Wahrzeichen des Bergischen: Schloss Burg an der Wupper erlebte eine wechselvolle Geschichte

Wahrzeichen des Bergischen : Schloss Burg an der Wupper erlebte eine wechselvolle Geschichte

Ist es verwegen, sich in eine Zeitreise ins Mittelalter versetzen zu lassen und als Mäuschen dem Treiben auf einer Burg zuzusehen? Auf Schloss Burg an der Wupper vielleicht?

Die Bauten der mächtigen Anlage – um 1130 begonnen – haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Von ihr aus wurde zeitweise ein Gebiet regiert, das dem heutigen Nordrhein-Westfalen größtenteils entspricht. Und die Gebäude spiegeln wie selten Geschichte und Geschichten wider.

Erschlagener Erzbischof

Engelbert II., Erzbischof von Köln und einer der mächtigsten Männer im Reich, ließ die Burg von 1218 bis 1225 erweitern und machte sie zur Hauptresidenz seiner Familie. Aber er hatte zahlreiche Widersacher und wurde nach einer missglückten Streitvermittlung von seinem Neffen Friedrich von Isenberg erschlagen. Einer von Engelberts Nachfahren nahm 1288 an der Schlacht von Worringen teil. Nach dem Sieg wurde der Verlierer, der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg, 13 Monate lang auf Schloss Burg gefangen gehalten.

Da hätte das Mäuschen etwas über Politik und ihre Folgen lernen können: Erst nach Zahlung eines hohen Lösegeldes und zahlreichen Zugeständnissen an das bergische Grafenhaus wurde der Erzbischof von Köln auf freien Fuß gesetzt. Graf Adolf V., Teil der siegreichen Koalition, hatte nun freie Hand, eine Stadt unter seiner Kontrolle am Rhein zu gründen: Düsseldorf, das später unter seinen Nachfolgern zur bevorzugten Residenz werden sollte.

Schöne Glasfenster: Rosenmotiv der Kapelle. Foto: thull

Die Schlacht bei Worringen erlebt der Besucher auf einem etwa anderthalbstündigen Rundgang treppauf treppab nachgestellt in einer Vitrine. Doch das bunte Bild der Zinnfiguren gibt nur einen sehr oberflächlichen Eindruck von der Schrecklichkeit solch kriegerischer Auseinandersetzungen wieder, die meistenteils Mann gegen Mann vollzogen wurden.

Das Mäuschen etwa hätte am 25. September 1496 einer „Kinderverlobung“ beiwohnen können: Die fünfjährige Maria von Jülich-Berg wird dem sechsjährigen Johann von Kleve-Mark versprochen. Im Rittersaal ist die Zeremonie in einem Wandgemälde abgebildet. Verschüchtert sitzen die beiden Kinder unter einem Baldachin, während ein Bischof die Urkunde verliest. Mit der Hochzeit der beiden, die am 1. Oktober 1510 in Düsseldorf gefeiert wurde, kam es zur Bildung der Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg. Eine politisch motivierte Verbindung, das spätere NRW lässt grüßen.

Nachdem die Düsseldorfer Residenz der bergischen Herzöge am 23. Dezember 1510 das Opfer eines Brandes geworden war, wohnte Herzogin Maria mit ihren drei Töchtern Sybille, Anna und Amalia geraume Zeit auf Schloss Burg. Die jüngste Tochter Amalia blieb unverheiratet und nutzte in späteren Lebensjahren Schloss Burg als Rückzugsort. Weil sie standhaft den lutherischen Glauben vertrat, brachte sie dies in Konflikt mit ihrem zunehmend katholischer werdenden Bruder Wilhelm V. dem Reichen, der 1539 nach dem Tod seines Vaters Herzog geworden war.

Nicht zimperlich: Pranger und Schandbrett auf dem Burghof. Foto: thull

Nehmen wir den kleinen Nager weiterhin als virtuellen Zeitzeugen, dann erlebte er Anna von Jülich-Kleve-Berg, die spätere vierte Ehefrau von Heinrich VIII. von England, die sich 1539 auf Schloss Burg kurzzeitig aufgehalten hat. Von ihr heißt es, Heinrich habe sich für sie als Gattin entschieden, weil ihm ein Gemälde mit ihrem Porträt gut gefallen hatte.

Der Maler muss wohl etwas viel retuschiert haben, denn der englische König, der im Umgang mit seinen vielen Frauen nicht zimperlich war, hat Anna sehr bald nach der Hochzeit verstoßen. Vielleicht war Anna nicht schön genug, aber zumindest so klug, dass sie diesen Akt der Scheidung lebend überstand. Ihren Vorgängerinnen ging es im wörtlichen Sinn an den Kragen.

Die Reiterstatue von Engelbert II. von Köln. Der Erzbischof hatte viele Feinde. Foto: thull

Der Beginn des Niedergangs

Eine andere Person der Zeitgeschichte war Napoleon Bonaparte, an den die Burg fiel. Es war so etwas wie der Beginn des Niedergangs. Denn die letzten Verwaltungsbeamten werden 1807 durch die Verwaltungsreform von Schloss Burg abgezogen. Die Anlage verlor damit jegliche administrative Funktion. Die französische Verwaltung unter Kaiser Napoleon I. versuchte, Schloss Burg zudem meistbietend zu versteigern. Es fand sich allerdings kein Käufer.

Das Herzogtum Berg fiel an Preußen und damit ging 1815 auch Schloss Burg in preußischen Staatsbesitz über. Da dieser keine Verwendung für das Gebäude hatte, wurde dieses fortan gewerblich genutzt – als Deckenfabrik, Rossmühle und Schule. Es dauerte nicht lange, und Schloss Burg diente nur noch als Steinbruch und war dem Verfall preisgegeben. Aber es gab auch eine Gegenbewegung: 1887 wurde ein Verein zur Erhaltung der Schlossruine zu Burg an der Wupper gegründet – der spätere Schlossbauverein Burg a/d Wupper. Die Werbung des Vereins für den Wiederaufbau führte zu einer erheblichen Zunahme von Besuchern. Ab 1890 wurde Schloss Burg in verschiedenen Etappen, größtenteils finanziert durch Spenden und Lotterieerlöse, wiederaufgebaut. Vereine und Gruppierungen im ganzen Bergischen Land organisierten Veranstaltungen, Konzerte und Basare zugunsten des Wiederaufbaus.

Die Kemenate ist ebenfalls zu besichtigen. Fotos: Martin Thull (3), SBV (1). Foto: thull

Es war die Zeit, in der der Kölner Dom vollendet wurde. Auch an der Wupper half der Kaiser mit einer Spende von 20 000 Goldmark. So ist Schloss Burg zum Wahrzeichen des Bergischen Landes geworden. Zugleich ist es eine der größten Burgen Westdeutschlands und die größte rekonstruierte Burganlage in Nordrhein-Westfalen. An die 200 000 Besucher finden jährlich den Weg dorthin, zudem locken zahlreiche Veranstaltungen wie Ausstellungen, Konzerte und Basare oder auch Rudelsingen und Ritterspiele.

Der Besucher heute wird keine Maus finden. Über ein Geflecht von Treppen aller Art wird er durch Rittersaal und Ahnengalerie, Kemenate und Kapelle geführt, er erklimmt Wehrgänge und den Bergfried. Letzterer ist 35 Meter hoch und seine Plattform bietet bei gutem Wetter herrliche Ausblicke über das bergische Land. In einer Rüstkammer bekommt man zum Beispiel einen Eindruck davon, wie die Männer aufs Schlachtfeld zogen und welche Waffen zum Einsatz kamen.

Ein anschauliches Modell zeigt, mit welchen Hilfsmitteln damals der Bau einer Burg bewältigt wurde. Wer aufmerksam ist, kann auch einen Abort entdecken. Immerhin im Inneren der Burg angelegt, fielen die Ausscheidungen der Benutzer in den Burggraben. Das muss so starken Gestank entwickelt haben, dass die Burg zeitweise nicht bewohnbar war. Dann zog die Grafenfamilie mitsamt Gesinde in eine nahegelegene Zweitburg. Mittelalterliche Problemlösung abseits aller Romantik, wie sie in Filmen und Romanen zuweilen vermittelt wird.

Ein anderer Zugang

Einen alternativen Zugang zur Burg bietet die Seilbahn aus dem Tal der Wupper hinauf in die unterirdisch gelegene Bergstation (nicht barrierefrei) nahe der Grafenresidenz Schloss Burg. Ein Rundblick ins Tal und auf die Wälder des Bergischen Landes rundet die Seilbahnfahrt ab. Infos unter www.seilbahn-burg.de.

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