Heinsberg-Karken: „Grabräuber” haben es auf Jesus abgesehen

Heinsberg-Karken: „Grabräuber” haben es auf Jesus abgesehen

Der Gemütszustand der drei Männer, die nebeneinander über den Friedhof laufen und alle paar Schritte kopfschüttelnd an verschiedenen Gräbern stehenbleiben, schwankt zwischen Empörung, Zorn und Trauer.

Was den Bauunternehmer Leonhard Wambach, Heinsbergs Bürgermeister Wolfgang Dieder und Karkens Ortsvorsteher Hans-Josef Reiners so aus der Fassung bringt, ist die zunehmende Anzahl der Grabdiebstähle, die Dreistigkeit, mit der die Täter zuschlagen und der mangelnde Respekt gegenüber den Verstorbenen, den die Diebe bei ihren Taten an den Tag legen.

Erst in der Nacht zum Montag haben erneut „Grabräuber” am Karkener Friedhof zugeschlagen. 24 Fälle von Diebstahl auf dem Friedhof am Tichelkamp sind der Polizei bislang allein aus dieser einen Nacht gemeldet worden, vermutlich aber gibt es noch mehr Geschädigte, die den Verlust bislang noch nicht entdeckt haben. Wahrscheinlich in derselben Nacht steuerten die Diebe auch noch den Waldfeuchter Friedhof an. Acht Diebstähle wurden bislang bei der Polizei angezeigt.

Abgesehen hatten es die Täter auf beiden Friedhöfen diesmal nicht auf Kupferabdeckungen oder Grablampen, sondern auf Jesusfiguren. Nicht etwa solche aus Metall, die sich der hohen Metallpreise wegen leicht zu Geld machen ließen, sondern auf Figuren aus Holz und Gips. Unfassbar für die Hinterbliebenen und die Bürger. „Dass das Andenken von Verstorbenen so in den Dreck gezogen wird, macht einen traurig und wütend”, sagt Wolfgang Dieder.

Den Bürgermeister und seine Begleiter zieht es in eine Ecke des Friedhofs, in der sich das ganze Ausmaß, das der Beutezug hinterlassen hat, in einem trostlosen Bild niederschlägt. „Es ist wirklich ein Anblick des Jammers, das einen sprachlos macht”, sagt Ortsvorsteher Reiners, als sein Blick über die Gräberreihe schwankt. Ein Dutzend Gräber sind an diesem Friedhofsquadrat angelegt - sechs davon sind mit Kreuzen und Jesusfiguren geschmückt. Besser gesagt: waren es. Nur eine Figur haben die Täter bei ihren Beutezug verschont. „Der Grund dafür ist vermutlich die Beschädigung des Korpus an einem Arm - die wollten sie nicht”, mutmaßt Leonhard Wambach.

Die Figur auf dem Grab von Leonhard Wambachs Eltern dagegen war im Gegensatz zu der am Nachbargrab unversehrt und in bestem Zustand - und natürlich haben die Täter auch sie mitgenommen. Ein herber Verlust für den Bauunternehmer: „Mein Vater hat zu Lebzeiten selbst für seine Ruhestätte geschnitzt. Für uns Angehörige bedeutet das den Verlust eines unschätzbaren ideellen Wertes”, sagt Wambach. „Wer macht sowas - und vor allem, was wollen die Leute damit?”, fragt sich der Bauunternehmer.

Diese Frage kann auch die Polizei nicht ohne weiteres beantworten - denn diese Form der „Grabräuberei” ist auch den Beamten neu: „Der Diebstahl von Holzkorpussen ist ein Phänomen, das wir uns bislang noch nicht erklären können”, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken. „Dass Metallkreuze gestohlen werden, ist aufgrund der Gewinnspanne bei Metall nachvollziehbar. Den Grund für den Diebstahl der Holzfiguren können wir bislang noch nicht klar nachvollziehen”, erklärt er. Fest stehe nur, dass die Jagd der Diebe auf Holzfiguren vor knapp vier Wochen begonnen habe. Anfangs wurden an Wegekreuzen, unter anderem in Waldfeucht, die Jesuskorpusse abmontiert.

Dass es sich bei den Diebstählen um christenfeindliche Taten handelt, glauben die indes Ermittler nicht. „Es ist vielmehr so, dass es dafür mit Sicherheit einen Absatzmarkt gibt. Und da die Taten vor etwa vier Wochen begonnen haben, ist auch noch die zeitliche Nähe zum Weihnachtsfest zu bedenken. Wir sind sicher, dass die Figuren verkauft werden sollen”, sagt Frenken.

Möglichkeiten, die Diebstähle zu unterbinden, sieht Bürgermeister Wolfgang Dieder nicht. „Den Friedhof nachts abschließen, das wollen wir nicht - und viel Sinn hätte das auch nicht, denn die Mauer ist so niedrig, dass man schnell drüberklettern kann”, sagt er. Stattdessen ruft er die Bürger dazu auf, die Augen aufzuhalten und Verdächtiges zu melden.

Die Bürger indes haben selbst Initiative ergriffen. Sie haben eine Belohnung in Höhe von 2000 Euro, für Hinweise, die zur Wiederbeschaffung der Figuren führen, ausgesetzt. Auch Ortsvorsteher Reiners ist beim Rundgang über den Friedhof so empört, dass er die Belohnung kurzerhand um 400 Euro erhöht. „Ich hoffe, dass man die Stücke wiederfindet. Die Verstorbenen verdienen das”, betont er.