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Aachen: Zwischen TH-Gipfeln und Nazi-Sumpf

Aachen : Zwischen TH-Gipfeln und Nazi-Sumpf

Ihre Namen zieren Straßen, ihre Konterfeis manche Chefetage nicht nur in der Aachener Hochschule. Ihr Schaffen wirkte gelegentlich bis in die letzten Winkel der Welt - und oftmals tief hinein in die Geschichte des Grenzlands.

Rund 800 Seiten umfasst die biographische Datenbank mit jüngsten Erkenntnissen über 146 TH-Wissenschaftler und -Funktionäre, deren Rollen als Wegbereiter, Förderer, maßgeblich Handelnde, Mitläufer - oder auch Gegner - des Nationalsozialismus bis heute kaum bekannt oder zumindest kaum betrachtet worden sind.

60 Jahre nach Kriegsende und zehn Jahre nach der Aufsehen erregenden Aufdeckung der Doppelidentität des ehemaligen TH-Rektors Hans Schwerte, alias SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider, haben die Aachener Historiker Armin Heinen, Werner Tschacher und Stefan Krebs die für Geschichte und Entwicklung der Hochschule prägenden Persönlichkeiten in einem zweijährigen Forschungsprojekt unter die Lupe genommen.

Ausgehend von einer im vergangenen Jahr erschienenen Dissertation des TH-Historikers Ulrich Kalkmann, stützen sie sich auf umfangreiche Quellen aus den Aachener Hochschul- und Stadtarchiven, dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf sowie renommierten Dokumentationen in Berlin und Ludwigsburg. Neben sechs Nobelpreisträgern wurden 46 Rektoren, 51 Ehrensenatoren und 85 Namensgeber von Instituten, Straßen oder anderen Einrichtungen beleuchtet.

Zumindest einen „Fall” werteten die Autoren dabei als „in der Substanz schwerer als den von Schneider/Schwerte”. Als drastischstes Beispiel für „hochgradige Verstrickung in das NS-Regime” benannten sie den Gewässerkundler Alfred Buntru (1887-1974), der in den 30er-Jahren TH-Rektor wurde.

Als hochrangiger Vertreter des Systems, SS-Standartenführer und Präsident der berüchtigten Reinhard-Heydrich-Stiftung setzte Buntru sich nicht nur für eine rücksichtslose „Germanisierung” der tschechischen Universitäten ein, sondern soll 1939 auch aktiv an der Erschießung tschechischer Studenten in Prag beteiligt gewesen sein.

Dennoch konnte er seine Karriere in Aachen 1945 praktisch nahtlos fortsetzen. 1959 wurde er zum TH-Ehrensenator ernannt.

Weit schwieriger stelle sich die Auswertung der Quellen bei dem Historiker und langjährigen Aachener Stadtarchivar Albert Huyskens (1879-1956) dar, nach dem 1977 eine Straße in Aachen benannt worden ist. Sein Verhalten während der Nazidiktatur sei kennzeichnend für die „Gratwanderung zwischen partieller Resistenz und aktiver Unterstützung” des Regimes.

So habe Huyskens die Auseinandersetzung mit theoretischen Wegbereitern des Faschismus wie Alfred Rosenberg nicht gescheut. Gleichzeitig aber habe er sich selbst als ein solcher hervorgetan, indem er etwa Hitlers Feldzüge im Westen ideologisch vorbereitet und untermauert habe. „Für Huyskens gilt, was man für viele der untersuchten Personen sagen kann”, so Tschacher. „Ohne vertiefende Forschung wird man seiner Biographie nicht gerecht werden können.”

Eindeutiger sei die Rolle des Geographieprofessors und Heimatkundlers Max Eckert-Greifendorff (1968-1938), nach dem ebenfalls eine Straße in Aachen benannt ist. Der „ausgewiesene Hitleranhänger” habe bereits im Frühjahr 1933 als einziger Aachener Hochschullehrer einen Wahlaufruf für Hitler unterschrieben. Eckert-Greifendorff starb allerdings bereits ein Jahr vor Kriegsbeginn.

Wie Vordenker, technisch-ideologische Exponenten oder zumindest Mitläufer von Massenmord und rigoroser Unterdrückung sich auch nach dem Ende des Krieges für ihre ehemaligen Parteigenossen einsetzten, zeige das Beispiel des Hüttenkundlers Paul Röntgen (1881-1965), der bereits 1932 und 33 TH-Rektor war und dieses Amt 1945 bis 1948 erneut bekleidete.

Er habe der „Arisierung” der Hochschule keinen Widerstand entgegengesetzt, andererseits aber vielen jüdischen Kollegen persönlich geholfen. Seine Reden zeugten „von der Gratwanderung deutschnationaler Funktionseliten und ihrer Einbindung in die NS-Politik”, so Heinen.

Auch der Fall des NS-Rektors Otto Gruber (1883-1957) dokumentiere besonders deutlich, „wie durch die Reintegration von aktiven Nationalsozialisten der Mythos der unpolitischen Hochschule Eingang in das Geschichtsbild der RWTH fand”, resümieren die Autoren. Ausweis dafür sei nicht zuletzt die Festschrift zum 125-jährigen Bestehen der RWTH von 1995 - jenem Jahr, das auch die Enttarnung von Schneider/Schwerte markiert.

Vor allem die Frage, wie mit den neu gewonnenen - und zu gewinnenden - Erkenntnissen umzugehen sei, müsse daher nun in den Mittelpunkt rücken, meinte Heinen: „Festschriften anlässlich weiterer Jubiläen etwa können dazu Anlass geben.”

Jetzt komme es eben darauf an, „einen Diskussionsprozess einzurichten” - etwa wenn es um Form und Inhalt der Umbenennung von Straßen oder Instituten gehe.