Vieille Montagne: Wie aus einer Erzgrube Neutral-Moresnet wurde

Museum Vieille Montagne in Kelmis : Wie aus einer Erzgrube das Unikum Neutral-Moresnet wurde

Wer Belgien mit seinen Sprachgrenzen, Gemeinschaften und Regionen kompliziert findet, könnte sich mal in die Geschichte des Grenzortes Kelmis vertiefen. Danach kommt einem der Rest des Königreiches vergleichsweise einfach vor.

Das fängt schon beim Doppelnamen an. Neben Kelmis steht auch La Calamine auf dem Ortsschild. Der französische Begriff weist ebenso wie der deutsche auf Galmei hin. Der Rohstoff sorgte einst dafür, dass Kelmis auf der politischen Landkarte zu einer Art Unikum wurde. Und Céline Ruess kann das alles erklären.

Sie kann sogar allerhand vorzeigen in dem von ihr geleiteten Museum Vieille Montagne in Kelmis. Im ehemaligen Direktionsgebäude der ehemaligen Bergbaugesellschaft wird das ehemalige Kelmis lebendig. „Das Thema war früher im alten Göhltalmuseum präsent“, erklärt Ruess. Als sich 2014 die Chance auftat, den stattlichen Bau direkt an der einstigen Grube zu kaufen, wurde das alles neu sortiert. Seit September können die Besucher bei einem Rundgang über zwei Etagen nachverfolgen, wie das alles so gekommen ist mit dem Bergbau, dem seltsamen Gebilde namens Neutral-Moresnet, den Sprachen …

„Hiermit hat das alles angefangen“, sagt Ruess und zieht einen Glasbehälter mit ein paar bräunlichen Gesteinsklumpen aus einer Tischplatte heraus. Dieses Galmei wurde schon im Mittelalter hier aus der Erde gebuddelt. „Heute weiß man, dass es Zinkerz ist“, sagt Ruess. Die Altvorderen vermischten es noch mit Kupfer und verarbeiteten es zu Messing. Die frühere Messingindustrie in der Region gehe auf die Galmeivorkommen zurück, erläutert die Museumsleiterin. Der Rohstoff war begehrt. So ist im Museum eine Urkunde aus dem Jahr 1423 zu besichtigen, die die Rechte der Stadt Aachen an der Kelmiser Grube bestätigt.

Damals war noch vom „Alten Berg“ die Rede, als dann später die Franzosen kamen, wurde daraus die „Vieille Montagne“. Bei der Übersetzung des Namens ins Französische blieb es nicht, in der napoleonischen Zeit wurde eine neue Politik für die Gruben gemacht. „Der Staat erteilte die Erlaubnis zum Abbau“, erzählt Céline Ruess, das war mit Auflagen verbunden. Und damit war dann auch bald Schluss mit Messing. „Napoleon wollte Zink.“

Geteilte Macht: In Neutral-Moresnet mussten sich der preußische Adler und der niederländische Löwe miteinander arrangieren. Foto: ZVA/Harald Krömer

Alltagsgegenstände aus Zink

Das Material ist nicht nur bei Pariser Hausdächern verbaut, sondern war für allerhand andere Zwecke zu gebrauchen. Im Kelmiser Museum gibt es einen ganzen Raum voller Alltagsgegenstände aus Zink, und Leiterin Ruess hat dort immer viel Spaß bei Gruppenführungen. Die jungen Besucher müssten oft rätseln, was das für Gerätschaften sind und wozu man sie einst brauchte. Selbst in der Zinkwanne baden kann man zwar nicht, aber es gibt im Museum allerhand Exponate, bei denen Anfassen durchaus erwünscht ist. So lassen sich bei großen Bildern kleine Klappen öffnen, hinter denen mehr zu erfahren ist, etwa über die Arbeitsbedingungen in der Grube. Überhaupt wird einiger technischer Aufwand betrieben, um Besuchern neben dem Blick auf das große Ganze bei Interesse detailliertere Informationen anzubieten.

Und nicht zuletzt können die Besucher ein bisschen „Wiener Kongress“ spielen: Bei der neuen Aufteilung Europas nach der napoleonischen Zeit war die Grenzziehung um die Grube umstritten. Die Vorstellungen der Niederländer und der Preußen sind im Kelmiser Museum auf Glasscheiben dargestellt, die man über die Landkarte schieben kann. So entsteht das Bild unterschiedlicher Interessen, die zu einem politischen und gesellschaftlichen Experiment geführt haben. „Die Niederlande und Preußen mussten sich den Ort teilen“, erklärt Ruess.

Der Ort Moresnet, zu dem Kelmis damals gehörte, wurde durch einen Grenzvertrag 1816 zu Neutral-Moresnet. „Er gehörte zu keinem Staat“, sagt Ruess, die Verwaltung übernahmen ein niederländischer und ein preußischer Kommissar. Anders als die rund 400 „neutralen“ ursprünglichen Bewohner behielten Zuwanderer die Staatsangehörigkeit, die sie „mitbrachten“. Das Gebilde hatte keine Armee und keine eigene Gesetzgebung, allerdings ein Zollamt. „Die Steuern waren niedrig“, erklärt Ruess, „deshalb gab es hier viele Kneipen“.

Und fast hätte Neutral-Moresnet noch seine eigene Sprache bekommen. Dr. Wilhelm Molly, Betriebsarzt der Bergbaugesellschaft Vieille Montagne, war fasziniert von der Kunstsprache Esperanto. Als um 1900 Überlegungen aufkeimten, aus Neutral-Moresnet einen eigenen Staat zu formen, hatte die Idee einer neutralen Sprache für ein neutrales Gebiet durchaus ihren Reiz. Doch es kam anders.

Nachdem die niederländische Nachbarschaft 1830 zunächst belgisch geworden war, kam mit dem Versailler Vertrag von 1919 auch Neutral-Moresnet zu Belgien. Um die Grube musste man sich nicht mehr zanken, denn seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war dort nicht mehr viel zu holen. „Um 1880 war sie eigentlich leer“, sagt Ruess. Danach wurde in Kelmis Erz aus anderen Gruben der Vieille Montagne verarbeitet. Zwei Jahrzehnte zuvor war schon der heutige Kasinoweiher schräg gegenüber vom Direktionsgebäude angelegt worden, das Wasser aus dem Stauweiher wurde für die Erzvorbereitung gebraucht.

Was damals so alles getrieben wurde auf der anderen Straßenseite, lässt sich auch heute noch beobachten: Beim Blick aus einem Museumsfenster durch ein harmlos wirkendes Fernglas sehen die Besucher nicht die Realität mit etwa einem verlassenen Tankstellengelände, sondern arbeitende Menschen aus längst vergangenen Tagen. Die virtuellen Bilder im Fake-Fernglas wirken eindrucksvoller als die echte Grube hinter dem Haus. Der mit allerhand Strauchwerk ziemlich zugewachsene Steilhang lässt nur erahnen, wie hier früher geschuftet wurde.

Besucher können sich das alles auch von Audioguides erzählen lassen. Die Geräte sprechen – natürlich – Deutsch, Französisch und Niederländisch, außerdem Englisch. Esperanto fehlt.

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