Aachen: AStA-Vorsitzender Raphael Kiesel zeigt ehrenamtliches Engagement

Aachen: AStA-Vorsitzender Raphael Kiesel zeigt ehrenamtliches Engagement

Die Geschichte beginnt ganz schön sportlich. Raphael Kiesel spielt seit Jahren Fußball. Aber er macht auch Stepptanz und Akrobatik. Als seine Fachschaft für den Uni-Cup, ein Eishockeyturnier der großen Fakultäten und mehr noch eine riesige Gaudi, nach Cheerleadern suchte, übernahm der Erstsemester die akrobatischen Parts — er trug die Anheizerinnen mehr oder weniger auf Händen.

Seit 2010 studiert Raphael Kiesel an der RWTH Aachen Wirtschaftsingenieurwesen/Maschinenbau. Er kommt aus einem kleinen Dorf bei Hildesheim — 400 Kilometer von Aachen entfernt. Der Ruf der Universität hat ihn angelockt. Es gab keine Bande in die Kaiserstadt. Die musste er selber knüpfen. Er fand sich schnell zurecht, ein offener Typ, heißt sowas wohl. Der nächste Schritt führte ihn in die Fachschaft, am Ende des zweiten Semesters verantwortete er die Finanzen.

Seit August ist der 23-Jährige Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses. Des AStAs. Er ist damit im nun startenden Wintersemester der Kopf der Regierung der RWTH-Studenten. Im letzten Semester waren das 40.375. In diesem Jahr werden es wohl mehr als 42.000 sein — es werden wieder 7000 neue erwartet. Kiesel macht das ehrenamtlich. Es gibt Wochen, das sitzt er dabei 50 Stunden in seinem Büro.

Warum? Oder: Wozu?

Eine Frage ist in solchen Geschichten immer im Raum: Warum engagieren sich junge Menschen in Sportklubs und Musikvereinen, in Jugendgruppen oder sonst wo? Es hat in der Regel viel mit Hobby und Leidenschaft zu tun, auch mit heimatlicher Verbundenheit oder der eigenen Familie. Aber Raphael Kiesel empfindet als AStA-Vorsitzender keine heimatliche Verbundenheit. Er ist aus einem Dorf bei Hildesheim. Politik ist auch nicht sein Hobby, ist es nie gewesen. Er ist Fußballer und Stepptänzer. Seine Leidenschaft ist der FC Bayern München. Früher war er Messdiener, aber wer war das in der niedersächsischen Provinz nicht? Dennoch engagiert er sich als AStA-Vorsitzender. Warum nur? Oder besser: wozu bloß?

Das ist mehr als ein feiner Unterschied. Die gesellschaftskritische, ja, unbequeme Autorin und Juristin Juli Zeh („Schilf“, „Spieltrieb“) sieht eine Art Bewusstseinswandel in diesem Land. Es werde nicht mehr nach dem Warum gefragt, sondern zunehmend nach dem Wozu. Also: Was bringt es mir, etwas zu tun oder zu lassen? Das Ziel überlagert jedes andere Motiv. In ihrem Plädoyer für das Warum erzählt Zeh von Schulkindern, die Fragen, wozu sie ihre Träume aufschreiben sollen — als wäre das Zeitverschwendung auf dem Weg zum Master in Jura oder Mineralogie.

Ursachen, Moral, Nutzen

Das Warum, so Zeh, fragt nach Ursachen, sei nachdenklicher, introvertierter, drehe sich auch um Moral. Das Wozu sei fordernder und frecher, irgendwie zeitgemäßer. Es geht um Nutzen. Sport muss keinen Spaß mehr machen, es geht um Gesundheit. Essen ist kein Genuss, es dient dem Körper. Und jedes Engagement muss sich am Ende auszahlen. Muss es das?

Natürlich zahlt sich Fachschaftsarbeit und nun AStA-Vorsitz irgendwie aus. Kiesel hat gelernt, sich noch besser zu organisieren. Er versteht es, selbstbewusst aufzutreten, wenn es gefragt ist. Als seine Alma Mater zum ersten großen Graduiertenfest ins Dressurstadion eingeladen hatte, da führte er die Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) auf die Bühne und stellte ihr vor 4000 Besuchern ein paar Fragen. Er wirkte überaus souverän — auch wenn er, wie er sagt, kurz vor dem Auftritt schrecklich nervös wurde.

Die Souveränität, die er letztendlich auf der Bühne ausstrahlte, kann ihm keiner mehr nehmen, und sie hat sehr viel mit seinem Engagement an der Hochschule, der Verantwortung, die er dort zu tragen gelernt hat und der er sich immer bewusst ist, zu tun. Er könnte also sagen: Ja, die Arbeit in Fachschaft und AStA hat sich gelohnt. Es bringe ihn voran, die Zeit zu investieren und am Ende ein, zwei Semester länger studiert zu haben.

Kiesel sagt, dass alles sei es ihm wert. Die Frage nach dem „Wozu?“ hat er sich gestellt. Er konnte sie auch beantworten. „Es wäre gelogen, wenn ich nicht auch was mitnehmen wollte.“ Aber wenn es ihm am Ende nur um den Lebenslauf gegangen wäre, dann wäre er nicht AStA-Vorsitzender geworden. „Da gibt es andere Sachen, die genauso gut aussehen und weit weniger Zeit brauchen.“ Deswegen beantwortet er die Frage nach dem „Warum?“ viel lieber und kann darüber stundenlang sprechen.

Die kurze Antwort lautet: „Es macht Spaß.“

Für die lange Antwort muss er etwas ausholen. Raphael Kiesel, ein schlaksiger Kerl mit moderner Hornbrille, hatte als Jugendlicher mit Übergewicht zu kämpfen. Als er in kurzer Zeit 22 Kilogramm abnahm, machte es Klick: Kiesel sah, was er erreichen kann, wenn er nur will. „Ich finde es schön zu sehen, wenn ich etwas auf die Beine gestellt habe“, sagt er. „Erst recht, wenn ich damit anderen helfen kann.“ Und das kann er als AStA-Vorsitzender.

So Mutter-Theresa-mäßig

Kiesel weiß, wie das klingt. Ein bisschen Mutter-Theresa-mäßig, nennt er es selbst. Aber ist das verwerflich? Kitschig? Kann es nicht einfach so sein? Er sitzt vor der Hauptmensa in der Sonne, als eine junge Studentin mit fragendem Blick an ihm hängen bleibt. „Weißt Du, wie ich zum Hauptbahnhof komme?“ Kiesel zeigt auf die Bushaltestelle in Richtung Ponttor. „Du kannst die 3B nehmen, die bringt Dich direkt zum Hauptbahnhof“, antwortet er. Dabei hat sie ihn nicht einmal als AStA-Vorsitzenden erkannt.

Wenn Kiesel in die Mensa geht, dann wird er wie jeder andere Student wahrgenommen. Wer kennt schon den aktuellen AStA-Vorsitzenden? Wenn an der Essenstheke die Frage im Raum steht, wer denn Raphael Kiesel sei, dann fällt die Antwort erwartungsgemäß ernüchternd aus — obwohl der AStA-Vorsitzende nur ein paar Meter Luftlinie entfernt im gleichen Gebäude sitzt.

Mitte August wurde er gewählt, da lag ein Jahr Ausland hinter ihm. Er war ein halbes Jahr in Frankreich, dann ein halbes Jahr in China. Zuvor war er bereits Gruppensprecher im Senat, hatte sich in der Erstsemesterarbeit engagiert und macht dies auch in diesem Jahr. Als AStA-Vorsitzender müsste er das nicht. Er macht es trotzdem. Streng genommen bringt es ihm nichts. Juli Zeh würde dieses Engagement umso mehr schätzen. Denn sie schreibt, das Wozu lasse keine Zeit mehr für Warum.

Rückendeckung?

Es gibt viele gute Gründe gegen ein solches Engagement. Würde die Wahlbeteiligung als Rückendeckung gemessen, die der AStA mit seinem Vorsitzenden und überhaupt das Studierendenparlament genießt, dann wäre das nicht viel. Die Wahlbeteiligung lag bei 15 Prozent. Kiesel hat für die Liste AlFa, die Allgemeine Fachschaftsliste ein gutes Ergebnis geholt — mit gerade einmal 200 Stimmen. Und bei Kommunalwahlen ist das Entsetzen groß, wenn die Wahlbeteiligung bei 50 Prozent liegt!? Aber was drückt diese Wahlbeteiligung eigentlich aus? Lohnt es, über die entpolitisierte Hochschule zu philosophieren?

Kiesel sieht die Wahlbeteiligung nüchterner. Er sieht Unwissenheit und Desinteresse. Er könnte sagen: Ist ja nicht schlimm, es muss alles ganz gut laufen, wenn die meisten die Wahl nicht nutzen (wollen?), um die Arbeit des Studierendenparlaments und des AStAs zu verändern. Aber das will er so nicht stehen lassen. Ziel müsse es sein, zumindest 20 Prozent Wahlbeteiligung zu erreichen. Besser mehr. Vielleicht würde eine Online-Wahl helfen. Vielleicht.

Es soll nämlich auch Studenten geben, die nicht einmal wissen, dass es einen AStA gibt — und warum. Die trotz Facebook, RWTH-App, Homepage und Newsletter weder die (Bafög- und Rechts-)Beratungen noch die Kulturangebote kennen.

Die Verantwortung

Dabei verantwortet der AStA unter anderem das Semesterticket und damit enorme Mittel: 40.000 Studierende haben so ein Ticket. Jeder zahlt mehr als 120 Euro. Eine noch enormere Verantwortung. Und der AStA wird gehört. Es mag dieses Bild in den Köpfen geben, in denen der AStA von einer kunterbunten Bande der politischen Linken verkörpert wurde, die ihre Ideen mit Sitzstreiks durchsetzen wollten. Wenn es jemals so war, dann ist es jetzt ganz anders. Der AStA hat sich verändert. Das Erscheinungsbild ist modern, es passt zu dieser RWTH, im Zuge der Sanierung der Hauptmensa wurden auch die Räume der Studentenvertreter ordentlich aufgemöbelt. Das Ergebnis sind moderne Büros. Hier könnten auch Architekten oder Ingenieure arbeiten.

„Wir mögen anders auftreten als frühere Generationen. Aber ich finde es übertrieben, uns, die Studenten heute, zu angepasst zu nennen. Wir sprechen immer noch an, wenn uns etwas gegen den Strich geht.“ Ohne Blockade. Wenn Raphael Kiesel etwas mit RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg besprechen will, dann bekommt er ganz unkompliziert einen Termin. „Wir werden als Mitglieder der Hochschule akzeptiert und vor allem eingebunden. Wenn das nicht so wäre, dann wäre mir meine Zeit auch zu wertvoll“, erklärt Kiesel. Nur die meisten Studenten erkennen das nicht. Also nochmal: Warum ist Raphael Kiesel dann AStA-Vorsitzender?

Noch nicht fertig

Weil er sieht, dass der AStA als Gemeinschaft etwas bewegen kann — und dabei auch noch Spaß empfindet. Von sechs AStA-Mitgliedern sind zwei zum zweiten Mal dabei. Klar machten sie auch Fehler. Aber die mache doch jeder. Er überlegt und fügt dann hinzu: „Wer sich beschwert, der muss dann aber auch bereit sein, selbst mitzuwirken, zumindest muss er zur Wahl gehen.“ Und wenn er jetzt auf die anstehenden Aufgaben schaut, die mit den neuen Erstsemestern an die TH kommen, dann sagt er: „Ich habe das Gefühl, noch nicht fertig zu sein.“

Irgendwann muss er das aber sein. Im nächsten Semester will er seinen Bachelor abschließen — nach neun statt der möglichen sieben Semester. Der Master wäre der nächste, logische Schritt, er spezialisiert sich auf Produktions- und Qualitätsmanagement. Eine Promotion würde ihn reizen, ein Jahr USA wäre ein Traum. Die AStA-Arbeit passt dann nicht mehr. „Ich muss den richtigen Zeitpunkt für den Absprung finden“, sagt er. Jetzt ist dieser nicht.

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