1. Hochschule

Detmold: Was braucht der Mensch? Von Armut, Konsum und Zufriedenheit

Detmold : Was braucht der Mensch? Von Armut, Konsum und Zufriedenheit

Wer plötzlich und unerwartet einen Wunsch frei hat, der sollte wissen, was er braucht zum Leben. „Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben”, wie es eine Lotterie mal beschrieb? Oder freie Auswahl im Spielzeugladen? Neben dem vorweihnachtlichen Konsumrausch gibt es aber auch andere Trends. Die neue Bescheidenheit von Papst Franziskus. Oder die Bereitschaft Dinge zu teilen, sogar das Auto.

Sven Stemmer ist Literaturwissenschaftler und Philosoph. Er will herausfinden, was er braucht. Darum lebt er seit dem Sommer in einem Bauwagen. Der steht auf dem Campus der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. 30 Dinge hat er mitgenommen, neben Kleidung auch ein paar Bücher, die Gitarre, seinen Laptop. In den letzten Tagen ist ein Heizlüfter dazugekommen. Im Bauwagen gibt es ein Bett, einen Schreibtisch, ein Regal, eine Arbeitsplatte mit Spüle, darüber eine altmodische Gießkanne an einem Band. Er nennt die Aktion „Diogenes-Projekt”.

Diogenes war der griechische Philosoph aus dem vierten Jahrhundert v. Chr., über den es mehr Anekdoten als Informationen gibt. Er soll ein Leben in Armut geführt haben und in Säulengängen oder in einem Fass geschlafen haben. Er lehnte äußere Zwänge und Bedürfnisse ab und akzeptierte nur die elementaren Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Kleidung, Unterkunft und Sex. Von Alexander dem Großen soll er sich nur gewünscht haben, dass der aus der Sonne gehen möge.

Was hat Stemmer während der Monate im Bauwagen über sich und seine Bedürfnisse herausgefunden? „Weniger zu haben, nimmt Angst”, sagt der 41-Jährige. „Es gibt Schätzungen, dass bei uns jeder Mensch etwa 10 000 Dinge hat. Wenn die Hälfte davon wegfiele, würde das wahrscheinlich kaum jemand merken.”

Es gebe universelle Bedürfnisse, Wünsche seien aber vom kulturellen Umfeld bestimmt oder künstlich erzeugt, fasst Stemmer seine Recherchen zusammen. „Ich befriedige das Bedürfnis durch Shoppen, freue mich fünf Minuten und dann fange ich an mich zu ärgern, weil mir wieder etwas die Wohnung vollmüllt.”

Grundsätzlich hat Stemmer nichts gegen Weihnachten. „Ich hab als Student sogar mal als Nikolaus gearbeitet, ein Super-Job.” Wichtig seien aber andere Dinge als Geld und Konsum. „Wenn ich Mönch geworden wäre, dann wahrscheinlich Franziskaner”, sagt er.

„Mache dich nicht abhängig von Dingen, die du hast oder nicht hast”, heißt einer der Grundsätze des Franziskaner-Ordens. Papst Franziskus hat mit seiner Namenswahl die Richtung seines Wirkens vorgegeben. Bruder Marcel ist seit 25 Jahren Franziskaner. Erst seit kurzem ist der gebürtige Niederländer mit dem rheinischen Akzent im Kloster Rheda-Wiedenbrück. Er besitzt ein Fahrrad, einen Laptop, ein paar Bücher, Kleidung und 50 Euro Verfügungsgeld im Monat. „Ich brauch nicht viel”, versichert der 53-Jährige in der braunen Kutte mit dem weißen Strick.

Eigentlich ist Bruder Marcel Chemiker. „Im Studium habe ich irgendwann angefangen darüber nachzudenken: Was machst du mit deinem Leben?”, erzählt er. „Das Chemie-Studium war nicht so sinngebend.” Dann studierte er Theologie und wurde Franziskaner. Und was braucht der Mensch außer Nahrung, Kleidung und Wohnung? „Man kann nicht ohne Sinn leben. Der Rest ist eigentlich zweitrangig.”

Philosoph Stemmer betont, dass seine Aktion kein Aussteigerprojekt sei. „Ich will feststellen: Was brauche ich, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können?”, sagt er und antwortet im selben Atemzug: „Überraschend wenig.” Es gibt Bibliotheken, Waschsalons und Kantinen. Wer unbedingt ein Auto braucht, könne Carsharing machen.

Sich Dinge mit anderen zu teilen, statt sie zu kaufen, liegt voll im Trend. Wie bei den sieben Mönchen und den Novizen im Franziskaner-Kloster Rheda-Wiedenbrück, die sich drei Autos und die Bibliothek teilen und gemeinsam essen. Beispiel Auto: Bundesweit teilen sich immer mehr Menschen einen Fundus an Fahrzeugen. Im Jahr 2012 seien es 500 000 gewesen, sagt der Bundesverband CarSharing in Berlin, Tendenz wachsend.

Die Bielefelder Familie Oetker gehört zu den reichsten im Land. An der Spitze des Unternehmens steht Richard Oetker. Er kennt nicht nur die Sonnenseiten als Millionär. 1976 wird der damals 25-Jährige entführt. Der Täter sperrte ihn in eine kleine Holzkiste. Stromschläge lösten Muskelkontraktionen aus. Oetker erlitt in der engen Kiste neben Wirbelverletzungen vor allem komplizierte Becken- und Oberschenkelbrüche. Bis heute spürt er die Folgen.

21 Millionen Mark Lösegeld gegen ein Leben. Was braucht der Mensch also? „Für ein gutes Leben braucht ein Mensch im wesentlichen vier Dinge”, antwortet der 62-Jährige schriftlich. „Dies sind 1. Gesundheit, 2. ein Mindesteinkommen, um Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wohnen etc. abzusichern, 3. Lebensmut und Optimismus und 4. die Verankerung und Geborgenheit in einem sozialen Netzwerk mit guten Freunden oder der Familie.”

(dpa)