1. Hochschule

Düsseldorf: Lange Nacht in der Uni: Studenten bekämpfen „Aufschieberitis”

Düsseldorf : Lange Nacht in der Uni: Studenten bekämpfen „Aufschieberitis”

Groß Einkaufen gehen, dann kochen, noch schnell das Bad putzen - aber mit der Hausarbeit für die Uni geht es nicht weiter. Die Studentin Dulce Gorigoitia weiß, wie leicht man sich ablenken lässt. „Aufschieberitis” kannte die 23-Jährige schon während der Schulzeit.

Bei der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten” an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf (HHU) geht sie ihren inneren Widerständen auf den Grund.

Im Foyer lockt Kaffeegeruch, große Wegweiser leiten Gorigoitia zum Beratungsmarathon. Jede Menge Studenten drängeln sich in den Workshop zum Thema Aufschieberitis. Gorigoitia soll spanische Sonette in einer zehn- bis 15-seitigen Hausarbeit analysieren. „Passt das Thema Liebe überhaupt in 14 Zeilen mit jeweils elf rhythmischen Silben?” - so lautet die Aufgabe. Zwei Monate Zeit hätte die Romanistikstudentin gehabt, doch die Klausuren gingen vor. Der Countdown läuft aber weiter, drei Wochen bleiben noch und bisher steht nur die Einleitung. „Es ist meine erste Hausarbeit, ich wusste nicht, wo ich anfangen soll”, sagt Gorigoitia.

Bei der internationalen Schreibnacht, an der von Donnerstag auf Freitag in Deutschland rund 20 Hochschulen teilnahmen, sollten die Studenten mit ihren aufgeschobenen Hausarbeiten beginnen und nützliche Tipps und Tricks erhalten. Einige Bibliotheken waren bis zum Morgengrauen geöffnet. Allein an der Düsseldorfer HHU besuchten rund 200 Studenten Vorträge zu Zeitmanagement, autogenem Training, zum Umgang mit Quellen und über das Zitieren. In Einzelgesprächen wurde den Aufschiebern bei Selbstorganisation, Struktur, Recherche und Formatierung geholfen.

Wissenschaftlich ausgedrückt geht es um Prokrastination: Das Vor-Sich-Hin-Schieben wichtiger Aufgaben. Laut Diplom-Psychologin Angelika Wuttke führt das zu innerem Konflikt, Ärger und Selbstvorwürfen. Wuttke organisiert die Aktion zum dritten Mal an der HHU und bietet psychologische Beratung an. Das häufigste Problem: „Die Studenten wollen beginnen, aber wissen nicht wie”, sagt Wuttke. Aufschieberitis erforscht sie seit 25 Jahren. „Verstärkt kommt das Thema seit etwa sieben Jahren vor”, sagt sie. Das hänge mit der Studienreform zusammen: Während man früher so lange studieren konnte, wie man wollte, gibt es bei Bachelor und Master Zeitgrenzen. „Jetzt kommen die Studenten unter Druck, das wird zum Problem”.

Gorigoitia sieht langsam Licht am Ende des Tunnels. „Die Schreibberatung hat mir beim Gliedern geholfen”, sagt sie. Ihre Ideen weiß sie nun in Form zu bringen. Bei der Literatureinweisung wurde ihr erklärt, wie man recherchiert. „Jetzt fühle ich mich „von null auf effektiv””, sagt die Studentin schon erleichtert. Beim Anstehen für die Zeitmanagementberatung quält sie die letzte Frage: Wie viel Zeit muss sie sich wofür nehmen? Im Gespräch kramt Beraterin Sabine Müller einen Wochenplan raus und schiebt ihn Gorogoitia zu. Sie studiert ihn, überlegt, teilt die Tage ein. Rohfassung, Freizeit, Überarbeiten. „Wenn ich das so mache, habe ich noch zwei Tage am Schluss Zeit”.

Das Hashtag #lndah (für „lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten”) kursiert unterdessen heftig im sozialen Netzwerk Twitter. Aus Bonn schickt ein Student Fotos vom Rudel-Schreiben in der Bibliothek: „So voll in Bonn, dass ich nicht einmal zum Twittern über die #lndah komme.” Aus Bayreuth gibt es Fotos vom Officeyoga, in München freuen sich die Studenten über Pizza zur Stärkung. Aber auch Twittern führt zum Aufschieben: „Ich merke gerade ... auch twitter kann einen vom arbeiten abhalten”, gesteht eine Studentin.

Gorogoitis stürmt jetzt lächelnd aus der Beratung. Sie ist hochmotiviert, fühlt sich bereit, endlich zu beginnen. Ein letzter Kaffee, der 23-Jährigen brennen die Finger. „Ich kann jetzt anfangen zu schreiben”, sagt sie. Die Nacht ist noch lang.