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Aachen: Aachener Mumie hat eine Schädelfraktur

Aachen : Aachener Mumie hat eine Schädelfraktur

Als Mitarbeiter der Klinik für Radiologische Diagnostik hat Roman Iwa schon viel erlebt.

Aber eine Patientin wie die am späten Mittwochnachmittag ist dem Medizinisch-Technischen Assistenten noch nicht untergekommen: Zusammen mit etlichen Kollegen, darunter den beiden Ärzten und Privatdozenten Andreas Mahnken und Joachim Wildberger, hatte er eine altägyptische Mumie aus der Zeit um das Jahr 1500 vor Christus zu untersuchen.

Dass die Mumie ausgerechnet im Uniklinikum mit Röntgen-Technologie und im Computertomografen untersucht wurde, hat seinen ganz besonderen Grund. Denn bisher gehörte die einbalsamierte Weibsperson aus dem Reich der Pharaonen zum Bestand des Aachener Museums in der Frankenburg.

Dorthin war sie gekommen, als es im ausgehenden Wilhelminischen Kaiserreich unter Kunstsammlern zum guten Ton gehörte, außer wertvollen Gemälden und anderen Artefakten auch römische Münzen, griechische Vasen oder eben ägyptische Mumien zu horten.

Nun aber ist es für die Dame aus dem Land der Pharaonen in der Frankenburg zu feucht geworden. Darum wandert die Mumie mitsamt allen Elementen der in Röntgen- und CT-Raum gefertigten Dokumentation als langfristige Leihgabe zum Deutschen Röntgenmuseum nach Remscheid-Lennep ab.

Bevor sie dort dem Publikum zur Schau gestellt wird, wird sie erst einmal von einem Spezialisten, dem Hildesheimer Restaurator Jens Klocke, auf Vordermann gebracht. Damit der Fachmann bei seiner Rettungsoperation von gesicherten Ergebnissen ausgehen kann und bis aufs Detail weiß, wie es rein materiell um die Mumie bestellt ist, waren die Untersuchungen bei den Radiologischen Diagnostikern im Untergeschoss des Uniklinikums unabdingbar geworden.

Mit dabei war auch eine der bundesweit führenden Ägyptologinnen: Privatdozentin Dr. Renate Germer, die auch an der Uni Hamburg die Zusammenarbeit mit medizinischen Spezialisten pflegt.

Mit den neuen „Herbergsvätern” der Mumie betreibt sie eine ideale Aufgabenteilung: Germer sorgt für das theoretische Knowhow, während die Remscheider sich um die korrekte Unterbringung kümmern und so ganz nebenbei auch die für Konservierung und Restaurierung nötigen Mitteln berappen. Über die Höhe des Betrages halten es die Beteiligten wie feine Leute, die sich damit begnügen, Geld zu haben, aber nie darüber reden: Sie schweigen sich aus.

Für die Beschäftigten der Klinik für Radiologische Diagnostik war Geld absolut nicht das Thema. Scharenweise umdrängten sie Untersuchungstische und Computer-Terminals, verfolgten wissbegierig wie etwa MTA Theo Halim jeden Arbeitsschritt.

Auch Assistentin Petra Schlömer machte keinen Hehl daraus, dass Mumien sie faszinieren: „Das Thema interessiert mich sehr. Ich kaufe mir auch Bücher darüber und sehe mir Reportagen im Fernsehen an.”

Die Mediziner Wildberger und Mahnken haben derweil aus den Bildern des Computertomografen, deren Betrachtung einer Tauchfahrt durch den menschlichen Körper gleicht, die ersten Erkenntnisse gewonnen. Mit Sicherheit hat die namenlose Dame eine Schädelfraktur erlitten - ganz wie der Star unter den Pharaonen, Tutenchamun. Dass die Mumie in ihrer Transportkiste vom Notfall-Eingang her in die Untersuchungsräume gerollt wurde, erscheint deshalb völlig folgerichtig.