Kreis Heinsberg: Ibrahim Arslan: „Wir sind alle von Rassismus betroffen“

Kreis Heinsberg: Ibrahim Arslan: „Wir sind alle von Rassismus betroffen“

„Was würden Sie tun, wenn Sie einem Nazi gegenüberstehen?“ — „Ich würde mit ihm reden, argumentieren, in der Hoffnung ihn auf den richtigen Weg zu bringen“ — so Ibrahim Arslan im Anschluss an die Filmvorführung „Nach dem Brand“ im Forum vom Berufskolleg Wirtschaft des Kreises Heinsberg in Geilenkirchen.

Rassismus mit Argumenten, Mut und Dialogbereitschaft gegenüber Andersdenkenden bekämpfen, lautete der Appell Arslans an die Schülerinnen und Schüler. Entsprechend signalisierte er, dass er auch auf mögliche „rassistische Fragen“ eingehen würde, um einen Dialog zu ermöglichen. Angesprochen auf Rachegefühle gegenüber den rechten Tätern stellte er klar, dass er nicht bereit sei, in den „Täter-Opfer-Kreislauf“ einzusteigen. Er bevorzuge die Opferrolle, die er als ehrenwerter und würdiger als die eines Täters betrachte.

Film „Nach dem Brand“

„Wir alle sind von Rassismus betroffen“, so der 31-Jährige, der als Siebenjähriger in der Nacht auf den 23. November 1992 den Brandanschlag von Mölln überlebte. Das Leben der Familie Arslan nach dem Brandanschlag thematisiert der Dokumentarfilm „Nach dem Brand“, der vor circa 600 Jugendlichen verschiedener Schulformen des Berufskollegs vorgeführt wurde. Die Veranstaltung gegen Rassismus richtete sich an Schülerinnen und Schüler der Schulformen der Ausbildungsvorbereitung, der Berufsfachschule, der Höheren Handelsschule und des Wirtschaftsgymnasiums.

Ibrahim Arslan war auf Initiative der SV-Lehrerin Heike Poth angereist, um vom Schicksal seiner Familie zu erzählen. Bei den rassistisch motivierten Brandanschlägen von Mölln waren 1992 seine Oma Bahide (51), seine Schwester Yeliz (10) und seine Cousine Ayse (14) ums Leben gekommen. Die Täter hatten, nachdem sie die Brandsätze in zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser geworfen hatten, die Polizei über die Brände informiert — mit dem Nachsatz „Heil Hitler“. Vater Faruk und Sohn Ibrahim leiden seit der Tat an einem posttraumatischen Belastungssyndrom. Ibrahims Leben belastet seitdem ein ständiger chronischer Hustenreiz, der sich in der Regel nur bessert, wenn er im Ausland unterwegs ist.

Dass Ibrahim Arslan während der Veranstaltung kaum husten musste, sei ein Zeichen, dass er sich gerade sehr wohlfühle. Das Gespräch mit Jugendlichen, die er dazu aufrief, sich gegen jede Form von Rassismus zu stellen, zu dem er zum Beispiel auch die Diskriminierung Homosexueller und anderer Gruppen zählte, sei für ihn die einzige wirksame Medizin. Arslan räumte ein, dass auch er aufgrund der schrecklichen Taten in einer Zeitspanne seines Lebens zum Rassisten gegenüber Deutschen geworden sei. Heute sei ihm aber bewusst, dass es nur zwei bestimmte Deutsche waren, die die Gewalttaten an seiner Familie verübt hätten und es keinen Grund gäbe, alle Deutschen zu hassen. Gemäß seinem Glauben würde er darauf vertrauen, dass die Täter ihre gerechte Strafe ohnehin erhalten würden. Bezogen auf den IS-Terrorismus, bekannte er, dass auch er Angst vor IS-Terroristen habe, es gebe auch Ausländer, die Angst vor anderen Ausländern hätten.

Der vorgeführte Film „Nach dem Brand“ (2012) zeigt in ruhigen, bewegenden Bildern und Interviews das Leben der Überlebenden, ihre Gedanken und Konflikte und auch wie sehr — neben positiven Momenten im Familienleben oder zum Beispiel beim Fußball — das Leben aller überlebenden Familienmitglieder durch das erlittene Trauma und den Verlust der Angehörigen geprägt ist. Während der Vorführung verhielten sich alle Schülerinnen und Schüler äußerst ruhig und respektvoll, was ihre Betroffenheit und Anteilnahme am Schicksal der Familie Arslan verdeutlichte.

Opfer sollten im Fokus stehen

In den anschließenden Diskussionsrunden, moderiert von Dilan Günes (Schülerin des Wirtschaftsgymnasiums und stellvertretende Schülersprecherin) und Davia Krzewina (Schülerin der Klasse HH153 der Höheren Handelsschule) betonte Arslan noch einmal, dass bei der Aufarbeitung von Gewalttaten aus seiner Sicht immer die Opfer im Fokus — auch der Medien — stehen sollten.

Rassismus bezeichnete Arslan als gefährliche Krake mit vielen Armen. Zurzeit seien es die Flüchtlinge, die im Mittelpunkt rassistischer Verfolgung stünden. Wenn die Flüchtlinge nicht mehr da seien, seien wieder alle Ausländer Objekt der Verfolgung von Rassisten, und wenn die Ausländer nicht mehr da wären, so seine mahnende Frage an die Schülerinnen und Schüler: Wer würde dann wohl von Rassisten verfolgt werden?

Ein wichtiges Anliegen war es Arslan, aus einer mehrseitigen Liste der Opfer, die seit den Neunzigern aus rassistischen Motiven umgebracht wurden, Fälle beispielhaft vorzutragen.

Stolz, verschieden zu sein

Auf Fragen der Jugendlichen zum Thema Integration problematisierte Arslan diesen Begriff. Es sollte nicht darum gehen, anderen die eigene Lebensweise aufzudrängen, viel angemessener sei eine Haltung der Toleranz, solange die Freiheiten anderer nicht eingeschränkt würden. Dieser Appell an die Jugendlichen, andere in ihrer Verschiedenartigkeit zu respektieren, verknüpft mit dem Aufruf, sich jeder Form von Rassismus entgegenzustellen, wurde von SV-Lehrerin Heike Poth am Ende der Fragestunde im Forum noch einmal aufgegriffen, getreu dem langjährigen Schulmotto des Berufskollegs: „Wir sind stolz, verschieden zu sein!“

Im Anschluss an den Film und die Diskussionsrunde im Forum hatte jeder in der Pausenhalle die Gelegenheit, persönlich mit Ibrahim Arslan zu sprechen. „Heimat ist ein Gefühl, kein Land“, so Arslans Antwort auf die Frage eines Schülers, warum er nach den schrecklichen Ereignissen nicht in die Türkei zurückgekehrt sei.

Auf die Frage, ob er denke, dass sich der Rassismus in letzter Zeit verstärkt habe, antwortete Arslan, die Lage habe sich insofern verbessert, als sich bei rechten Kundgebungen heute einer eher geringen Zahl von Demonstranten Zehntausende Gegendemonstranten entgegenstellen würden. Dies mache Hoffnung. Er rief den Jugendlichen noch einmal zu, dass sie — als junge Menschen — es in der Hand hätten, gegen rassistisches Denken anzukämpfen, sich bei Beleidigungen und abwertendem Verhalten anderer einzumischen und Stellung zu beziehen, um so eine positive Zukunft zu gestalten, damit sich das Schicksal seiner Familie nicht wiederhole. Das Berufskolleg sei mit seinen Aktivitäten als „Schule ohne Rassismus — Schule mit Courage“ auf dem richtigen Weg.

Am Ende war es vielen Schülerinnen und Schülern ein Anliegen, sich persönlich bei Arslan zu bedanken und ihm ihren Respekt auszusprechen. Auch der Gast bedankte sich bei den Schülern für ihr Interesse und ihre Anteilnahme und lobte noch einmal ausdrücklich die beiden Moderatorinnen Dilan Günes und Davia Krzewina.

Gemeinsam mit Organisatorin Heike Poth und Schulleiterin Gabriele Kaspers wurden schon erste Überlegungen angestellt, eine derartige Veranstaltung zum Schicksal der Opfer von Gewalttaten fest im Schulprofil zu verankern.