Totes Dorf, lebendige Geschichte: Kurze Eifel-Wanderung bietet weite Ausblicke und interessante Historie

Totes Dorf, lebendige Geschichte : Kurze Eifel-Wanderung bietet weite Ausblicke und interessante Historie

Das Ziel ist einmalig: Vom Parkplatz Walberhof, hoch gelegen über der Schlossstadt Schleiden in der Eifel, startet der Wanderweg in Richtung Wollseifen. Die „Wüstung“ Wollseifen wird heute auch „Das tote Dorf“ genannt.

1946, nach dem Zweiten Weltkrieg, mussten die Einwohner fliehen. Die britischen Streitkräfte räumten den Ort, der 1950 dem belgischen Militär übergeben wurde. Gemeinsam mit der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang und einem rund 40 Quadratkilometer großen Gelände nutzten die belgischen Truppen bis Ende 2005 dieses Gebiet als Truppenübungsplatz. An Relikten aus dieser Zeit spaziert der Wanderer nun vorbei. Es geht ein Stück in einem großen Rechtsbogen über die so genannte Dreiborner Hochfläche, rund 500 Meter hoch gelegen über dem Meeresspiegel.

Der Ort Dreiborn liegt in Sichtweite ebenso wie die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang, doch das Hochplateau erlaubt bei klarem Wetter eine noch viel umfangreichere Fernsicht. Auf keinen Fall darf der Weg verlassen werden, auch nicht, wenn die Neugierde die Füße eventuell in die ein oder andere Richtung tragen möchte. Auf der Bildfläche linker Hand sieht man nach einigen Hundert Metern gelaufenem Weg einen großen Trümmerberg. Dabei handelt es sich um einen gesprengten Bunker.

Rechter Hand liegt eine offene Wiese, die gelegentlich mit Schafen beweidet oder auch von Menschen mit schwerem Gerät gemäht wird. Erstaunlich, liegt diese Fläche doch mitten im Nationalpark Eifel, in dem das Motto lauten soll „Natur Natur sein lassen“. Auf einer Info-Tafel mit der Überschrift „Was ist denn hier los?“ wird der Umstand erklärt. Ziel sei es, im „Nationalpark Eifel heimische Pflanzen- und Tierwelt wieder in ihre eigenen, ungelenkten Kreisläufe zurückzuführen“.

Auch die alte Schule in Wollseifen wurde wieder aufgebaut. Sie ist für Besucher geöffnet und erinnert an die Geschichte des Ortes, den seine Bewohner nach dem Krieg verlassen mussten. Foto: Gudrun Klinkhammer

Bis zum Jahr 2034 sollen mindestens 75 Prozent der Nationalpark-Fläche als Prozessschutzzone sich selbst überlassen werden. Die Nationalpark-Verwaltung informiert: „Auf kleinen Anteilen der Nationalparkfläche, der sogenannten Manage­mentzone, werden durch aktive Pflege artenreiche Kulturbiotope dauerhaft erhalten, dazu zählt die vor Ihnen liegende offene Graslandschaft.“ Zusammenfassend kann man diese Art der Pflege als „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“ erklären. Manche Biotope brauchen eben Pflege, um sich langfristig selbst entwickeln zu können. Derart informiert setzt der Wanderer seinen Weg in Richtung Wollseifen fort. Auf gut halbem Weg passiert man linker Hand eine kleine Kapelle.

Neben den Schildern ein erster baulicher Hinweis auf den Ort Wollseifen. 1908 wurde das Kapellchen erbaut, damals gehörte es noch zu einem Privathaus. 2007 wurde das kleine Gotteshaus von ehemaligen Wollseifenern wie Fritz Sistig und von Mitgliedern des Traditions- und Fördervereins Wollseifen wie Alois Esch wieder aufgebaut. Noch einige Hundert Meter weiter macht der Weg zunächst einen Linksschwenk und dann eine Rechtsbiegung. Die alte Schule wird sichtbar, ebenso die Kirche St. Rochus.

Beide Gebäude kann man auch von innen besichtigen. Auf Tafeln erinnern alte Bilder und Texte an die Geschichte der Gebäude. Eine, die diesen Weg regelmäßig geht, ist Christel Küpper. Sie ist eine der letzten Zeitzeuginnen. Christel Küpper, geborene Sistig, wurde vor 83 Jahren in Wollseifen geboren. Sie wuchs mit einem Bruder und sieben Schwestern auf. Noch sehr genau kann sie die Zeit der Vertreibung schildern. Ihre Eltern führten in Wollseifen ein Geschäft. Und natürlich war es für ihren Vater extrem schwierig, für die große Familie und das Ladeninventar eine neue Bleibe zu finden.

In der Kirche St. Rochus wurde Christel Küpper, heute 83 jahre alt, getauft. Sie erinnert sich noch heute mit Entsetzen an den tag, als sie und ihre Familie Wollseifen verlassen mussten. Foto: Gudrun Klinkhammer

Heute noch ist sie entsetzt, denkt sie an die Zeit zurück, als sie elf Jahre alt war: „Wir wurden nicht evakuiert, wir wurden vertrieben. Die Vertreibung, der Krieg, diese Dinge dürfen sich niemals wiederholen! Kriege sind so nutzlos, Soldaten nur Kanonenfutter.“ Und sie erinnert sich noch bildhaft an die Stunden, bevor die Familie ihr Heim verlassen musste: Ihre Schwester habe sogar noch das ganze Haus geputzt.

Die Kirchengeschichte von Wollseifen geht auf das Jahr 799 zurück. Der heutige Bau entstand 1633 bis 1635. Im Jahr 1665 kam der Kirchturm hinzu, 1843 die Orgelbühne. Nach 1946 wurde auch die Kirche St. Rochus zerpflückt. Die Orgel kam nach Rollesbroich, berichten Alois Esch und Christel Küpper. Die 300 Jahre alte Glocke ging nach Steckenborn, die Kirchenbänke wurden in Einruhr gebraucht. Gleich neben den steinernen Zeugnissen der Wüstung Wollseifen stehen die weißen, kubisch geformten Truppenübungsplatzhäuser der Belgier. Auch hier informieren Tafeln.

Nach einem kleinen Rundweg durch das tote Dorf, der auch an einem alten Trafohäuschen und einer Quelle samt Trog vorbeiführt, die an den im zwölften Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnten Ortsnamen „Wolf-Siefen“ erinnert, was so viel wie Wolfs-Tränke bedeutet, geht es auf gleichem Weg zurück nach Walberhof. Wanderer, die gut zu Fuß sind, können einen insgesamt rund elf Kilometer langen Rundweg von Wollseifen aus in Richtung Urfttal weitergehen, der bis Vogelsang und von dort aus zurück nach Walberhof führt.

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