1. Hochschule

Essen: Taxifahren ade: Folkwangschule will Schauspielstudenten auf harten Arbeitsmarkt vorbereiten

Essen : Taxifahren ade: Folkwangschule will Schauspielstudenten auf harten Arbeitsmarkt vorbereiten

Der Markt für Schauspieler ist hart umkämpft. 12.000 bis 15.000 Schauspieler gibt es nach Schätzungen des Interessenverbandes Deutscher Schauspieler bundesweit - rund ein Drittel davon auf Jobsuche. Viele müssten sich mit einzelnen Engagements und Gelegenheitsjobs über Wasser halten.

Einen Karrierevorteil hatten bislang die Studenten der staatlichen Schauspielschulen in Deutschland - darunter die renommierte Essener Folkwangschule. Doch auch für ihre Absolventen wird es schwieriger auf dem Arbeitsmarkt. Die Essener Schule reagiert: In Zukunft sollen die Schüler dort besser lernen, wie sie sich und ihre Projekte finanzieren können.

„Die Luft ist extrem dünn”, sagt Professor Marina Busse, Dekanin der Schauspielabteilung an der Folkwangschule. „Die Engagements sind nicht mehr selbstverständlich.” Früher sei eine Anstellung am Theater für die Absolventen der Folkwangschule sicher gewesen - heute nicht mehr. Im kommenden Jahr stellt die Schule ihre Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse um. Für die Abteilung der Darstellenden Kunst ist ein Abschluss geplant, der dem Master gleichkommt.

„Das Theater hat sich extrem verändert”, erklärt Busse. „Wir können Schauspieler nicht mehr nur für das traditionelle Sprechtheater ausbilden, wenn es sich immer mehr auflöst.” An die Stelle althergebrachter Theaterkonzepte träten heute zunehmend moderne und vielschichtige Angebote. Außerdem werde an Kunst und Kultur gespart, klagt Busse. „Wir wissen, dass es heute nicht mehr reicht, dass die Schüler schöne Rollen spielen.” Was sie bräuchten, seien Auswahlmöglichkeiten für den Beruf, ein breiter Horizont - von klassischem Theater bis zu Performance oder Tanz.

Der handwerkliche Anspruch in dem Beruf bleibe gleich, nur müssten Schauspieler heute viel flexibler sein, meint Busse - und sie müssten auch lernen, ihre Ideen zu finanzieren. „Unsere Schüler müssen unter Umständen auch lernen, Geld für Produktionen zu sammeln.” Diese Fragen will die Schauspielabteilung in Zukunft in die Ausbildungsfragen integrieren.

Den breiten Horizont, den es nach Busses Auffassung braucht, bietet die Essener Schule schon seit jeher an: Vormittags Tanz, Bühnenkampf oder Bühnenfechten, nachmittags Sprecherziehung und Bewegungslehre und abends Ensembleprobe mit Musicalschülern und Mimen. Max erlebt diesen Tagesablauf seit ein paar Wochen. Er ist Schauspielstudent im ersten Semester. „Wir sind hier so was wie die Waldorfschule unter den Schauspielschulen”, sagt der 21-Jährige. Keine überbordende Technikausbildung, mehr Freiheit für die eigene Entwicklung. „An anderen Schulen kriegt man eher eine Form - hier nicht.”

Er hofft noch auf den Vorteil der staatlichen Hochschule: „Dadurch dass die Aufnahmetests hier so hart sind und so ausgesiebt wird, bleiben weniger Leute übrig und die Chancen sind besser.” Über 800 junge Menschen bewerben sich jedes Jahr um einen von acht Plätzen an der Schauspielabteilung in Essen. An den anderen renommierten Schulen sieht es ähnlich aus. Die Schüler pendeln von einem Vorsprechen zum nächsten - bis es klappt.

Max hatte fünf Fehlversuche vor seiner Zusage in Essen, Katja acht. Sie ist im Oktober mit ihrem Schauspielstudium fertig - und ist ähnlich optimistisch wie Max. „Klar gibt es zu viele Schauspieler und zu wenig Jobs, aber ich glaube, dass ich was bekomme.”

Die Wirklichkeit sieht weniger rosig aus. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im vergangenen März rund 2000 Schauspieler arbeitslos gemeldet. Dazu kommen nach Schätzungen des Interessenverbandes Deutscher Schauspieler (IDS) noch einmal 2000 bis 4000 Darsteller, die in diesen Zahlen nicht auftauchen, weil sie „Hartz IV” bekommen und in den allgemeinen „Hartz IV” -Statistiken untergehen. „Viele bekennen sich nicht dazu”, sagt Wolfgang Klein, Sozialreferent beim IDS. „Das ist in dem Beruf ja auch ein Imageschaden. Es schmälert sozusagen den Marktwert.”

Durch die unkonstante Beschäftigung in ihrem Beruf würden viele Schauspieler den Anspruch auf Arbeitslosengeld nie erreichen, sagt Klein, der selbst Schauspieler ist. „Es gibt reichlich Kollegen, die kellnern oder Taxi fahren”. Er hält es für dringend nötig, dass junge Schauspieler schon in der Ausbildung Unterstützung in Sachen Eigenvermarktung bekommen. „Da ist ein Riesen-Nachholbedarf.” Folkwang ist gerade dabei aufzuholen.