Sayner Hütte in Bendorf feiert 250. Jubiläum

Sayner Hütte feiert Jubiläum : Lob von Goethe und dem König

Die Sayner Hütte in Bendorf wird 250 Jahre alt. Carl Ludwig Althans schuf mit der Gießhalle eine „Kathedrale der Industrie“. Heute ist es ein beliebter Veranstaltungsort.

Der Dichterfürst ist nicht unbedingt als Werbetexter bekannt. Dennoch: „Die Verbreitung eines solch bedeutenden Kunstwerks durch sorgfältige Abgüsse wünschend und hoffend“, lobt Johann Wolfgang von Goethe die Arbeit der Sayner Hütte. Tatsächlich beendet Goethe 1829 mit diesen Worten das Vorwort einer Werbeschrift des Hüttenbeamten Carl Osterwald für die Eisenverarbeitung im Westerwald. Zum Dank hat er einen Abguss der sogenannten Igeler Säule erhalten. Diese wiederum war Teil des steinernen Grabmals der römischen Tuchhändlerfamilie Secundinius, gefunden im Landkreis Trier. Bis heute ist die Nachbildung eines der bedeutendsten Werke aus dieser Hütte. Sie feiert in diesem Jahr ihr 250-jähriges Bestehen.

Die wechselvolle Geschichte beginnt unter dem Trierer Kurfürsten und Erzbischof Clemens Wenzeslaus im Jahr 1769. Bischöfe waren zur damaligen Zeit nicht nur Seelsorger, das vielleicht am allerwenigsten, sondern Politiker und Unternehmer. Die Eisenhütte im Saynbachtal bezog Eisenerz und Holzkohle aus dem Westerwald. Wer heute auf der A3 von Köln nach Frankfurt fährt, der kann nahe der Abfahrt Neuwied auf der linken Seite den Förderturm der Grube Georg aus dem Wald ragen sehen. Dort war eine der Quellen auch für die Sayner Hütte. Der heute sichtbare Turm stammt aus den 1950er Jahren.

1815 gelangte die Hütte nach dem Wiener Kongress in preußischen Besitz. Neben den Hütten in Berlin und Gleiwitz gehörte sie zu den bedeutendsten in Preußen. Ihre Aufgabe: Fertigung von Rohren, Schienen sowie Kanonen und Munition für die Koblenzer Festungen am Zusammenfluss von Rhein und Mosel. Zudem versorgte sie ab 1818 als Kunstgussbetrieb das Rheinland mit Gebrauchseisen jeder Art und Größe. Dazu gehörten Leuchter und Grabkreuze, Schreibzeug, Teller und Uhrhalter, aber auch feingliedriger Schmuck, der den Kunden in Musterbüchern präsentiert wurde.

Eine Portalbekrönung für Kurfürst Clemens Wenzeslaus, der die Sayner Hütte im Jahr 1769 gründete. Foto: ZVA/Thull, Martin

Um die wachsende Nachfrage befriedigen zu können, mussten die Anlagen erneuert und erweitert werden. Dies war die Stunde des Hütteninspektors Carl Ludwig Althans. Seine Pläne mussten mit der vorgesetzten Behörde in Berlin diskutiert werden. 1828 wurden sie genehmigt. Und so entstand eine „Kathedrale der Industrie“, wie sie Althans selbst verstanden wissen wollte.

Bildschirme und Audioguides

Wenn der Besucher heute die restaurierte Gießhalle betritt, wird er unweigerlich an einen Kirchenbau erinnert: 18 gusseiserne Hohlsäulen trennen das Hauptschiff von den beiden Seitenschiffen. Die aus der Kirchenarchitektur bekannte Terminologie drängt sich förmlich auf. An der Ostseite – dort, wo in einer Kirche gemeinhin der Altar steht – befindet sich der Hochofen. Von einer „Basilika“ sprach Althans selbst gelegentlich, die Fenster oben unter dem Dach waren der „Obergaden“. Vom Kölner Dom würde man nicht anders sprechen.

Die tragende Konstruktion des Baus, vorwiegend aus Gusseisen, hatte einen praktischen Grund: Bei der Eisenherstellung und der weiteren Verarbeitung spielte auch Feuer und damit Funkenflug eine große Rolle. So ging es nicht nur um die Nutzung der in der Hütte vorhandenen Materialien, sondern vor allem um Brandschutz. Der Kölner Dom verfügt auch über einen gusseisernen Dachstuhl, der allerdings nicht in der Sayner Hütte hergestellt wurde, obwohl der preußische Kaiser, der die Vollendung des Dombaus betrieb, die Sayner Hütte kannte und schätzte.

Althans’ Leistung ist umso höher einzuschätzen, als er nicht auf irgendwelche Vorbilder zurückgreifen konnte, sondern sich allein auf seinen Einfallsreichtum und sein Fachwissen um die Eisenverhüttung verlassen musste. Dass die Gießhalle der Sayner Hütte heute wieder zum Besuchermagnet wird, ist neben der zeitlos anmutenden Architektur nicht zuletzt auch der vorbildlichen Besucherführung durch modernste Hilfsmittel zu verdanken.

Das Denkmalareal der Sayner Hütte in Bendorf: Rechts die Gießhalle, links die Krupp’sche Halle, die als Besucherzentrum dient. Foto: ZVA/Thull, Martin

Mehrere Bildschirme vermitteln anschaulich die verschiedenen Prozesse der Eisengewinnung, den Aufbau des Hochofens oder den Einsatz von Menschenkraft, die trotz aller technischen Hilfsmittel nötig war. Und das unter – heute so zu nennenden – erbärmlichen Verhältnissen.

Wer nicht gerade in der näheren Umgebung wohnte, musste morgens um fünf Uhr zu Fuß aufbrechen, um zu Arbeitsbeginn in der Hütte zu sein. Und zu Hause war er dann selten vor 23 Uhr. Kinderarbeit war selbstverständlich. Bei der „Kalkpoche“, bei der ein Hammer von Wasserkraft angetrieben zwölfmal in der Minute heruntersauste, wurden die Kalkstücke zerkleinert und mit bloßen Händen von der Eisenplatte gewischt. Der Besucher mag sich nicht vorstellen, wie viele kleine Hände da zerschlagen wurden.

1856 gingen beispielsweise 17 Kinder auf der Sayner Hütte einer geregelten Arbeit nach, darunter sieben Mädchen. Das Einkommen der Eltern reichte nicht zum Lebensunterhalt, ab zehn Jahren wurden Kinder notgedrungen in die Betriebe geschickt. Überhaupt: So eindrucksvoll die Halle als Raum heute wirkt, wenn dort mehr als 100 Menschen bei Hitze und Lärm arbeiteten, waren das Bedingungen, die heute Gewerkschaften in den Dauerprotest treiben würden.

1926 wurde die Hütte stillgelegt, alle Gebäude übernahm die Gemeinde Sayn, 1928 die Stadt Bendorf. Damals wurde diese Industriearchitektur nicht immer so hochgeschätzt wie in der Gegenwart. Die Gebäude und ihre Anlagen verfielen, und erst 1976 wurde mit dem Erhalt und der Restaurierung, zunächst durch ein mittelständisches Industrieunternehmen, dann mit Hilfe von Kommune, Land und Bund, begonnen.

250 Jahre nach der Gründung präsentiert sich die Sayner Hütte heute als kulturelles Meisterwerk und Schauplatz von besonderen Ereignissen wie Konzerten, Vorträgen und Lesungen.

Auf dem aktuellen Stand der Museumspädagogik werden alle digitalen Möglichkeiten genutzt, die Besucher in die Geheimnisse der Hüttentechnik einzuführen. Die Audioguides sind vom Feinsten und erläutern historische sowie technische Hintergründe. Für Kinder gibt es eigene Erzählungen „von Carl für Carla“. Ein zweiseitiger Fragebogen für Kinder vertieft das Gehörte und Gesehene. Einen eigenen Reiz bietet die digitale Inszenierung des Anstichs am Hochofen. Lichteffekte und Geräusche lassen erahnen, wie damals das flüssige Eisen in die Tonrinnen lief und nach dem Erkalten der Barren weiter verarbeitet wurde.

„Besser als Berlin!“

Einstmals die größte und modernste Hütte in Preußen ist sie heute ein Anziehungspunkt für Technikfreaks aus aller Welt. Die Dauerausstellung im Besucherzentrum Krupp’sche Halle vermittelt die Beziehungen nicht nur zum Stahlbaron Alfred Krupp, sondern auch zum preußischen Kaiserhaus, das regen Anteil an der Produktion nahm. Nimmt man das Rheinische Eisenkunstguss-Museum in der Nachbarschaft hinzu sowie den Garten der Schmetterlinge im Schlosspark von Schloss Sayn mit der Möglichkeit der Beobachtung dieser Wunder der Natur, dann lohnt sich auch die etwas längere Anfahrt aus der Aachener Region.

Und überhaupt gilt hier, was König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) anlässlich eines Besuchs der Sayner Hütte 1826 erklärte: „Besser als Berlin!“

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