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Die Aachener Schmiede der besten Auto-Ingenieure kommt weltweit an

Die Aachener Schmiede der besten Auto-Ingenieure kommt weltweit an

In einem Container hocken indische Master-Studierende, verlegen Kühlleitungen, lassen den Bohrer aufheulen. Ein Prüfstand wird konstruiert - für eine Versuchsreihe.

„Automobiltechnik hat viel mit fühlen und erfahren zu tun. Theorie ist das eine, Praxis das andere für die Studenten”, berichtet Professor Dr. Henning Wallentowitz und fügt mit einem schelmischen Lächeln hinzu: „Wenn man bösartig wäre, würde man sagen: Die erste Millionen Schaden machen die Leute hier.”

„Hier” ist rein geographisch der Container vor dem Institut für Kraftfahrwesen der RWTH Aachen (ika) an der Steinbachstraße. Hier ist aber auch - und dies abseits der Landkarte - das wohl älteste Institut seiner Art in Deutschland. Bereits 1902 begann Regierungsbaumeister Reinhold Lutz an der Königlichen Technischen Hochschule zu Aachen mit der Lehre und (Er-)Forschung des Automobils.

Die ersten Lehrveranstaltungen behandelten die Konstruktion und den Betrieb von Kraftwagen, Gesetze und Verordnungen über den Kraftwagenverkehr. 1902? Genau, mittlerweile sind 100 Jahre Aachener Automobilforschung vergangen, am 21. Juni werden 200 geladene Gäste das Geburtstagskind ika hoch leben lassen. Die technischen Daten machen das ika anno 2002 nicht nur zu dem wohl ältesten, sondern auch zu einem der größten in Deutschland: 63 wissenschaftliche Mitarbeiter, mit Werkern und Verwaltung rund 100 Vollzeitkräfte, dazu 160 studentische Mitarbeiter. Und: „Überall in der Industrie gibt es Aachener Absolventen”, freut sich Wallentowitz, der selbst 1993 seine Industriekarriere bei Daimler-Benz und BMW gegen das Büro an der Steinbachstraße eintauschte. Zehn Prozent aller Maschinenbauabsolventen sind Fahrzeugtechniker, haben ihre ersten Erfahrungen auf den Prüfständen des IKA gesammelt.

Der technische Grundstock ist mittlerweile enorm - kein Vergleich zu den Anfängen als 1923 unter Professor Paul Langer ein erstes eigenes Labor für Fahrzeuge und Verbrennungskraftmaschinen gefertigt wurde. In den Werkhallen des ika gibt es Achsmessstand und Fallprüfstände, Reifenuntersuchungen, Akkustikmessungen, im Keller können Crashmessungen arrangiert werden. „Aber alles ändert sich mit unseren Aufträgen”, erklärt Wallentowitz.

Auftragsnot ist für Wallentowitz und seine Kollegen eine Unbekannte. Bescheiden erklärend bemüht er einen Vergleich: „Über diese Aufträge finanzieren wir unsere Mitarbeiter - nur fünf werden vom Land bezahlt.” Bleiben mehr als 50. . .

Die Zusammenarbeit des ika und der Industrie mündete 1981 gar in der Gründung der Forschungsgesellschat Kraftfahrwesen mbH Aachen. Das Aufgabenprofil umreißt er als „das ganze Auto” - einzige Ausnahme: der Verbrennungsmotor.

In der Werkhalle arbeiten Hilfswissenschafter an einem neuartigen Eisenbahnwagen, die Konstruktion einer Kehrmaschine wird geplant. Und die Zukunft steckt voller neuer Forschungsprojekte.

„Die Zukunft verspricht ein wesentlich sichereres Auto. Wir werden verhindern können, dass Autos aufeinanderprallen”, prophezeit Wallentowitz, wohlwissend, dass der Grad zwischen Fahrhilfe und Bevormundung des Piloten ein arg schmaler ist.

„Wir könnten ein Auto bauen, dass eigentlich alleine fahren kann”, verweist er aber auf den Stand der Technik, malt ein einfaches Bild: „Es wäre wie bei unseren Vorfahren, die ihre Pferdekutsche vor der Wirtschaft parken und sich später nach Hause ziehen lassen. Der Mensch kann doch eh viel besser trinken als ein Auto.” Trinken, telefonieren, umdrehen und quatschen - all das ist Zukunft für Wallentowitz und sein Team.

Eine weitere heikle Frage - nicht nur für Aachens Forscher - dreht sich um die Bewältigung der Transportleistung auf Deutschlands Autobahnen. „Das müssen wir uns etwas Neues Ausdenken”, weiß Wallentowitz und schlägt vor: „ich würde gerne zwei Auflieger an eine Zugmaschine hängen.”

Die moderne Technik mit Stabilitätssicherung, elektrischen Bremsen und Lenkungen arbeiten gegen alle Befürchtungen eines Sicherheitsrisikos. „Nur unsere Gesetzte sind noch aus den 50ern.”

In diesen Fünfzigern - genauer 1957 -Êzog das Institut für Kraftfahrwesen übrigens von der Wüllnerstraße an den Templergraben wo Motoren- und Getriebeprüfstände, Rollenprüfstände, Schwingplattformen, Sonderprüfstände und eine Kältekammer eine zeitgemäße Spielwiese boten. Der Umzug vom Templergraben in den Neubau an der Steinbachstraße erfolgte 1995. Dort werden also die Themen der Gegenwart bearbeitet.

Neben dem selbstständigen Automobil oder der Frage der Transportbewältigung ranken sich die Gedanken der Wissenschaftler auch um Fragen der Fahrbahnbeanspruchung. Die lösende Antwort tendiert hier, so Wallentowitz, zu versetzten Achsen oder Mehrachser mit lupfbarer vierter oder fünfter Zusatzachse.

Aber auch neuen Materialien in der Produktion (Verbundbauweise), Komfort, Abstandhalter, Verbesserungen im Crash-Bereich und Fahrdynamikregelung werden diskutiert und erforscht.