„Gips“: Ein positives Bild vom Leben mit Handicap

Städteregion: Ein positives Bild vom Leben mit Handicap

Wer Horst Boltersdorf anruft, der wird mit fröhlicher Musik begrüßt. „Heut ist so ein schöner Tag“, schallt es nach dem ersten Klingelton lautstark aus dem Hörer. Das passt, denn der 65-Jährige ist eine Frohnatur. „Ich habe mich immer schon an den positiven Seiten des Lebens orientiert“, betont er. .“

Auch ein schwerer Schicksalsschlag hat an diesem Grundsatz nichts geändert: Seit zehn Jahren ist der ehemalige Einzelhandelsmanager blind, innerhalb von nur zwölf Monaten verlor er sein Augenlicht. Die Ursache ist bis heute ungeklärt. „Ich habe eine Reise durch die Fachkliniken in Deutschland gemacht, aber niemand hat eine Erklärung finden können“, erzählt Boltersdorf. „Und ohne Diagnose gibt es leider auch keine Therapie

„Was wir machen, ist Inklusionsarbeit, die ankommt“, betont Horst Boltersdorf vom Verein „Gips“. Foto: Michael Grobusch

Nicht das Schicksal beklagen

Das ist bitter, aber verbittert ist Horst Boltersdorf dennoch nicht. „Natürlich bin ich zuerst einmal in ein tiefes Loch gefallen. Schließlich hat mich die Krankheit völlig unverhofft erfasst.“ Doch schnell wurde dem Aachener bewusst, dass er sich nicht damit abfinden und sich nicht darauf beschränken wollte, sein Schicksal zu beklagen. Zunächst ging er in die Politik, aber dort wurde er enttäuscht, weil die Rechte und Belange von Menschen mit Behinderung seiner Meinung nach viel zu sehr vernachlässigt wurden. Die Alternative bot sich dann per Zufall: „Ein Freund hat den Kontakt zum Verein ‚Gips‘ hergestellt. Ich bin zu einem Treffen hingegangen und habe innerhalb von fünf Minuten Feuer gefangen.“

„Gips“ steht für „Gehandicapten Informatie Project Scholen Spelen & Leren“ und beschreibt schon in seinem Namen den spielerisch-praktischen Ansatz des Projektes, das vor 26 Jahren in den Niederlanden ins Leben gerufen wurde. Mittlerweile zieht „Gips“ auch in Deutschland immer größere Kreise — unter anderem in der Städteregion, dank Horst Boltersdorf.

Das Prinzip ist diesseits und jenseits der Grenze identisch: „Wir vermitteln ein ganz anderes Bild von Behinderten und Behinderungen, als es sonst üblich ist“, sagt Boltersdorf. „Dieses Bild ist nicht negativ, sondern positiv besetzt.“ Das Konzept klingt für den Außenstehenden ein bisschen nach idealistischem Wunschdenken, doch es funktioniert in der Praxis offenbar bestens. Zumindest in der Altersklasse, die „Gips“ anspricht. „Wir gehen ausschließlich in sechste Klassen von Regelschulen“, betont Horst Boltersdorf und schiebt die Begründung gleich hinterher: „Im fünften Schuljahr sind die Kinder nach dem vollzogenen Schulwechsel oftmals noch sehr mit ihrer neuen Lernumgebung beschäftigt. Und im siebten Schuljahr werden sie von der Pubertät abgelenkt.“ Also geht‘s in die sechsten Klassen, und da kommen Boltersdorf und seine Mitstreiter bestens an. „Die Ehrlichkeit und Spontanität der Kinder ist einfach erfrischend“, schwärmt der Organisator. Dazu gehöre auch die offen ausgedrückte Skepsis, wenn Behinderte — Boltersdorf legt Wert auf diese Bezeichnung: „Ich nenne die Dinge beim Namen.“ — in die Schule kommen und sagen: „Ihr müsst keine Angst vor uns haben. Wir sind ganz normale Menschen, die ganz normal am Leben teilnehmen.“

Zum „Gips“-Team, das in der Städteregion unterwegs ist, gehören Frauen und Männer mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen: Blinde, Gehörlose, Gehbehinderte, aber auch geistig oder mehrfach Behinderte. „Wer bei uns mitmachen möchte, muss eine Behinderung haben“, sagt Horst Boltersdorf. „Und wer bei uns über seine Behinderung klagt, der bekommt einen Rüffel.“

Erfahrungen sammeln

In den Schulen erzählen die „Gips“-Vertreter nicht nur von ihrem Leben mit Handicap. Sie lassen die Schüler auch erfahren, wie man damit umgehen kann. Der Rollstuhlparcours gehört deshalb ebenso fest zum Programm wie die Einführung in Blindenschrift und Gebärdensprache, das Bedienen eines Computers ohne Arme und das Fortbewegen mit dem Blindenstock — um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Botschaft, die hinter allem steckt, wird, das hat Horst Boltersdorf oft erlebt, schnell verstanden: „So geht es uns. Aber ihr merkt, das ist gar nicht schlimm.“ Gerne zitiert der 65-Jährige in diesem Zusammenhang die Reaktion eines Schülers: „Behinderte sind genau wie wir. Du tust mir jetzt gar nicht mehr leid.“

Rund 20 Leute bilden mittlerweile den Stamm des Vereins „Gips Spielen und Lernen“, so der komplette und offizielle Name, in der Städteregion. Nahezu jede Woche ist das Team außerhalb der Ferien unterwegs. So kommen 50 bis 60 Besuche pro Jahr zusammen. Doch nicht nur die. Mittlerweile ist das Tätigkeitsfeld ausgeweitet worden: Jeweils fünf weitere Termine gibt es bei Teilnehmern am Bundesfreiwilligendienst, bei angehenden Pflegerinnen und Pflegern des Aachener Klinikums sowie bei Lehramtsstudenten.

Und weil sich der Erfolg herumgesprochen hat, soll im nächsten Jahr eine Kooperation mit der Polizei besiegelt werden. Dann wird „Gips“ noch mehr als die 1300 Menschen erreichen, die 2017 an dem Programm teilgenommen haben. Horst Boltersdorf stimmt das trotz aller damit verbundenen Mühen und Anstrengungen zufrieden — und natürlich fröhlich: „Was wir machen, ist Inklusionsarbeit, die ankommt.“