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Hamburg: Plagiate an Unis gehen zurück: Wissensräuber werden vorsichtiger

Hamburg : Plagiate an Unis gehen zurück: Wissensräuber werden vorsichtiger

Es bleiben noch drei Tage, dann muss die Hausarbeit über die Bündnispolitik Bismarcks auf dem Tisch des Professors liegen. Die Fäuste gegen den Kopf gestützt, sitzt die Geschichts-Studentin über Bergen von kopierten Fachaufsätzen und aufgeschlagenen Büchern. „Ich schaffe es nicht, die ganzen Ferien umsonst geopfert”, schießt es ihr durch den Kopf. Ihr letzter Ausweg: Wissensklau.

Im Internet „ergooglelt” die Studentin brauchbare Versatzstücke, kopiert diese per Suchmaschine gefundenen Teile in ihre Arbeit und baut alles zu einer halbwegs lesbaren Analyse zusammen. In Deutschland ist dies eher die Regel als die Ausnahme: 25 bis 30 Prozent aller Seminar- und Diplomarbeiten sind nach Schätzungen ganz oder teilweise Plagiate.

Doch seit etwa drei Jahren schlagen Dozenten und Professoren bei den „Plagiatorenkämpfen” ( „Süddeutsche Zeitung” ) immer erfolgreicher zurück. An der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (WISO) der Universität Hamburg läuft noch bis Ende des Jahres eine Testphase mit der Software Turnitin.

Bisher haben 63 Lehrbeauftragte knapp 1000 Arbeiten testen lassen. „Die Plagiatzahlen sind stark rückläufig, da Studenten nun wissen, dass ihr Betrug auffliegen kann”, sagt der Dekan der WISO-Fakultät, Wolfgang Weber. Je nach Maßstab gilt eine Arbeit als Plagiat, wenn 5 bis 15 Prozent fremder Quellen einfach als eigene Leistung „verkauft” werden.

Die elektronisch als Datei eingereichte Arbeit wird von der Software gescannt und mit Milliarden Seiten weltweit abgeglichen. Die Suchprogramme fahnden nicht nur im Internet, sondern haben auch Zugriff auf Millionen von Beständen in Bibliotheken und Archiven. „Je farbiger der Text, desto stärker hat der Student Plagiatkomponenten verwendet”, erläutert der 68 Jahre alte Weber. Dann muss geprüft werden, ob der Student Fremdquellen mit Fußnoten entsprechend gekennzeichnet hat.

Das Internet als Quelle ist heute schier unerschöpflich, allein beim Portal Hausarbeiten.de sind mittlerweile knapp 70.000 Seminar-, Master- und Diplomarbeit verfügbar. „Viele Studenten sehen schon das patchworkartige Zusammenkopieren von Texten als Leistung”, sagt Weber. Liegt ein Plagiat vor, gibt es an der Uni Hamburg die Note 5. „Mehr können wir derzeit nicht tun.”

Die Strafpalette ist von Bundesland zu Bundesland verschieden; festgelegt wird dies in den Hochschulgesetzen. So wird in Nordrhein- Westfalen versucht, die Abschreiber mit der Androhung von bis zu 50.000 Euro Geldbuße abzuschrecken. Andere Möglichkeiten sind die Wiederholung des Kurses oder ein dauerhaftes „Seminarverbot” bei Professoren, die hinters Licht geführt wurden. Wenn Plagiatsünder öffentlich an den Pranger gestellt werden, kann der Ruf an der Uni ruiniert sein. Im schlimmsten Fall droht die Exmatrikulation.

Auch Wolfgang Krohn von der Universität Bielefeld beobachtet einen Rückgang des studentischen Sports „copy and paste” (kopieren und einfügen) - aber nur, wenn der Einsatz von Plagiatfindern angekündigt wird. „Bei meinen Studenten gehen die Plagiate auf null zurück”, sagt der Soziologie-Professor für Wissenschafts- und Technikforschung. Wo flächendeckend getestet wird, gibt es kaum noch erschummelte Scheine, sagt der 66-Jährige.

Überraschungen gibt es dennoch immer wieder: Ein Student Krohns schrieb für eine Arbeit über Krankenhausinformationssysteme einfach das Kapitel eines Fachbuches ab - es war bisher nicht elektronisch erfasst. „In Sprache, Stil und Niveau konnte der Text nicht von ihm stammen.” Eine Mitarbeiterin wurmte es so, dass sie in der Bibliothek suchte, bis sie das Buch als Beweisstück in Händen hielt.

Der Plagiate werden die Professoren langsam Herr - einem immer stärker auftauchenden Problem stehen sie aber machtlos gegenüber. „Einige Studenten kaufen sich ihre Arbeiten, sie lassen sie von Profis schreiben. Diese sind in der Regel wissenschaftlich einwandfrei und werden deshalb nicht als Plagiate angezeigt”, sagt Dietmar Plum, Experte für Prüfungsfragen am „Department Wirtschaft und Politik an der Universität Hamburg”.