden, dass der Inhalt verändert wird. Bei der Leichten Sprache muss zusätzlich noch ein passendes Layout gestaltet werden. Das ist in der Summe äußerst anspruchsvoll, weshalb wir auch mit unserer Druckerei und einem Übersetzungsbüro eng zusammenarbeiten. Außerdem müssen Übersetzungen in Leichte Sprache von zertifizierten Prüfern abgenommen werden. Deshalb werden wir in diesem Bereich immer auf externe Vergaben angewiesen sein.

Die Übersetzung aller Vorlagen erscheint da ziemlich illusorisch.

Herlitzius: Wir werden es in absehbarer Zeit wohl nicht schaffen, sämtliche Vorlagen barrierefrei zu gestalten. Wir haben aber sehr wohl den Plan, zum Ende des Jahres mit einzelnen Vorlagen im Inklusionsbeirat einen Probelauf zu starten. Der Landschaftsverband Rheinland praktiziert das bereits bei seinem Ausschuss für Inklusion. Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns an seinem Konzept orientieren werden.

Die neue Vorsitzende des Inklusionsbeirates, Karin Schmitt-Promny, hat im Gespräch mit unserer Zeitung gefordert, dass die Belange von Kindern und Jugendlichen im Inklusionsbeirat zukünftig mehr berücksichtigt werden sollten. Teile Sie diese Meinung?

Herlitzius: Inklusion ist eine Querschnittsaufgabe, und zugleich muss man auch schauen, welche Zuständigkeiten vorhanden sind. Wir haben beispielsweise im Inklusionsbeirat den Schulbereich außen vor gelassen, weil dies in die Aufgabenbereiche anderer Ämter fällt. Das gleiche gilt auch für die Kindertagesstätten. Allerdings werden wir uns dem Bildungsbereich im Rahmen der weiteren Vertiefung der Sozialberichterstattung in Zukunft sicherlich intensiver widmen. Dazu muss jedoch zunächst eine noch bessere Datenbasis geschaffen werden.

Die Städteregion stellt jährlich Fördermittel in Höhe von 30 000 Euro für Projekte und Initiativen zur Inklusion zur Verfügung, diese Mittel werden aber nicht ansatzweise ausgeschöpft. 2017 wurden für acht Projekte insgesamt 12.200 Euro ausgezahlt, in diesem Jahr gibt es bislang erst drei förderfähige Anträge. Woran liegt das?

Herlitzius: Dem gehen wir gerade auf den Grund. Der Inklusionsbeirat hat uns aufgefordert, die Zielgruppen noch direkter anzusprechen. Eine Option wäre, den Schwerpunkt von der Pilot- und Programmförderung auf die strukturelle Unterstützung zu verlagern. Wir werden aber noch die Evaluation für das laufende Jahr abwarten und Anfang 2019 dann einen konkreten Vorschlag dazu machen, wie ein besserer Zugang zu den Mitteln ermöglicht werden könnte.

Einer der Punkte aus dem Aktionsplan für das Jahr 2018 ist die Veranstaltung einer Sommerakademie. Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?

Herlitzius: Wir werden uns im September mit der Arbeitsgemeinschaft Öffentlichkeit treffen und festlegen, welche Träger, Vereine und Initiativen wir ansprechen und wann die Veranstaltung — im kommenden Jahr — stattfinden wird. Es gibt die Idee, die Sommerakademie in einer Behindertenwerkstatt zu veranstalten. Auch dazu werden wir im frühen Herbst mit den beteiligten Akteuren eine Entscheidung treffen und dem Inklusionsbeirat dann in der November-Sitzung das konkrete Konzept vorstellen.

Beim Aufbau eines barrierefreien Wegeleitsystems sind Sie schon weiter. Die Städteregion erhält vom Land eine Förderung in Höhe von 334.000 Euro aus dem Landesprogramm „Investitionspakt Soziale Integration im Quartier“. Wann beginnt die Umsetzung?

Herlitzius: Wir sind sehr stolz darauf, dass wir dieses Projekt realisieren können. Der genaue Zeitplan steht noch nicht. Die Planungsleistungen sind im Juli in Auftrag gegeben worden. In Kooperation mit Behindertenwerkstätten planen wir, Teststrecken im Aachener Wald abzugehen, um praktische Erfahrungen zu sammeln, die dann beim Aufbau des Wegeleitsystems im Broichbachtal berücksichtigt werden. Ich gehe davon aus, dass die Umsetzung im Frühjahr 2019 beginnen wird.

Der Inklusionsbeirat hat gefordert, dass der AVV in die Planung einbezogen wird, damit der Parcours für Menschen mit Handicap auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sein wird.

Herlitzius: Das wird auch geschehen. Sobald wir mit den Ausführungsplanungen konkreter werden und wir vielleicht schon eine erste Teststrecke gebaut haben, werden wir Gespräche mit dem AVV über die barrierefreie Gestaltung der im Einzugsbereich liegenden Bushaltestellen führen.