Aachen: Wie ticken diese „Hinterwäldler“?

Aachen : Wie ticken diese „Hinterwäldler“?

Drogen, Gewalt und Schicksalsschläge: Ron Howards Familiendrama „Hillbilly Elegy“ mit Glenn Close und Amy Adams konzentriert sich auf persönliche Dramen.

Die erste Kamerafahrt entlang heruntergekommener Hütten, begleitet von alten Familienfotos, zeigt die Heimat von J. D. Vance (Gabriel Basso). Der angehende Jurist stammt aus den hügeligen Appalachen in Kentucky, wo die verachteten „Hillbillys“ („Hinterwäldler“) wohnen. Diese Herkunft bedeutet für ihn: drei Generationen schwieriger Familiengeschichte mit Gewalt und Drogen.

Bei der Großfamilie, die nach außen immer zusammenhält, fällt sofort die unvorteilhafte Kleidung auf. Und das riesige Kassengestell von Oma Mamaw (Glenn Close), das über Jahrzehnte gleich eindrucksvoll im Bild bleibt. Der Revolver in der Handtasche wird nicht gebraucht, das scharfe Mundwerk ist ihre beste Waffe.

Neoliberales Märchen

Jetzt ist J. D. Vance nach einer Militärkarriere Jurastudent im elitären Yale. Ein Aus- und Bildungsweg, der trotz Stipendien mehr als 20.000 Dollar pro Jahr kostet. Mit der Unterstützung seiner aus Indien stammenden Freundin hat er bei einem exklusiven Dinner die Chance auf einen Studienjob bei einer Anwaltskanzlei. Während der „Hinterwäldler“ mit der Weinwahl oder den vielen Messern und Gabeln schon überfordert ist, erreicht ihn ein Anruf von zu Hause: Seine suchtkranke Mutter Bev (Amy Adams) liegt nach einer Überdosis Heroin im Krankenhaus.

Auf seiner nächtlichen Heimfahrt erinnert sich J. D. an eine haltlose Kindheit zwischen seiner unzuverlässigen Mutter, die ihn schon einmal umbringen wollte, und der verrückten Oma, die einst ihren gewalttätigen Ehemann angezündet hat.

Dramatisch baut „Hillbilly Elegy“ auf eine persönliche Geschichte mit immer wieder heftigen Schicksalsschlägen. Bis zur finalen Entscheidung: Bleibt J. D. bei der Mutter, die ihn so oft enttäuscht hat, die keine Klinik zum Entzug findet und sich bei erster Gelegenheit direkt einen Schuss setzt? Oder fährt er wieder zehn Stunden zurück zum nicht verschiebbaren Vorstellungstermin am nächsten Morgen? J. D., der nette Junge, der eine angefahrene Schildkröte rettet, um daraufhin von anderen Hillbillys verprügelt zu werden, bekommt alle Sympathien, man wünscht ihm nur das Beste.

J. D. Vances Bestseller-Biografie „Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft“ wurde vor vier Jahren als Trump-Erklärbuch herumgereicht: Intellektuelle versuchten beim Lesen zu verstehen, was das denn für Leute aus der verarmten, weißen Arbeiterschicht im ländlichen Amerika sind, bei denen Donald Trump punktet. Dass der Weg von J. D. aus den Wäldern und dem sozialen Elend als Erfolg eines Einzelkämpfers ein neoliberales Märchen darstellt, fiel nur am Rande auf.

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Die Verfilmung von Oscar-Preisträger Ron Howard („A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“) verstärkt allerdings diesen unangenehmen Grundton: „Hillbilly Elegy“ konzentriert sich auf die vielen persönlichen Dramen und stellt das Gesellschaftliche in den Hintergrund. Zu wenig Pflegeeinrichtungen, unterbesetzte Krankenhäuser, ein privatisiertes Gesundheitswesen, Bildung nur für Reiche – das sind die Verhältnisse, die auch dieser Familie das Leben schwer machen. Ein Film könnte zu politischem Engagement für die Schwächeren motivieren. Dieser tut es nicht.

Das durchgehende Bangen, ob der „gute Junge“ seine Wut bezwingen und seine Chance wahrnehmen kann, wurde von Howard handwerklich überzeugend und ansehnlich in der fließenden Montage aus Erinnerungen und Gefühlen inszeniert. Die drei Generationen von Versagen und Schuld sind mit Glenn Close und Amy Adams eindrucksvoll besetzt. Manchmal macht sich „Hillbilly Elegy“ sogar einen Spaß aus dem Elend und der Verschrobenheit, vor allem mit der Oma-Rolle von Close. Doch der Ärger über eine eingeschränkte neoliberale Weltsicht überwiegt beim Sehen. (Netflix)

„Hillbilly Elegy“ (USA 2020), Regie: Ron Howard, mit Amy Adams, Glenn Close, Gabriel Basso, 116 Min., FSK: ab 16