Wassenberg: „Urwald“ und Pützchen: Birgelen ist ein Tipp für Wanderer und Wallfahrer

Wassenberg: „Urwald“ und Pützchen: Birgelen ist ein Tipp für Wanderer und Wallfahrer

Sage niemand, das Oktogon des Aachener Doms sei einmalig: Ein Oktogon weist auch die Wallfahrtskapelle Birgelener Pützchen auf. Allerdings ist dieses Achteck erst im Laufe des 20. Jahrhunderts erbaut worden.

Der Ursprung der Kapelle geht aber auf die Anfänge des Christentums im Norden des Bistums Aachen zurück. Der Überlieferung nach wurden hier um das Jahr 700 durch den heiligen Lambertus die ersten Christen am südlichen Niederrhein getauft. Diese sollen wenige Jahre später auf einer nahe gelegenen Anhöhe eine kleine Holzkirche erbaut haben. Auch das gibt es: diese Kapelle wurde vor Karl dem Großen gebaut.

Das Birgelener Pützchen: Die Wallfahrtskapelle ist weit über die Region hinaus bekannt. Foto: Dettmar Fischer

Das Wasser des Pützchens — Pütz bedeutet Brunnen — gilt als heilbringend und soll durch viele Mineralien, darunter Siliziumdioxid, besonders Augenleiden lindern. Eine andere Überlieferung berichtet vom heiligen Willibrord, der um das Jahr 705 in Birgelen die Bergkirche, die an der Stelle der heutigen Friedhofskapelle stand, gegründet haben soll.

Das Birgelener Pützchen: Die Wallfahrtskapelle ist weit über die Region hinaus bekannt. Foto: Dettmar Fischer

Wie auch immer, dieser Wallfahrtsort kann auf eine lange Tradition verweisen. Die uralte Bergkirche wurde 1825/27 von einem klassizistischen Neubau im Dorfkern ersetzt, der 1935/37 erweitert und 1965 neu gestaltet wurde. Wie es zur Errichtung eines ersten Bildstocks mit einem Bildnis der Gottesmutter Maria an dieser Taufstätte kam, berichtet eine alte Legende: Ein Herr von Schlickum war bei der Jagd im Birgelener Wald von einer Bärin lebensgefährlich verletzt worden. Um die Wunden auszuwaschen, suchte sein Jagdgenosse nach Wasser und fand zwischen den Wurzeln einer Eiche eine saubere Quelle. Mit diesem Wasser wusch er die Wunden seines Gefährten aus.

Ein „Wunder“

Das vermeintliche Wunder geschah: Das Leben des adligen Herrn wurde gerettet. Zum Dank ließ der wundersam Gerettete kurz darauf am Baum über der Quelle ein Marienbild in einem wetterfesten Kasten anbringen. Immer wieder gab es neue Berichte von weiteren Heilungen und Gebetserhörungen. Die Folge: Immer wieder suchen Menschen seit dieser Zeit den Bildstock am Pützchen auf. Denn das Besondere bis in die heutige Zeit ist, dass das Pützchen das ganze Jahr tagsüber geöffnet ist. Und der Gang zum Pützchen durch den Wald allein ist schon entspannend und bewirkt, dass man die Sorgen zu Hause lassen kann.

Nachdem Birgelen und Wassenberg die Zeit der Revolutionskriege 1793/94 glimpflich überstanden hatten, ließ übrigens eine vermögende Frau aus Wassenberg 1795 anstelle des alten Bildstocks ein steinernes Bethäuschen errichten. Der Brunnen wurde um 1850 eingefasst und eine Kapelle darüber gebaut. 1910 wurde der in der weiteren Umgebung einmalige Kreuzweg entlang des Wegs von Birgelen zum Pützchen errichtet. Der achteckige Hauptraum der Kapelle, also das Oktogon, wurde im Jahre 1933 an die kleine, rechteckige Kapelle aus dem Jahr 1863 angebaut. 1936 wurde der heute noch vorhandene Altar mit dem Gnadenbild im Pützchen aufgestellt.

Eine erste urkundlich belegte Pilgerfahrt erfolgte im Jahr 1718. Jeweils am ersten Sonntag im Mai findet seit 1928 an der Kapelle der Pützchenssonntag statt. In der Karwoche gehen zahlreiche Pilgergruppen den Kreuzweg zum Birgelener Pützchen. Jeden Sonntag, Dienstag und Freitag finden sich gegen 16 Uhr Gläubige zum Rosenkranzgebet am Pützchen ein. Nach wie vor angesprochen fühlen sich alle, die Sorgen und Nöte haben. Und quer durch alle christlichen Konfessionen kommen Menschen, die die Fürsprache Mariens erbitten und deshalb zu ihr gehen. „Dann bin ich erst mal zum Pützchen gegangen“ — oft hört man von Gläubigen in der Region diese Redewendung.

Die Wanderung durch den Naturpark

Birgelen hat noch mehr zu bieten als das Pützchen. Mit dem „Urwald“ im Naturpark Schwalm-Nette ist die Region nicht nur bei Wallfahrern, sondern auch bei Wanderern beliebt. Bei einem 14 Kilometer langen Wanderweg — gut ausgeschildert — kann man die besondere Atmosphäre des Naturparks erleben. Start des Wanderwegs ist das Haus Wildenrath: Der Weg folgt dem Naturpfad im Uhrzeigersinn bis zu einem Waldrand und überquert den noch jungen Schaagbach.

Anschließend geht es durch den Birgeler Wald nach etwa drei Kilometern bis zum Pützchen. Über den Kreuzweg geht es weiter. Danach gilt es recht steile Anstiege zu überwinden, auf denen Relikte des Westwalls zu erkennen sind: Bunkerreste und Schützengräben aus den Weltkriegen — Zeitzeugen der Geschichte etwa zur Hälfte des Weges.

Über den alten Bahndamm der stillgelegten Strecke Jülich-Dalheim führt der Weg weiter an den höchsten Punkt des Wanderwegs. Misch- und Buchenwälder wechseln sich ab. Oft werden die Wege und Pfade von fast mannshohen Farnen eingerahmt. Dann erreicht man das Schaagbachtal. Der einsame Pfad lädt zum Genuss der Natur ein. Zum Abschluss führt der Weg wieder durch die Bruchlandschaft rund um das Haus Wildenrath.

Wasserfeste Schuhe und Wanderkleidung sind bei diesem naturbelassenen Weg empfehlenswert. Die Biologische Station Haus Wildenrath bietet Wissenswertes zur faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt.

Der „Birgelener Urwald“ inmitten der Bruchlandschaft bietet einer Vielzahl seltener Pflanzen und Tiere idealen Lebensraum. Wer es denn einrichten will, kann im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung dem ein oder anderen nachtaktiven Tier begegnen: Waldkauz, Steinkauz und Dachs. Tagsüber trifft der Wanderer auf Habicht, Sperber, Milan, Schwarzwild sowie Fuchs und Hase. Mit etwas Glück können die Naturfreunde Tannen-, Schwanzmeisen, Bunt-, Schwarzspechte und Kleiber entdecken. In Wassernähe leben Libellen, Frösche, Lurche und andere Gattungen, die diesen Lebensraum benötigen.