Aachen: Helle Köpfe fallen erst auf, wenn das Lernpensum steigt

Aachen: Helle Köpfe fallen erst auf, wenn das Lernpensum steigt

In Butterbrot stecken mehrere Hindernisse. Anke Breidbach zählt sie auf: „Ich muss zum Beispiel an das Doppel-T denken. Und dann überlege ich, wie die Endung von ‚Butter‘ verschriftet wird. Und am Ende, schreibe ich da brod? Nein, im Plural heißt es ja Brote, also mit t…“ Wenn fast jedes Wort mit Hindernissen gespickt ist, dann werden Lesen, Schreiben, Lernen und Verstehen zu einen zunehmend mühsamen Prozess.

Anke Breidbach weiß das. Sie leitet das LRS-Zentrum in Aachen. LRS steht für Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, und damit kommen etwa 100 Schüler pro Jahr zur Beratungsstelle an der Franzstraße.

„Eine Lese-Rechtschreib-Störung hat nichts mit mangelndem Intellekt zu tun“, sagt Anke Breidbach. „Betroffen sind häufig auch helle Köpfe, die schleppen das mit bis in die weiterführende Schule.“ Manchen Kindern gelingt es, längere Zeit ihre Defizite zu kompensieren, zum Beispiel durch permanentes Auswendiglernen. Ihre Leseschwäche fällt dann manchmal erst auf, wenn das Lernpensum an der weiterführenden Schule markant ansteigt.

Das LRS-Zentrum bietet sich daher den Schulen als Partner an. Breidbach: „Laien, dazu zählen auch Eltern, können nicht professionell beurteilen, ob LRS vorliegt. Und der Unterschied zwischen dem Normal- und dem Ist-Zustand eines Kindes kann man nicht per Gefühl definieren.“ Effiziente Analysen beginnen daher, so Breidbach, beim geschulten Lehrpersonal, das den Eltern eine standardisierte Diagnostik empfehlen oder diese selber durchführen kann.

Allerdings, sagt die Diplom-Sozialpädagogin, gebe es in den Schulen noch Aufklärungsbedarf. Jede Schule ist verpflichtet, LRS-Förderung anzubieten und zwar in den dritten und vierten Klassen der Grundschule sowie im fünften und sechsten Schuljahr der Sekundarstufe. Das Thema ist also bekannt. „In der Praxis sieht das völlig unterschiedlich aus“, sagt Anke Breidbach. „Da gibt es an einigen Schulen LRS-Beauftragte, die sich gut auskennen und fortbilden, und an anderen Schulen zwangsweise beauftragte Lehrer, für die das Feld Neuland ist. Sie wissen daher nicht so recht, wie sie mit LRS umgehen sollen und eine effektive Förderung gestalten können.“

Workshops aufbauen

16 Schulen in der Region kooperieren mit dem LRS-Zentrum. Das beinhaltet Infoveranstaltungen fürs Kollegium, zum Beispiel im Rahmen einer Deutschkonferenz, Testdiagnostik, Einarbeitung in Fachliteratur und gezielte Fortbildungen. „Wir sind auch mal bei Elternsprechtagen dabei, wenn die Lehrer das wünschen. Wichtig ist uns die Rückmeldung der Schulen, darauf können wir Förderprojekte und Workshops aufbauen.“

Dass unter den Partnerschulen des Aachener LRS-Zentrums so viele Gymnasien sind, bestätigt den Intelligenz-Irrtum. Es spiegelt aber leider auch das Sozialgefälle an den Schulen wider. „Die Eltern von Gymnasiasten bringen häufiger das Bewusstsein mit, dass es wichtig ist, die Schwierigkeiten ihres Kindes in den Griff zu bekommen. Und: Sie können die Förderung bezahlen.“ Die Therapie selbst erstreckt sich meist über ein bis zwei Jahre. In Härtefällen kann die Förderung beim Jugendamt beantragt werden.

Wann hat ein Kind denn nun Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten? Anke Breidbach differenziert: „Kinder, die LRS haben, erkennt man nicht durch bestimmte Arten von Fehlern, sondern an der Quantität. Sie machen wesentlich mehr Fehler als ihre Mitschüler.“ Wenn Eltern den Verdacht hegen, ihr Kind könnte betroffen sein, dann ist ein Gespräch mit dem Lehrer der erste richtige Schritt. Wie wichtig der ist, weiß Anke Breidbach aus der Erfahrung mit betroffenen Schülern. „Sie wissen, dass sie nicht faul sind. Sie bereiten sich oftmals überdurchschnittlich gut auf Diktate oder Aufsätze vor und doch fühlen sie sich wie blind, denn sie können Inhalt und Rechtschreibung nicht kontinuierlich in Einklang bringen. Das ist, als würden Sie versuchen, 30 Minuten lang zu schielen um zwei Dinge gleichzeitig erledigen zu können. Das frustriert!“