Kurze Wanderung führt zum renaturierten Borstgrasrasen in der Eifel

Wandertipp : Zum renaturierten Borstgrasrasen in der Eifel

Die Eifel trägt als Beinamen „Preußisch Sibirien“. Dieser Spitzname kommt nicht von ungefähr, galt sie doch zur Preußenzeit als arm, verlassen und regenreich. Im 17. und 18. Jahrhundert war die Eifel fast waldlos, das raue Klima und die kargen Bodenverhältnisse erlaubten nur eine sehr eingeschränkte landwirtschaftliche Nutzung.

Die Wiesen waren mager. Heideflächen, Moore und Borstgrasrasen überzogen das Land.

In den vergangenen Jahren wurde unter anderem um Sistig herum Fichtenwald gerodet, dann wurde auf dieser Fläche Borstgrasrasen angesiedelt. Aufgrund einer Naturschutzförderung, finanziert von der Europäischen Union, konnte die Biologische Station im Kreis Euskirchen mit dem Projekt „Allianz für Borstgrasrasen“ den besonders gefährdeten, aber auch sehr artenreichen Lebensraum Borstgrasrasen wiederherstellen.

Sechs Kilometer lange Wanderung

Ein Wanderweg, knapp sechs Kilometer lang, führt bei Sistig seit vergangenem Jahr durch das renaturierte Gebiet. Start der Tour sind die Parkplätze zwischen Sportplatz und Gemeinschaftsgrundschule an der Pfarrer-Berens-Straße in 53925 Kall-Sistig.

Vom Startpunkt geht es über einen breiten Weg zunächst in östliche Richtung zum Einstieg in das Schutzgebiet. Am ersten Abzweig Richtung Süden sollten die Wanderer dann abbiegen und dem mit einem Pfosten markierten Trampelpfad über eine ausgedehnte Wiese folgen. Was auffällt: Da Borstgrasrasen nicht gedüngt wird, weisen sie längst nicht so ein Grün auf wie andere Wiesen, die beispielsweise in Richtung Kloster Steinfeld ins Blickfeld geraten.

Ein Brief zum Borstgrasrasen. In einem Buch in einer Schutzhütte können die Wanderer ihre Gedanken hineinschreiben. Mit diesem Blatt beginnt das Buch auf der ersten Seite. Foto: Gudrun Klinkhammer

Die Agraringenieurin Marietta Schmitz, die federführend am Projekt beteiligt war, beschreibt: „Borstgrasrasen wurde früher vom Vieh abgerissen, gekaut, und die ,borstigen‘ Reste wurden anschließend wieder ausgespuckt.“ Der lateinische Name für das Borstgras lautet „Nardus stricta“. Dabei handelt es sich um – so beschreiben es Fachleute in einer Broschüre – „... graugrüne, brettartige Horste, deren Wuchs dicht und fest ist und die von den gelblichen Halmen des Vorjahres umhüllt werden. Die Halme sind dünn und unter den Ähren rau“. Dieses Gras zeigt extensive Weidewirtschaft an, also eine Weidewirtschaft ohne großen menschlichen Eingriff.

Am Ende der Strecke über die ausgedehnte Wiese geht es an einem Wasserbehälter vorbei zum „Barbarakreuz“, das bei Sistig aufgestellt ist. Von dort aus geht es parallel zur Bundesstraße auf einem ehemaligen Feldweg entlang in Richtung Süden zu einem kleinen Wanderparkplatz.

Der Weg wird ab hier wieder breiter und es gilt, den Markierungspfosten zu folgen in süd-östliche Richtung. Rechter Hand steht eine Bank, an der ersten Wegkreuzung geht es in Richtung Osten. Am Ende dieses breiten Weges führt ein Track zum Kaller Ortsteil Krekel.

Am Rande sei hier erwähnt: In Krekel residiert im gelb angestrichenen Haus „Eifel-Antik“ an der Hauptstraße der „80-Euro-Waldi“ aus der Fernsehsendung „Bares für Rares“. Der Rundweg aber führt weiter nach Süden über einen hölzernen Steg und einen Pfad, wieder durch eine Wiese auf einen breiteren Weg zu. Hier geht es in Richtung Westen weiter, dem Weg gilt es, ein kurzes Stück zu folgen. Auf der rechten Seite führt ein geschwungener Pfad auf eine große, neu gebaute Schutzhütte zu.

Marietta Schmitz betreut das Projekt „Allianz für Borstgrasrasen“ bei Sistig. „Borstgrasrasen wurde früher vom Vieh abgerissen, gekaut, und die ,borstigen‘ Reste wurden anschließend wieder ausgespuckt“, erklärt die Agraringenieurin. Foto: Gudrun Klinkhammer

Wunderbare Weitsicht

Die Rast wird hier dank wunderbarer Weitsicht bis hin zu den Zwillingstürmen von Kloster Steinfeld zum Genuss. Auch liegt ein Gästebuch aus, in dem das Blättern und Lesen ebenso viel Spaß bereitet wie das Hineinschreiben der eigenen Gedanken und Empfindungen auf diesem Weg. Von der Schutzhütte aus geht der Pfad weiter Richtung Süden an einer Weide vorbei, durch einen Fichtenforst und über einen Feldweg wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Wie Marietta Schmitz berichtet, blühen auf Borstgrasrasen im Mai und Juni Orchideen, ebenfalls im Juni blüht der rosa Storchenschnabel. Mit der Blüte der Pflanze „Teufelsabbiss“ wird es im August hellblau in den Flächen, der Lungenenzian öffnet im September seine blauen Kelche.

Zu finden ist im Sommer auf den Wiesen auch der gelbe und giftige „Klappertopf“. Ebenso öffnen Arnikablüten ihre gelben Kelche. Gemäht wird sehr schonend und zurückhaltend, zum Einsatz kommen gelegentlich auch Schafe und Ziegen, um Flächen zu beweiden, kurz zu halten und zu entbuschen. Was die in der Sistiger Heide lebenden Tiere angeht, so finden sich hier Heidelerche, Raubwürger, Bussard und Milan, Waldeidechse, Rehwild, Rotwild und Schwarzwild.

Das Braunkehlchen befindet sich im Logo des Projektes wieder. In den Wasserlöchern leben etwa Bergmolch und Fadenmolch. Hinzu gesellen sich Schmetterlinge und Falter wie etwa der Lilagold-Feuerfalter und der Hochmoor-Perlmutterfalter. Dass die Eifellandschaft früher tatsächlich das Aussehen hatte, wie es nun wieder rund um Sistig entstehen soll beziehungsweise bereits entstanden ist, beweisen die Bilder von bekannten Eifelmalern, etwa die Bildern von Fritz von Wille, Robert Weimann oder auch Dieter Pleines.

Kirche als „Bilder-Bibel“

Wer mag, kann nach der Wanderung durch die Natur noch den Ort Sistig mit seinen diversen Handwerksbetrieben und mit der Sistiger Kirche besuchen. Die Sankt-Stephanus-Pfarrkirche ist eng mit dem Namen des Künstlers Ernst Jansen-Winkeln verbunden, der sich als Kirchen- und Glasmaler überregional bis nach Amerika Ansehen erwarb. Die Ausmalung der Sistiger Kirche als „Bilder-Bibel“ ist ein bedeutendes Werk dieser Art. In den Jahren 1941, und später von 1945 bis 1948, schuf Jansen-Winkeln das einzigartige, antifaschistische Gesamtkunstwerk.

Wissenswertes rund um das Projekt „Allianz für Borstgrasrasen – ein Life+ Projekt“ findet sich auch im Internet unter der Adresse www.life-borstgrasrasen.eu.

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