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Studieren in der Corona-Krise: Unis werden in der Lehre kreativ

Studieren in der Corona-Krise : Unis werden in der Lehre kreativ

Seit zwei Wochen läuft das digitale Semester an den Hochschulen in NRW. Das funktioniert zwar nicht reibungslos, könnte aber eine Chance für die Hochschullehre der Zukunft sein.

Caroline Müller untersucht in diesem Sommersemester jeden Mittwoch mit ihren Studierenden Pflanzen. Eigentlich würde die Professorin für Biologie an der Universität Bielefeld dabei durch die Reihen gehen und Tipps geben, während die Studierenden Knoblauchsrauke, Erdbeere und Weißdorn kategorisieren. Stattdessen sitzt sie jetzt allein mit den Pflanzen in ihrem Büro. Per Videokonferenz sind 30 Studierende zugeschaltet, mit selbst gepflückten Pflanzen auf ihren Schreibtischen zu Hause. Sie gehören zu 780 0000 Studenten in NRW, die ihre Hörsäle, Werkstätten und Labore an den Hochschulen wegen der Corona-Pandemie derzeit nicht betreten dürfen. Das Studium findet online statt.

Mit zwei Wochen Verspätung hat das Sommersemester am 20. April begonnen. Die erste Zwischenbilanz ist positiv. Nur vereinzelt hätten die Server nicht standgehalten, der Zugriff auf Mails und Unterrichtsmaterialien sei zum Teil eingeschränkt gewesen. Inzwischen laufe technisch alles einwandfrei, berichten die Universitäten. Studierende und Lehrende treffen sich in Videokonferenzen, einige Dozenten nehmen Podcasts auf oder produzieren Videos. Andere stellen die Literatur online bereit. Aufgaben geben Studierende über digitale Lernplattformen ab.

Obwohl auf diese Weise kaum Veranstaltungen ausfallen müssen, fehlt etwas. „Ich bin lieber im Hörsaal und sehe die Studierenden. Auf dem Bildschirm sehe ich bloß 100 Icons“, sagt Axel Görlitz, Professor für Physik an der Uni Düsseldorf. In der Videokonferenz fehle das direkte Feedback über Mimik und Gestik, die Lehre sei anonymer. Aloys Krieg, Mathematik-Professor an der RWTH Aachen, betont, dass dieser soziale Aspekt für den Studienerfolg wichtig sei: „Wenn man etwas nicht versteht, ist es tröstlich, wenn es dem Sitznachbarn auch so geht. Allein zu Hause muss man den inneren Schweinehund überwinden.“ In diesem Semester lernen Studenten und Dozenten, wo die digitale Lehre Vorteile bietet und was sie nicht ersetzen kann.

Katrin Lögering vom Landesastentreffen, der Vertretung der Studierenden, warnt: „Die Studierenden sollten keine Versuchskaninchen sein für die digitale Lehre.“ Viele hätten Nebenjobs verloren, müssten ihre Kinder betreuen oder besitzen keine passende Technik. Die Landesregierung hat darauf bereits reagiert. Sie hat die Regelstudienzeit um ein Semester erhöht, Online-Prüfungen und Freiversuche ermöglicht und den Hochschulen 20 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung gestellt. Davon sollten sie Mikrofone, Kameras und Softwarelizenzen kaufen. Viele Universitäten bieten Leihgeräte für Studierende an. Sie sollen wie geplant ihr Studium fortsetzen können, aber nicht müssen.

Besonders hart trifft die Situation praxisorientierte Studiengänge wie Sport, Chemie oder Musik. „Die künstlerische Arbeit im Atelier, in Werkstätten oder im Tonstudio, das sind Dinge, die man per Audio oder Video nicht übertragen kann“, sagt Professor Thomas Grosse, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Kunst- und Musikhochschulen. Dort beschäftigen sich Studierende in diesem Semester mehr mit der Theorie. „Sonst ist man immer fokussiert auf das nächste Konzert, jetzt konzentrieren wir uns auf das, was sonst auf der Strecke bleibt. Das hat auch eine gewisse Sinnhaftigkeit“, sagt Grosse.

Naturwissenschaftler und Mediziner stehen vor ähnlichen Problemen. Laborpraktika etwa für Studierende der Chemie, Biologie oder Medizin, wurden abgesagt. Einige können digital ersetzt werden. Dafür machen Lehrende Videos von Experimenten im Labor und die Studierenden beschäftigen sich zu Hause mit der Auswertung. Wirklich vergleichbar mit der Praxis sei das aber nicht, sagt Biologie-Professorin Caroline Müller. „Es ist doch ein großer Unterschied, ob ich die Pipette selbst in der Hand halte oder das nur theoretisch durchlese. Das ist auch für den späteren Beruf essenziell.“

Unbedingt nötige Präsenzveranstaltungen sind laut einer neuen Allgemeinverfügung des Landes wieder erlaubt. Laborpraktika und der Übungsbetrieb an Musikhochschulen dürften also langsam wieder anlaufen. Es gelten allerdings strenge Auflagen zu Gruppengrößen und Mindestabständen. „Das sehen wir nicht als Freifahrtschein, weil wir wissen, dass wir die Ausbreitung des Virus im normalen Betrieb nicht kontrollieren könnten“, sagt Thomas Grosse. Die Hochschulen entwickeln jetzt Konzepte, wie und ab wann solche Veranstaltungen wieder anlaufen können.

Auch Prüfungen dürfen wieder stattfinden, mit Mindestabständen von 1,5 Metern und ohne Warteschlangen vor den Räumen. An der RWTH Aachen stehen beispielsweise noch etwa 400 Klausuren vom Wintersemester aus, die zunächst abgesagt werden mussten. Für eine einzige Klausur im Fach Maschinenbau haben sich 2300 Studierende angemeldet. Solche Klausuren könnten in Schichten geschrieben werden, aufgeteilt auf mehrere Hörsäle. Priorität haben weiterhin digitale Alternativen.

Vorerst bleibt der normale Lehrbetrieb digital. „Für die Lehre ist die Situation ein Innovationsschub“, sagt Axel Görlitz von der Uni Düsseldorf. Studierende können selbst entscheiden, wann, wo und in welchem Tempo sie lernen - diese Flexibilität hatten Studierendenvertreter wie Katrin Lögering schon vor der Krise gefordert. „Eine klassische Vorlesung ohne digitale Lehre bedeutet auch heutzutage noch manchmal, dass auf Latein aus einem Buch zitiert wird“, sagt sie. Jetzt werden neue Konzepte und Tools ausprobiert. „In den letzten sechs Wochen haben wir mehr geschafft, als in den letzten drei Jahren“, sagt Thomas Grosse, der auch Mitglied im Vorstand Digitale Hochschule NRW ist. Die Umstellung ist also auch eine Chance für die Digitalisierung der Hochschulen für die Zeit nach der Krise.

(dpa)