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Jülich: Lesetraining über die Fernbedienung

Jülich : Lesetraining über die Fernbedienung

„Forschung ist etwas Tolles; aber Entwicklung, um etwas wirklich praktisch Nutzbares herzustellen, ist genauso wichtig”, erklärt Prof. Dr. Ralf Meißen vom Fachbereich Elektrotechnik und Automation an der Fachhochschule Aachen, Abteilung Jülich.

Beide Seiten hat er zur Genüge kennen gelernt.

Am Zentrallabor für Elektronik an der ehemaligen KFA, dem heutigen Forschungszentrum, entwickelte er vor über 20 Jahren mit Dr. Christoph Krischer vom damaligen Institut für Neurobiologie und einigen Mitarbeitern elektronische Sehhilfen und Lesegeräte für Sehbehinderte und Leseschwache. Ein zentraler Punkt dabei war der Einsatz einer „Gleitzeile”, bei der geschriebener Text großformatig über den Bildschirm eines Fernsehgerätes zieht.

Welche Chancen sich daraus ergeben, erkannte auf einer Tagung Prof. Dr. Josef Zihl vom Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Das Interesse des Neuropsychologen konzentrierte sich dabei auf die Rehabilitation bei Menschen mit durch Gehirnschädigung verursachten Leseproblemen. Für diese bedeutet das erneute lesen Lernen oft sehen Lernen.

Denn wenn der Teil des Gehirns beschädigt ist, der Informationen erfasst und verarbeitet, die von den Augen geliefert werden, kann je nach Beschädigung das Lesen beeinträchtigt werden oder sogar die Mobilität des Patienten, weil ein rechts stehender Baum oder ein von Rechts kommendes Auto nicht bemerkt wird.

Auch nachdem Dr. Ralf Meißen zur FH in Jülich gewechselt war, arbeitete er weiterhin erfolgreich mit dem Forschungszentrum und Dr. Zihl zusammen. Nach dessen Vorstellungen und den Anforderungen von Therapeuten in Kliniken wurden Spezialversionen der Geräte entworfen.

Bei dieser Entwicklung erfuhr das Lesetraining mit der Gleitzeile eine Ergänzung durch das Explorationstraining. Hierbei werden helle Punkte nach unterschiedlichem Muster und Dauer an verschiedenen Stellen auf dem Bildschirm dargestellt, um durch Suchen dieser Punkte eine gezielte Augenbewegung für die Mobilität zu üben.

„Man kann sich fragen: Was ist das Besondere? Es ist die Möglichkeit, per Mausklick eine optimale Anpassung an die Fähigkeiten der Patienten und an die Trainingsanforderungen einzustellen”, erzählt Dr. Meißen. „Dies bedeutet unter Anderem eine gute Veränderbarkeit von Zeichengröße, Zeichenabstand und Gleitgeschwindigkeit beim Lesen beziehungsweise von Ort und Dauer der Punktdarstellung beim Explorationstraining.”

Das ELEX-Gerät (elektronisches Lese- und Explorations-Trainingsgeräte) ermöglicht ein gezieltes Training des Lesens sowie bei der Augenbewegung zur Erfassung von Objekten, die jenseits des intakten Gesichtsfeldes liegen.

Der Therapeut stellt dabei anhand der Größe der Zeichen oder der geeigneten Farbe die optimalen Bedingungen her. Danach lernt der Patient von dem Therapeuten, was er wie machen soll, ist somit selbst in der Lage, das Training per Fernbedienung zu übernehmen. Beim Lesetraining kann dieser den Text auch zurücklaufen lassen, um Passagen zu wiederholen, die er nicht verstanden hat.

Eine weitere Hilfe ist das laute Vorlesen: „Das ist wichtig, damit der Therapeut sieht, der Patient versucht sich zu konzentrieren, Sinn entnehmend zu lesen.”

Auf Suche gehen

Grünes Herzchen oder gelbes Viereck? Das ist die Frage beim Training der Augenbewegung. „Es tritt ein Ereignis ein, und er muss suchen gehen”, unterstreicht Dr. Meißen. Das Gesuchte kann Rechteck, Kreis, Dreieck, Stern oder irgendein Buchstabe sein.

Dieses erscheint unterschiedlich lange - von 50 Millisekunden bis zehn Sekunden - in verschiedenen Farben und Anordnung auf dem Monitor. Dabei darf sich der Patient durch anders geformte oder farbige Zusatzreize nicht ablenken lassen. Es ist eine langfristige Entwicklung. „Wie belastbar ist der Patient?” Gleichzeitig besteht die Möglichkeit des Abspeicherns zur Dokumentation der Lernentwicklung, sprich welche Fehler noch korrigiert werden müssen.

In bisher rund 90 Kliniken werden die in Zusammenarbeit von Forschungszentrum und FH entwickelten Geräte eingesetzt. Wurde diese zunächst von einem Mikroprozessor gesteuert, erfolgte dies anschließend auf PC mit DOS-Betriebssystem.

„Mit mehreren Diplomarbeiten im Fachbereich Elektrotechnik und Automation wurde in den vergangenen drei Jahren versucht, das ELEX-Prinzip auch auf moderne Windows-Rechner zu übertragen und deren große Möglichkeiten zur Darstellung und Bewegung von Zeichen und Mustern zu nutzen”, berichtet Meißen.

„Wir leben mit dem großen Forschungszentrum, wo etwas Neues entdeckt wird”, stellt der 62-Jährige fest, „Es zusammen im Alltag nutzbar zu machen, ist ein wichtiger Punkt für unsere Ingenieure.” Genau dies sei die Stärke der Fachhochschulen.

In das Thema arbeitete sich die Technomathematikerin Anke Graf ein. Mit der geplanten Diplomarbeit der 23-Jährigen aus dem Fachbereich Physikalische Technik soll das neue Verfahren verbessert und komplettiert werden. Dadurch wird auch die einfache Nutzung durch Therapeuten in Kliniken ermöglicht. Prof. Ralf Meißen ist überzeugt: „Wenn wir nicht so gute Studenten hätten, die die Anforderung konkret in Hardware und Software umsetzen, wäre nichts daraus geworden.”