Archäologische Leckerbissen: Staunen, stöbern und genießen in Tongeren

Archäologische Leckerbissen : Staunen, stöbern und genießen in Tongeren

Die belgische Stadt Tongeren hat auch abseits des sonntäglichen Flohmarktes viel zu bieten: Unter anderem einen unterirdischen archäologischen Leckerbissen. Im Teseum kann der Besucher kostbare Reliquien betrachten.

Es soll Menschen geben (wie den Autor dieses Artikels), die schon oft in Tongeren auf dem Antik- und Trödelmarkt waren, aber noch nie im romanischen Kreuzgang, in der Schatzkammer der Basilika und im Beginenhof. Nun, das ließ sich ändern, und es lohnt sich unbedingt.

Vor allem, seit das Teseum, die Schatzkammer der Basilika, um eine erstaunliche, enorme Ausgrabungsstätte, ein echtes archäologisches Museum im Erdreich unter der Basilika, 2018 eröffnet wurde. Tongeren ist innerhalb der heutigen Grenzen Belgiens die älteste Stadt: Sie ist 2000 Jahre alt.

Archäologen haben den Untergrund der Basilika in Tongeren ab 1996 eingehend und mit viel Erfolg untersucht. „An dieser ergiebigen Fundstelle entdeckte man Überreste von Stadtvillen und Wohnungen aus über 130 Generationen, die seit dem zweiten Jahrhundert in der Stadt lebten und an ihr gebaut haben. Die Reliquien und Überreste sind an dieser archäologischen Fundstätte zu sehen. Mit einem IPod ausgestattet, bekommt der Besucher interessante Informationen.

Der Klostergang an der Ostseite der Liebfrauenbasilika in Tongeren stammt aus dem 12./13. Jahrhundert und ist einer der schönsten Orte in der Stadt. Foto: Rolf Minderjahn

Farbenreich verputzt

Die Interieurs römischer Stadtwohnungen und sogar die Außenwände waren farbenreich verputzt. Fragmente von Wandmalereien kamen bei den Ausgrabungen zum Vorschein: gemalte Marmor-Imitationen, Pflanzenmotive, menschliche Figuren. Wandmalereien…“, erläutert Stephane Nijssen vom Tourismus­amt der Stadt Tongeren. Die Reste dieser Wohnungen im Stadtzentrum sind unter der ganzen Kirche und weit darüber hinaus zu finden.

In rund 20 Sälen des unterirdischen archäologischen Museums kann man diese Stadt unter der Stadt besichtigen. Unter den Bodenfliesen der heutigen Basilika befinden sich zudem Überreste von nicht weniger als sieben Kirchen, von der römischen Basilika über die spätkarolingische Kirche bis hin zur gotischen Erweiterung.

Das Teseum, die Schatzkammer der Basilika, betritt man durch den romanischen Seitenturm aus dem 12. Jahrhundert. Er ist ein Überrest der Festungsmauer, die als private Verteidigungsmauer um das Monasterium der Kanoniker und die Kirche lief. Er ist das älteste überirdische Bauwerk in Tongeren. Während sich zum Untergeschoss hin der Zugang zum archäologischen Bereich befindet, geht man über eine Wendeltreppe hinauf in die eigentliche Schatzkammer.

Unter der Basilika entdeckte man Überreste von Stadtvillen und Wohnungen. Foto: Rolf Minderjahn

Der Kirchenschatz ist einzigartig in der Region der „einstigen Niederlande“. Zu verdanken ist dies dem Liebfrauenkapitel und seinen Kanonikern. Sie trugen den Schatz seit dem neunten Jahrhundert zusammen und sorgten auch dafür, dass er erhalten blieb. Seit den Krönungsfesten von 2016 (alle sieben Jahre) ist er in ganzer Pracht im Teseum zu besichtigen, in den mittelalterlichen Räumen des Kapitels über dem romanischen Kreuzgang.

Der Kirchenschatz besteht hauptsächlich aus Reliquien, den sterblichen Überresten von Heiligen, die oft in kostbare Reliquiare gefasst sind. Dazu kommen Gegenstände zur Feier der Eucharistie, dem Singen der täglichen Gebete, dem Auszug der Prozessionen und anderer religiöser Rituale. Zu sehen sind liturgisches Geschirr aus Edelmetall und sündhaft teure Gewänder von Priestern und Kanonikern aus Seide und mit Gold- oder Silberfäden bestickt.

Prächtige Basilika

Die Liebfrauenbasilika ist eine prächtige Kirche, gekrönt von ihrem massigen, 64 Meter hohen gotischen Glockenturm, den man schon von Weitem erblickt. 300 Jahre lang baute man an der Basilika. Der Marienaltar gehört zu den Sehenswürdigkeiten der Kirche ebenso wie die Orgel, die mit ihren fast 4000 Pfeifen überwältigt. Dazu sind wunderschöne Kirchenfenster aus der Renaissance zu sehen. Die Geschichte des Frauenkapitels ist ebenfalls spannend, denn ein Kapitel ist eine Gemeinschaft von Geistlichen und Kanonikern, der auch Laien angehören können.

Wo Tongeren liegt. Foto: zva/mapz.com

Die Kanoniker des Tongerener Kapitels lebten bis ins 13. Jahrhundert im sogenannten Monasterium, einer Gemeinschaftsunterkunft, an der Ostseite der Kirche. Über den Klostergang gelangte man in alle wichtigen Räume sowie in die Kirche und in den Kapitelsaal. Das heutige, sehr schöne romanische Ensemble, stammt noch aus dem 12. und aus dem 13. Jahrhundert. Es ist eine Oase der Ruhe, in die man sich zurückziehen kann – einer der romantischsten und schönsten Orte der Stadt. Jahrhundertelang war hier eine Begräbnis­stätte für die Kanoniker und ihre Familien, aber auch für Priester und besondere Bürger. Noch heute sind Spuren zu sehen: Fragmente von Gräbern, Grabkreuze…

Der Beginenhof – Weltkulturerbe

Der Stadtturm Moerenpoort ist Museum und Aussichtspunkt mit Panoramablick über die Stadt. Dahinter beginnt der Beginenhof. Der Beginenhof von Tongeren gehört wie alle Beginenhöfe in Flandern zum Weltkulturerbe der Unesco. Er hat aber eine Besonderheit. Hier sind die Häuser nicht wie in vielen anderen Beginenhöfen einheitlich gestaltet und von gleicher Größe, sondern sehr unterschiedlich gebaut. „Die Beginen haben hier mit viel eigenem Kapital bauen können und ihre Häuser sehr individuell gestaltet, sowohl was Größe und Ausstattung anbelangt. Heute sind die Häuser alle in Privatbesitz“, sagt Stadtführer Stephane Nijssen.

Ein Rundgang über die alten Kopfsteinpflaster versetzt einen in die Zeit zurück. Es gibt auch ein kleines, durchaus sehenswertes Beginenhofmuseum.

Das Gallo-Römische Museum Tongeren erhielt 2011 die begehrte Auszeichnung „European Museum of the Year“. Das Haus macht die faszinierende Welt einer fernen Vergangenheit für jedermann zugänglich. Auf der beeindruckenden Fläche von rund 12.000 Quadratmetern sind rund 2200 Objekte in großen und offenen Räumen ausgestellt. Verschiedene Medien und Animationen, interaktive Anwendungen und lebensgroße Figuren machen den Rundgang spannend und wissenswert. Die Dauerausstellung beschäftigt sich mit dem Zeitraum vom Neandertaler bis hin zum Gallo-Römer.

Jeden Sonntag Antikmarkt

Antike Möbelstücke jeglicher Art sind quer über die Bürgersteige geparkt, Kommoden, Garderoben, Tische und Stühle voller Schnitzwerk und kunstvoller Verzierungen lassen den Gehweg kaum noch als solchen erkennen. Schrulliges und Schönes, Krempel und Kunst, Puppen und Porzellan teilen sich den Platz auf der Tongerener Meile, dem bekanntesten Floh-und Antikmarkt der Euregio mit internationalem Flair.

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