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Halle/Saale: Schnell und fair: Floorball fordert dem Körper alles ab

Halle/Saale : Schnell und fair: Floorball fordert dem Körper alles ab

Die Stadthalle im beschaulichen Weißenfels (Sachsen-Anhalt) ist voll besetzt. Es laufen die letzten Sekunden im Finale der Deutschen Meisterschaft. Die Gastgeber liegen mit 5:6 gegen den Mitteldeutschen Floorball Club aus Leipzig zurück. Deren Stürmer halten den Ball an der Bande hinter dem Tor des Gegners und wollen so die Zeit ablaufen lassen. Plötzlich der Ballverlust, der zum Bumerang wird: Mit zwei Pässen überbrückt Weißenfels blitzschnell die knapp 40 Meter Distanz zum Leipziger Tor und gleicht kurz vor Abpfiff aus.

Am Ende gewinnt Weißenfels im Penaltyschiessen. Kapitän Tim Böttcher reckt den Pokal in Höhe. „Das sind die Momente, für die ich diesen Sport mache”, sagt der 22-Jährige, der seit acht Jahren in der Ersten Floorball-Bundesliga spielt. Geld kann er dort keines verdienen, anders als etwa die Topspieler in Schweden, wo fast 300.000 Menschen aktiv Floorball spielen. Böttcher entschädigen diese „geilen Erlebnisse” für den Aufwand, den er betreibt. Allein viermal die Woche trainiert der Lehramtsstudent für seinen Sport.

„Floorball geht auf die Spielidee des Eishockeys zurück”, erläutert Prof. Oliver Stoll, Präsident des Verbandes Floorball Deutschland. Es wird im Gegensatz dazu aber mit Turnschuhen in normalen Sporthallen gespielt. Nicht der einzige Unterschied: So sind harte Bodychecks und Stockschläge - anders als auf dem Eis - nicht erlaubt. Statt Puck wird mit einem 23 Gramm leichten, gelochten Ball gespielt.

Allerdings gibt es auch Parallelen zum Eishockey: Die Regeln erlauben das Ballführen auf Vor- und Rückhand des Schlägers, das Feld ist von einer Bande begrenzt, es wird fliegend gewechselt. In der gängigen Großfeld-Variante sind fünf Spieler pro Team auf einer Spielfläche unterwegs, die mit 40 mal 20 Metern der beim Handball entspricht. Im Nachwuchsbereich sind noch andere Spielarten verbreitet, darunter eine gemischte Variante, in der jeweils zwei Jungs und zwei Mädchen ohne Torhüter auf kleine Tore spielen.

Tim Böttcher kam über eine Schul-AG in den Floorball-Verein. „Es war nichts Alltägliches. Das hat mich fasziniert”, erzählt er. Der Sport sei „verdammt schnell und fair”. Dank der breiten Schaufeln an den Schlägern seien außerdem viele Tricks und Finten möglich.

Auf dem Feld ergeben sich ständig neue Spielsituationen. „Floorballer müssen sich darauf rasch einstellen und Entscheidungen treffen”, sagt Prof. Rainer Wollny, der an der Uni Halle-Wittenberg den Arbeitsbereich für Bewegungswissenschaft leitet. Koordinative Fähigkeiten würden dadurch enorm geschult. Auch häufige Antritte und ständige Richtungswechsel sind laut Wollny charakteristisch und trainieren die Schnelligkeit. Kurze Wechselrhythmen und keine Verschnaufspausen auf dem Spielfeld steigern außerdem die Ausdauer.

„Floorball spricht nicht nur viele körperlichen Fähigkeiten an, er ist auch sehr schnell erlernbar”, sagt Stoll. Neulingen reiche eine kurze Regel- und Technikeinführung. „Nach wenigen Minuten kann schon das erste Mal gezockt werden”, ergänzt Böttcher, der als langjähriger Coach von Jugendteams bereits viele Einsteiger trainiert hat. Erleichternd kommt hinzu, dass Sportsachen und normale Hallenschuhe als Grundausrüstung genügen. Gute Schläger für Einsteiger sind für etwa 30 Euro zu haben. „Sie sollten ein Griffband sowie eine leicht vorgebogene Schaufel haben”, empfiehlt Stoll.

75 Prozent der etwa 10.000 in Deutschland registrierten Spieler sind laut Stoll jünger als 26 Jahre. Der Sport, der seine Wurzeln in den späten 60er Jahren in den USA und Schweden hat, wird seit etwa 25 Jahren in Deutschland gespielt. Die Strukturen sind damit noch längst nicht so tief und gefestigt wie etwa bei Fußball oder Handball. Für Nachwuchstalente birgt das aber auch Chancen: „Wer im Jugendbereich einsteigt und gut trainiert, hat große Chancen, irgendwann den Sprung in die Bundesliga oder sogar das Nationalteam zu schaffen”, ist Stoll überzeugt.

Tim Böttcher stimmt dem zu. Es sei rasch möglich, Erfolge zu feiern. „Es bieten sich viele Möglichkeiten. Ich konnte etwa für ein Jahr in der Schweiz beim Topclub Chur spielen.” Das größte Highlight seiner bisherigen Karriere erlebte Böttcher nur 100 Kilometer entfernt, im Hallenstadion Zürich. Im Dezember 2012 spielte er dort als Teil des deutschen Nationalteams um WM-Bronze - gegen den Gastgeber Schweiz, vor über 10.000 Zuschauern. Zwar ging die Partie verloren. Dennoch blieb das Erlebnis Böttcher in besonderer Erinnerung: „Unglaublich, unbeschreiblich, das war einfach krass. Kaum in Worte zu fassen.”

(dpa)