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Aachen: 28.000 Studenten haben die Wahl

Aachen : 28.000 Studenten haben die Wahl

Eine Stimme für das Studierenden-Parlament (SP), eine für die Fachschaftsvertretung. So weit, so schlecht, finden Martin Pitsch und Enno Lükens, die sich zusammen in die Holzkabine gedrängt haben, um ihre Stimmzettel auszufüllen.

„Das ist alles etwas unübersichtlich, so viele Listen, und man kennt die Namen gar nicht”, sagt Pitsch, der wie sein Kommilitone später als Wirtschaftsingenieur arbeiten will. Chili, Studium, IFA, LHG, RCDS, LiLi und proST heißen die Listen zum Beispiel - grün, rot, schwarz und manchmal einfach nur bunt sind die Anschauungen, die sie vertreten.

Noch bis Freitag haben mehr als 28.000 Studierende der RWTH die Wahl. Mit Spannung wird erwartet, ob der liberal-konservative Allgemeine Studenten-Ausschuss (AStA) seine knappe Mehrheit im SP verteidigen kann.

Der amtierende AStA-Vorsitzende Daniel George von der Liberalen Hochschulgruppe stützt sich auf den unionsnahen RCDS, die Liste Studium und einzelne Mitglieder der Allgemeinen Fachschaftsliste (AlFa).

Zwei Entwicklungen bringen die AStA-Mehrheit in Gefahr: Erstens tritt Marcel Michels, der AStA-Referent für Hochschulpolitik, mit einer neuen Liste namens Initiative für Aachen (IFA) an, die zum entscheidenden Mehrheitsbeschaffer werden könnte. Die IFA spricht sich im Gegensatz zu den anderen AStA-tragenden Listen generell gegen Studiengebühren aus, distanziert sich aber gleichwohl von linken Gruppierungen.

Die zweite Entwicklung hat das Parteienspektrum ins Wanken gebracht: Die AlFa, jahrzehntelang eine feste Größe im SP, wurde aufgelöst, wobei paradoxerweise zwei neue Listen mit dem Markennamen AlFa antreten - „AlFa-AStA 2006” und „AlFa”.

Die Ursache für die Spaltung liegt im Streit um den Austritt aus dem bundesweiten Dachverband der Studierendenschaften, dem fzs. Der amtierende AStA beschloss den Austritt aus dem Dachverband mit der Begründung, die Kosten seien zu hoch. Für die - neue - AlFa kandidiert die frühere AStA-Vorsitzende Regina Weber, die jetzt Vorstandsmitglied im fzs ist und für eine erneute Mitgliedschaft optiert.

Für Zündstoff sorgt auch die Einführung von Studiengebühren: Zwar sind sich alle Listen einig, dass weitreichende Ausnahmeregelungen geschaffen werden müssen und die Einnahmen sinnvoll verwendet werden sollen.

Was als sinnvoll erachtet wird, ist jedoch umstritten: Sollen die Gelder eher für elektronische Studentenausweise oder für Bibliothekscomputer eingesetzt werden? Während der AStA in solchen Fragen ausschließlich auf Dialog mit der Hochschule setzt, wollen etliche Oppositionskandidaten notfalls auch Proteste anregen und den Druck der Straße erhöhen.

Semesterticket

Linke Wähler haben die größte Qual der Wahl: Die seit Jahren stärker werdende „Linke Liste” hat nun Konkurrenz bekommen durch die parteinahe „Die Linke. Hochschulgruppe”.

Die Juso-Hochschulgruppe, die bis zum vergangenen Jahr aus einer Hand voll Mitgliedern bestand, bietet nun 25 Kandidaten auf. Etwas gemäßigter treten die Liste Chili und die Grüne Hochschulgruppe auf. Zudem wurde die „Internationale Liste” (IL) neu gegründet.

Umstritten ist auch, unter welchen Konditionen das Semesterticket auf ganz NRW ausgeweitet werden kann. Eine Liste mit dem Programm im Namen - „Semesterticket abschaffen” - will außerdem die Gelder für das Frauenprojekt und das Schwulenreferat streichen.

Pitsch und Lükens, beide 22 und Erstwähler, haben sich Zeit gelassen in der Wahlkabine und die Wahlzeitung studiert. Schließlich gehe es um einiges. Doch die Begeisterung für die Wahl teilen nicht alle.

Erst 120 Stimmzettel haben Dragomir Ivanov und vier weitere Wahlhelfer im Foyer der Mensa am diesem frühen Nachmittag ausgegeben. „Mit 300 rechne ich heute aber schon”, sagt Ivanov, bevor er flott die nächste Matrikelnummer auf seiner Liste durchstreicht. An seinem Schreibtisch gilt: Keine Zeit verlieren! Die nächste Schlange kommt bestimmt irgendwann.