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Taipeh: „Lets News”: Studenten wachen über Journalismus in Taiwan

Taipeh : „Lets News”: Studenten wachen über Journalismus in Taiwan

In Taiwan ist die Presse freier als irgendwo sonst in Asien, so zeigt es der World Press Freedom Index. Trotzdem sind in der demokratischen Inselrepublik immer mehr Menschen unzufrieden mit ihrem Mediensystem: Oberflächlich und abhängig von Politik und Wirtschaft seien viele Journalisten, so lautet die Kritik. 60 Studenten von Taiwans bekanntesten Universitäten haben sich mit einer eigenen Website selbst zum Informationswächter ernannt.

„Die meisten Medien berichten ausführlich über neue Restaurants und Promi-Klatsch, aber nur sehr oberflächlich über international relevante Themen”, findet Tony Yen, Gründer von „Lets News”. Der 22-Jährige, der nach seinem Bachelor in Taiwan nach Deutschland gehen will, um Management von Erneuerbaren Energien zu studieren, beschäftigt sich besonders mit Umweltschutz.

Wenn Yen dazu Artikel in taiwanesischen Medien zu Umwelt und Energie findet, ist er oft enttäuscht. Für „Lets News” nimmt er diese Berichte dann richtig auseinander. „Manche Beiträge übernehmen einfach die Positionen von großen Unternehmen oder Parteien”, sagt Yen. „Wenn ein Artikel zum Beispiel ganz platt und einseitig für mehr Atomkraftwerke in Taiwan wirbt, dann versuche ich das zu hinterfragen und auch Alternativen zu beleuchten.” Die Analysen werden illustriert mit bunten Infografiken.

Die Journalistik-Professorin Chin-Hua Chang freut sich über die Initiative, die auf Facebook bereits 15.000 „Gefällt-mir”-Angaben erreicht hat. Chang kritisiert die politische und wirtschaftliche Einflussname auf die Medien in Taiwan. Schleichwerbung und gekaufte Berichte seien ein großes Problem. Es gebe zwar einen öffentlichen Fernsehsender, der tiefgehender berichten würde. Dieser würde jedoch im Gegensatz zu den vielen Klatschsendern selten geschaut und tendiere zudem zur jeweils aktuellen Regierungspartei.

Fast offen politisch sind die drei wichtigsten taiwanesischen Tageszeitungen. Zwei bedienten jeweils das Klientel der größten Parteien, sagt Chin-Hua Chang. Die eine befürworte ein unabhängigeres Taiwan, während die andere den völkerrechtlich schwammigen Status quo Taiwans behalten möchte und engere Beziehungen zu China anstrebe, das die demokratische Inselrepublik nur als abtrünnige Provinz betrachtet.

Die dritte Zeitung habe ein taiwanesischer Geschäftsmann aufgekauft, der viel in China investiere. Er habe gute Beziehungen zur kommunistischen Führung in Peking, was sich seit der Übernahme auch in der Zeitung widerspiegele, sagt Chang.

Gerade gegen diese engeren Beziehungen zu China protestierten viele junge Taiwanesen in der „Sonnenblumen-Bewegung” von 2012 bis 2014. Auslöser war ein geplantes Freihandelsabkommen mit China. Viele Studenten kritisierten, dass Taiwan dadurch nur abhängiger vom chinesischen Festland werde. Als Höhepunkt des Protestes besetzten sie sogar das Parlament.

In jener Zeit entstanden ein paar unabhängige Online-Magazine, die sich zum Ziel setzten, auch nach dem Ende der „Sonnenblumen-Bewegung” die Probleme in Taiwan aufzuzeigen. Das bekannteste der neuen Magazine ist „The Reporter”, das sich durch Spenden finanziert. Dieses Online-Medium hatte zuletzt mit einem Bericht über Sklaverei in der Hochseefischerei eine offizielle Entschuldigung der taiwanesischen Regierung und eine Gesetzesänderung ausgelöst.

Professorin Chang sieht in der Studenteninitiative „Lets News” eine wichtige Stimme der Studenten, aber generell eher noch eine Lernplattform für zukünftigen Journalismus. „Tiefgehender, investigativer Journalismus, Kritik basierend auf objektiven Fakten und neue Formen des Datenjournalismus bieten große Chancen für die Entwicklung der Medien in Taiwan”, sagt Chang.

(dpa)