Berlin/Gießen: Der Bund fürs Leben: Vor- und Nachteile von Studentenverbindungen

Berlin/Gießen: Der Bund fürs Leben: Vor- und Nachteile von Studentenverbindungen

Elitedenken und Frauenfeindlichkeit, Saufrituale und ein Schmiss im Gesicht - das sind nur einige der gängigen Assoziationen beim Gedanken an studentische Verbindungen und Burschenschaften. Einiges davon gehört heute tatsächlich noch in das Repertoire mancher Verbindung, wenn auch längst nicht von jeder. Wer über einen Beitritt in eine der Gruppen nachdenkt, muss daher genau hingucken, wem er sich anschließt.

Schon die weltanschaulichen Einstellungen sind denkbar unterschiedlich. „Das Spektrum reicht von stark rechtskonservativ und nationalistisch bis links-liberal”, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. Allerdings seien die links-liberalen deutlich in der Minderheit. „Vor allem die schlagenden Verbindungen sind äußerst traditionalistisch und haben Weltbilder aus der Steinzeit”, fügt er hinzu. Schätzungen zufolge sind rund drei Prozent der Studenten hierzulande in Verbindungen organisiert.

Was viele Verbindungen gemeinsam haben, sind die Traditionen mit ihrem Ursprung im 19. Jahrhundert. „Sie spielen meist eine entscheidende Rolle und verbinden die Generationen miteinander - vom Neuling, dem Fuchs, bis zu den ehemaligen Studenten, den Alten Herren”, sagt die Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth von der Universität Gießen, die Burschenschaften in ihrer Dissertation untersucht hat. Auf Außenstehende wirkten die strengen Rituale bisweilen allerdings befremdlich.

Dazu gehört das akademische Fechten, also die Mensur, ebenso wie die sogenannte Kneipe. „Das sind ritualisierte Feiern, bei denen traditionelles Liedgut gepflegt wird und auch das Trinken dazugehört”, sagt Wolfgang Braun vom Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen aus Neufahrn bei München. „Bei uns wird aber niemand gezwungen zu trinken, und der Fechtkampf wird aus religiösen Gründen abgelehnt”, sagt Braun.

Welche Traditionen eine Rolle spielen, ist von der Verbindung abhängig: Bei manchen ist die Mensur Pflicht. Andere Verbindungen sind wiederum nur farbentragend, was bedeutet, dass die Mitglieder ein Band und gegebenenfalls auch eine Mütze mit den Farben der Verbindung tragen müssen. Manche verzichten auf beides.

Eine Mitgliedschaft beginnt meist mit der Fuchsenzeit. „Als Fuchs ist man in der Probezeit, in der beide Seiten herausfinden müssen, ob sie zueinander passen”, erklärt Braun. Nach Ablauf eines Jahres folgt die „Burschung”. „Das ist eine Prüfung, die das angeeignete Wissen zeigen soll, bevor bei einem Festakt die Farben verliehen werden.”

Wer schließlich Mitglied wird, geht einen Lebensbund ein. Mit dem Ende des Studiums gehören Verbindungsstudenten zu den „Alten Herren”. Sie unterstützen Braun zufolge die Studenten und helfen beim Einstieg ins Berufsleben. Nach Ansicht von Stefan Grob entspricht das dem, was heute als Networking bezeichnet wird: Es entsteht ein Netzwerk aus Kontakten, die einem später beruflich weiterhelfen können.

Darüber hinaus sind die Verbindungen durch ihr Angebot an Freizeitaktivitäten für all jene attraktiv, die gerade den ersten Schritt aus dem Elternhaus gemacht haben. „Im Verbindungshaus kann man nicht nur sehr günstig wohnen”, sagt Braun. „Man muss sich auch nicht erst einen neuen Freundeskreis aufbauen, sondern findet sofort neue Freunde.” Außerdem habe man immer Leute im Hintergrund, die einem dabei helfen, sich an der Universität zurechtzufinden.

Ein Teil der deutschen Studentenverbindungen, vor allem die Burschenschaften, sind laut Expertin Kurth explizit politische Organisationen. „Im Mittelpunkt stehen oft Fragen der deutschen Einheit und der deutschen Nation”, sagt die Politikwissenschaftlerin. „Bei diesen Fragen wird bisweilen eine rechtsextreme Ideologie vertreten, aber auch geschichtsrevisionistische Ansichten und eine Relativierung des Nationalsozialismus spielen eine Rolle.”

Der Dachverband Deutsche Burschenschaft etwa, dessen Grundhaltung im Leitspruch „Ehre - Freiheit - Vaterland” ihren Ausdruck findet, steht immer wieder in der Kritik. „In den 90er Jahren hat sich die Neue Deutsche Burschenschaft unter anderem wegen rechtsextremer Vorfälle von der Deutschen Burschenschaft abgespalten”, sagt Kurth. „Durch diesen schlechten Ruf kann man heutzutage auch Nachteile haben, wenn man in einer Burschenschaft ist.”

Für die vielen gemäßigten unter den etwa 1000 bis 1300 Verbindungen ist das schlecht für das Image. Sie wollen sich deswegen - wie etwa der Cartellverband - von rechtsextremen Anschauungen abgrenzen. „Bei uns steht es im Vordergrund, katholisch zu sein”, sagt deren Sprecher Wolfgang Braun.

Bevor man sich entschließt, einer Verbindung beizutreten, sollte man sich genau informieren: „Worauf lässt man sich da politisch überhaupt ein? Und wie hoch ist der Gruppendruck, wenn es beispielsweise um das Trinken oder die Bekleidung geht?”, nennt Grob als Beispiele für Fragen, die es vor einem Beitritt zu klären gilt.

Studentenverbindungen sind meist Männersache

Wer aufgenommen wird, hängt von der Verbindung ab. „Viele lehnen bis heute ab, Frauen aufzunehmen”, erklärt Alexandra Kurth. „Es handelt sich meist nach wie vor um Männerbünde.” Bei der Deutschen Burschenschaft werden auch keine ausländischen Studenten aufgenommen. Bei den Verbindungen des Cartellverbands ist das nicht der Fall. „Wer bei uns beitreten möchte, muss männlich und katholisch sein und zu unseren Prinzipien stehen”, sagt Sprecher Wolfgang Braun.