Städteregion: Gegensätze bestimmen Kampf um das Direktmandat in der Städteregion

Städteregion: Gegensätze bestimmen Kampf um das Direktmandat in der Städteregion

Auf dem Wochenmarkt in Herzogenrath haben sie sich mal gegenseitig eine Rose geschenkt. Das war dann eine der ganz wenigen direkten Kontakte, die Claudia Moll und Helmut Brandt in den vergangenen Monaten hatten. Natürlich sind sie sich oft begegnet — bei Podiumsdiskussionen, Speed-Datings und auch auf der Straße. Aber man kann wirklich nicht behaupten, dass sich die Direktkandidatin der SPD und ihr Konkurrent von der CDU suchen.

Gegensätze ziehen sich an? Dieser Logik folgend, müsste die Anziehungskraft zwischen Claudia Moll und Helmut Brandt enorm sein. Ist sie aber nicht. Vielleicht sind die Gegensätze einfach zu groß und zu zahlreich. Denn unterschiedlicher als die beiden politischen Kontrahenten können zwei Menschen kaum sein.

Da ist auf der einen Seite Helmut Brandt. Der Erfahrene, der Etablierte, der bereits seit zwölf Jahren Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2012 zudem noch Justiziar der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist. Zweimal zog er über die Landesliste ins Parlament ein, bei den letzten beiden Wahlen sicherte er sich das Direktmandat. Das ist auch am Sonntag sein erklärtes Ziel.

Dabei könnte sich der Rechtsanwalt aus Alsdorf mit seinen bald 67 Jahren eigentlich zur Ruhe setzen. „Doch ich habe das Gefühl, dass ich in Berlin noch einiges für unsere Region bewegen kann“, sagt Brandt. Er verweist auf seine über Jahre entstandenen und gepflegten Kontakte, darauf, dass er Mitglied der stärksten Fraktion ist und dies — davon ist er überzeugt — auch bleiben wird.

Von all dem ist Claudia Moll ziemlich weit entfernt. Politisch gilt sie als recht unerfahren, wenn man einmal davon absieht, dass sie seit 2009 dem Eschweiler Stadtrat angehört. Berlin kennt sie nur von einigen Reisen, den Bundestag bezeichnet sie als „Champions League“. Und dennoch strotzt Moll nur so vor Selbstbewusstsein. Obwohl, oder gerade weil sie selbst in der SPD als Exotin gilt. „Ich bin eine von bundesweit nur drei richtigen Arbeitern, die für den Bundestag kandidieren“, betont die 48-Jährige.

Und wenn sie das so sagt, dann schwingt eine Mischung aus Stolz und Trotz mit. Und auch eine gewisse Angriffslust: „Ich mache bessere Politik als Helmut Brandt, auch wenn er Jurist ist und ich nur Altenpflegerin bin.“ Das „nur“ will sie natürlich relativiert wissen. Denn sie sieht sich als Vertreterin des kleinen Mannes und der kleinen Frau und damit der immer noch großen Mehrheit in Deutschland. Altersarmut, Pflegenotstand und Arbeitslosigkeit seien Themen, mit denen sie sich auskenne. „Weil ich in meinem Beruf und auch privat damit tagtäglich zu tun habe.“

Das kann Helmut Brandt von sich so nicht behaupten. Dem oft auch ihm gegenüber erhobenen Vorwurf, die Politiker in Berlin hätten den Bezug zur Basis verloren, widerspricht er dennoch vehement. „Natürlich bin ich in 22 Sitzungswochen pro Jahr in der Hauptstadt. Aber die übrige Zeit verbringe ich in meiner Heimat und in meinem Wahlkreis.“ Brandt verweist auf regelmäßige Sprechstunden in den Kommunen, häufige Unterredungen mit den örtlichen Bürgermeistern und den Besuch zahlreicher Veranstaltungen. „Ich denke, ich kann mit Überzeugung sagen, dass ich keiner von ‚denen da oben‘ bin.“ Aber er ist einer aus der Partei von Angela Merkel. Und das wertet Helmut Brandt durchaus als Vorteil.

„Sie ist das erste Aushängeschild der CDU. Ich habe im Wahlkampf viele Menschen getroffen, die sich wünschen, dass sie unser Land weiter führen wird.“ Das mache viel aus. „Und vielleicht ist das sogar wahlentscheidend.“ Dass der SPD-Spitzenkandidat diesmal in seinem Wahlkreis beheimatet ist, fällt laut Brandt hingegen nicht ins Gewicht: „Ich bin überrascht, dass das offenbar überhaupt keine Rolle spielt.“

Claudia Moll freilich sieht das ganz anders: „Die Aufmerksamkeit, die unser Wahlkreis genießt, ist schon sehr groß. Und damit stehe auch ich als Direktkandidatin mehr im Fokus“, erklärt die 48-Jährige. Gleichwohl sei sie ein ganz anderer Typ als Martin Schulz. „Auch deshalb haben wir den Wahlkampf ganz unabhängig von seiner Person geführt.“

Am Sonntagabend wird sich zeigen, was das bewirkt hat. Claudia Moll will in jedem Fall bis zur letzten Sekunde kämpfen und verspürt keinerlei Müdigkeitserscheinungen. „Ich bin es gewohnt, körperlich zu arbeiten. Mir macht das nichts aus“, stellt sie mit Blick auf den prallen Terminkalender und den Veranstaltungsmarathon vor allem seit dem Ende der Sommerferien fest.

Helmut Brandt hingegen räumt ein, dass er das Ende des Wahlkampfes inzwischen herbeisehnt. „Auch wenn man es immer wieder mit anderen Menschen zu tun hat, wiederholen sich die Themen doch oft.“ Für den 66-Jährigen steht fest: „Es wird Zeit, dass die Wähler entscheiden.“

Eine Gemeinsamkeit gibt es dann übrigens doch zwischen Claudia Moll und Helmut Brandt: Wenn man die Kandidaten nach dem Wert der Familie fragt, geraten beide ins Schwärmen. „Die Familie hat für mich eine große Bedeutung. Sie gibt mir Kraft und bietet mir einen Rückzugsort“, sagt Brandt. Bei Claudia Moll ist das ähnlich: „Ohne die Unterstützung meine Familie wäre die Kandidatur gar nicht möglich gewesen.“

Den Wahlsonntag werden Moll und Brandt dann auch zunächst im Familienkreis verbringen. Begegnen werden sich die Kontrahenten, und damit kehren wir zu den Gegensätzen zurück, aber auch am Abend nicht. Während der CDU-Kandidat das Städteregionshaus in Aachen aufsuchen will, zieht es die SPD-Herausforderin ins Eschweiler Rathaus. „Dann will ich im Kreise meiner Vertrauten sein“, betont Moll.

Den obligatorischen Handschlag zwischen Gewinner und Verlierer wird es also — unabhängig vom Wahlergebnis — nicht geben. Doch das passt ja eigentlich gut zum Wahlkampf dieser so unterschiedlichen Kandidaten, die sich nicht gesucht und deshalb auch nicht gefunden haben.

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