Heinsberg: Griechen wollen nicht „alle in einen Topf” geworfen werden

Heinsberg: Griechen wollen nicht „alle in einen Topf” geworfen werden

„Ich war nicht überrascht über das, was in Griechenland passiert ist, aber über die Reaktion in Deutschland”, sagt Dr. Athanasios Lioupis.

Der Gynäkologe, der von 1975 bis 1982 im Heinsberger Krankenhaus arbeitete und danach 20 Jahre lang eine eigene Praxis in Oberbruch betrieb, ist eines der rund 150 Mitglieder der Griechischen Gemeinde in der Stadt, die die prekäre Entwicklung in ihrem Land mit Interesse verfolgen.

„Generalstreik legt Griechenland lahm”, „Öffentliches Leben steht still”, „Demonstranten liefern sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei in Athen” - diese und ähnliche Schlagzeilen waren in den letzten Wochen in den Medien zu lesen. Allein in der Hauptstadt Athen gingen mehrere tausend Bürger gegen die Sparpläne der Regierung auf die Straße.

Das griechische Parlament hatte im März ein Sparprogramm im Umfang von 4,8 Milliarden Euro verabschiedet, mit dem die Regierung das hohe Haushaltsdefizit in den Griff bekommen will. Im öffentlichen Dienst sollen die Gehälter gekürzt werden, Rentner erwarten Nullrunden und die Mehrwertsteuer wird angehoben. Auch Entlassungswellen werden befürchtet. Mittlerweile haben EU und Internationaler Währungsfonds (IWF) mit einer Hilfe in Milliardenhöhe begonnen.

Er habe festgestellt, so Lioupis, dass jetzt alles in einen Topf geschmissen werde. „Wenn man ein Bier trinken geht, wird man häufig von der Seite angemacht. Die Rede von den faulen Griechen sind Töne, die es früher nicht gab.” Und stimmen würde dies ganz sicher nicht. „Das griechische Volk ist fleißig und stolz”, hält der Mediziner seinen Landsleuten in der Heimat die Stange. „Es hat jetzt eine Demütigung erlebt.

Ich bin davon überzeugt, dass die meisten nicht ruhig schlafen können, bis sie den IWF wieder vom Hals haben.” Er ärgere sich darüber, bedauert der 72-Jährige, dass in den Medien nur Menschen zu sehen seien, die auf die Straße gingen und sich beklagten. „Umfragen haben aber gezeigt, dass 80 Prozent der Griechen mit den jetzt getroffenen Maßnahmen einverstanden sind, weil sie die Notwendigkeit erkennen.”

Über die Jahre habe er bemerkt, dass die Griechen zuhause über ihre Verhältnisse gelebt hätten, sagt Lioupis. „Wenn Sie hier in Heinsberg in der Woche nach 22 Uhr in ein Restaurant oder eine Kneipe gehen, sind diese fast leer. Die Tavernen in Griechenland sind immer voll”, beschreibt er nur eine der Merkwürdigkeiten, die ihm aufgefallen sind. Ein Problem sei zweifellos auch das Steuersystem.

„In Griechenland gibt es mehr Steuerbetrüger als in Deutschland”, glaubt Lioupis. „Wenn es hier zehn Prozent sind, dann sind es dort 30 bis 40 Prozent. Das Steuersystem ist einfach nicht so perfekt. Die Schlupflöcher sind viel größer als in Deutschland.” Letzteres stütze auch die seit vielen Jahren bestehende Vermutung, dass die meisten Griechen schon Geld besäßen, nicht aber der Staat.

„Griechenland hat bislang überlebt, weil es indirekte Steuern erhoben hat”, erläutert Lioupis. „Ein Mercedes kostete in Griechenland zum Beispiel vor dem EU-Beitritt das drei- bis vierfache wie in Deutschland. Dadurch fehlte nun eine wichtige Einnahmequelle.” Heute könne man einen Porsche in seiner alten Heimat günstiger erwerben als in Deutschland. „Ich habe vor einiger Zeit irgendwo gelesen, dass Athen die höchste Porsche-Dichte weltweit habe.”

Anna Kirisaki-Gellissen, die Vorsitzende der Griechischen Gemeinde in Heinsberg, unterstreicht dann auch, dass sicher nicht jeder in gleichem Maße von den nun verordneten Sparmaßnahmen betroffen sei. „Ich habe dennoch Mitleid mit meinen Landsleuten, weil der einfache Mann das stark zu spüren bekommt.”

Dass ständig darüber geredet wird, ist zumindest bei den Griechen in Deutschland nicht der Fall. „Wenn ich in Griechenland anrufe, sprechen wir eigentlich kaum über das Thema. Natürlich machen wir uns alle Sorgen, auch um das, was jetzt in Deutschland geschieht.” Das Geld, das die Griechen ausgegeben hätten, ergänzt Lioupis, sei ja auch den Deutschen zugute gekommen.

Allein zwölf Prozent der Rüstungsexporte seien nach Griechenland geflossen. „Ob Lidl, Aldi oder Media-Markt - alle haben sich in Griechenland niedergelassen. Und die Politiker streiten sich heute darüber, wer die meisten Schmiergelder kassiert hat.”