Städteregion: Inklusionsbeirat: Weiterhin großer Handlungsbedarf

Städteregion: Inklusionsbeirat: Weiterhin großer Handlungsbedarf

Am Dienstagabend hat sie ihre letzte Sitzung als Vorsitzende des städteregionalen Inklusionsbeirates geleitet: Eva Malecha war 2014 Gründungsmitglied dieser bundesweit einmaligen Einrichtung und hat sich nicht nur dort für die uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Handicap starkgemacht.

Vor ihrem beruflich bedingten Fortgang aus der Städteregion spricht sie im Interview mit unserer Zeitung über das bereits Erreichte und den aus ihrer Sicht weiterhin großen Handlungsbedarf.

Der Inklusionsbeirat gilt als Alleinstellungsmerkmal der Städteregion. Das Alleinstellungsmerkmal des Beirates wiederum war lange Zeit, dass es dort hoch und mitunter auch sehr lautstark zuging.

Malecha: Das stimmt, am Anfang herrschte pures Chaos. Mittlerweile merkt man aber, dass sich der Inklusionsbeirat entwickelt. Es setzt sich das Bewusstsein durch, dass die Mitglieder gemeinsam etwas gestalten und erreichen können. Trotz oder gerade wegen der besonderen Konstellation. Denn im Beirat sitzen sehr viele Experten, und die Politik hat keine Mehrheit.

Ist es nicht enttäuschend, dass zu beinahe der Hälfte der 70 Punkte, die der Ende 2013 verabschiedete Inklusionsplan beinhaltet, inzwischen festgestellt wurde, dass die Städteregion nicht zuständig ist?

Malecha: Nein, das finde ich nicht. Der Inklusionsplan sollte und soll nicht nur aufführen, was wir als Städteregion machen können, sondern auch die Punkte, die man weitergeben kann, beispielsweise an die Kommunen oder den Landkreistag. Das ist damals vielleicht nicht deutlich genug gesagt worden.

Mittlerweile ist der Inklusionsplan zweimal evaluiert worden. Seit diesem Jahr gibt es nun einen Aktionsplan für zwölf bis 24 Monate, der aktualisiert und fortgeschrieben werden soll. Warum?

Malecha: Man kann nicht alles auf einen Schlag ändern. Mit dem Aktionsplan werden konkrete Ziele und Erwartungen für einen überschaubaren Zeitraum formuliert. Das macht die Arbeit des Inklusionsbeirates einfacher und transparenter.

Seit 1. April 2014 hat die Städteregion ein Inklusionsamt. Auch das ist in Deutschland eine absolute Ausnahme. Leiterin Bettina Herlitzius hat seitdem schon oft feststellen müssen, dass Aufgaben und Erwartungen nicht erfüllt werden können. Hätte man dieses Amt nicht personell und finanziell besser ausstatten müssen?

Malecha: Inklusion betrifft ja nicht nur das Inklusionsamt, sondern muss bei der Arbeit aller Ämter der Städteregion berücksichtigt werden. Das ändert aber nichts daran, dass ich das Inklusionsamt für personell unterbesetzt halte. Was die finanzielle Ausstattung angeht, muss man die weitere Entwicklung beobachten. 2016 sind Förderrichtlinien eingeführt worden. Die vorhandenen Mittel wurden zunächst nicht vollständig abgerufen, doch die Nachfrage steigt mittlerweile stetig an. Es kann also gut sein, dass perspektivisch auch über eine Erhöhung der Mittel gesprochen werden muss.

In der letzten Sitzung des Jahres wurde Bilanz gezogen hinsichtlich der Punkte aus dem Aktionsplan. Da ging es unter anderem um die Barrierefreiheit in den Verwaltungsgebäuden der Städteregion. Wie fällt Ihre Bewertung dazu aus?

Malecha: Weniger gut. Da muss sich leider noch sehr viel ändern. Selbst im Neubau des Hauptgebäudes an der Zollern-straße gibt es keine uneingeschränkte Barrierefreiheit. Beispielsweise öffnet die Türe der Behindertentoilette im Erdgeschoss nach Innen, das geht gar nicht. Kommunen und Kreise müssen als Vorbilder vorangehen, damit sich die Situation auch auf dem privaten Wohnungsmarkt ändert. Barrierefreie Wohnungen gibt es dort fast gar nicht. Ich habe das vor meinem Umzug nach Krefeld gerade wieder selbst erfahren müssen.

Wie sollte sich der Inklusionsbeirat Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren weiterentwickeln?

Malecha: Er muss als Expertengremium noch mehr anerkannt und eingebunden werden. Bis jetzt befassen sich die Fachausschüsse nur dann mit Inklusionsthemen, wenn sie von uns dort eingebracht werden. Einzige positive Ausnahme ist der Kinder- und Jugendhilfeausschuss. In Zukunft sollte es aber zu einer Selbstverständlichkeit werden, dass alle Fachausschüsse auf eigene Initiative die Meinung und Empfehlung des Inklusionsbeirates einholen, sobald Menschen mit einer Behinderung betroffen sind. Das hätte natürlich zur Konsequenz, dass der Inklusionsbeirat öfter als nur vier Mal im Jahr tagen müsste.

Eines Ihrer Anliegen war in den Jahren die häufigere Verwendung von einfacher Sprache in Politik und Verwaltung.

Malecha: Ja, weil auch die einfache Sprache ein Teil der Barrierefreiheit ist. Ich halte es nach wie vor für angebracht und sinnvoll, zumindest kurze Zusammenfassungen von allen Verwaltungsvorlagen in einfacher Sprache zu verfassen. Gleiches gilt auch für die amtlichen Briefe, die verschickt werden. Es gibt leider kein allgemeines Recht auf Verständlichkeit. Aber wenn wir die Teilhabemöglichkeiten verbessern wollen, dann ist der sprachliche Zugang ein ganz wichtiger Aspekt. Die Städteregion ist da grundsätzlich aber auf einem ganz guten Weg. Maßnahmen wie das interne Fortbildungsprogramm oder die Neugestaltung der Homepage, die für ihre Barrierefreiheit ausgezeichnet worden ist, belegen das.

In der ersten Sitzung des Inklusionsbeirates im neuen Jahr wird Ihre Nachfolge geregelt werden müssen. Gibt es dazu schon Pläne?

Malecha: CDU und Grüne werden Karin Schmitt-Promny für den Vorsitz vorschlagen. Sie arbeitet beim Paritätischen, ist Mitglied des Inklusionsausschusses des Landschaftsverbandes, bringt große politische und fachliche Erfahrung mit und eignet sich aus meiner Sicht deshalb hervorragend für diese Aufgabe.

Land fördert das barrierefreie Wegeleitsystem mit 334.000 Euro

Die Städteregion erhält aus dem Landesprogramm „Investitionspakt Soziale Integration im Quartier 2017“ eine Förderung in Höhe von 334.000 Euro für den barrierefreien Ausbau des Wegeleitsystems im Wurm- und Broichbachtal. Sozialdezernentin Professor Edeltraud Vomberg und Inklusionsamtsleiterin Bettina Herlitzius haben jetzt von Regierungspräsidentin Gisela Walsken den Bescheid entgegengenommen.

„Ich bin sehr stolz darauf, dass wir mit diesem interkommunalen Projekt der Städte Alsdorf, Herzogenrath und Würselen landesweit der einzige ‚Kreis‘ sind, der in diesem Förderprogramm berücksichtigt wird. Das zeigt, dass wir bei der inklusiven Freizeitgestaltung wortwörtlich auf dem richtigen Weg sind“, freut sich Herlitzius.

„Das neue Leitsystem ist ein selbsterklärendes Beschilderungssystem und wird Barrieren abbauen. Es ist für jedermann geeignet, besonders aber für Kinder, Menschen mit kognitiven Einschränkungen und für Analphabeten“, so Herlitzius weiter. Es wird an die Wandernetze der Stadt Aachen und der Provinz Südlimburg anschließen.

Zusätzlich entstehen verschiedene Möglichkeiten, rollstuhlgerechte „Wanderungen“ entlang des Broichbachs zwischen Herzogenrath und Alsdorf zu unternehmen. Diese Rundwege werden auch mit einem Blindenleitsystem versehen. Das geplante Knotenpunktsystem bildet eine Basisausschilderung analog zum Radwegeknotenpunktnetz.

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