Tönisvorst: Radfahren und schlemmen: Schöne Tour in Tönisvorst am Niederrhein

Tönisvorst: Radfahren und schlemmen: Schöne Tour in Tönisvorst am Niederrhein

Wenn Dirk Schumacher Appetit auf einen Apfel hat, braucht er nur ein paar Schritte von seinem Haus entfernt zum nächsten Apfelbaumspalier zu gehen. Prall und gut gereift hängen die Äpfel an den Zweigen. Erntefrisch schmecken sie natürlich besonders gut.

Im Spätsommer gibt es die Apfelsorte Delbare, später dann den saftigen Wellant und den süß-säuerlichen Topaz. Dirk Schumacher betreibt den Obsthof Koitz. Der liegt an der Radwander- und Schlemmer-Tour bei Tönisvorst am Niederrhein.

Er ist Obstbauer: Dirk Schumacher vor seinem Hof Koitz. Foto: Edda Neitz

Der 27 Kilometer lange Radwanderweg startet in St. Tönis, am Parkplatz Corneliusstraße. Die Orte St. Tönis und Vorst waren früher eigenständig. Die kommunale Neugliederung führte sie zusammen. Und die lange Tradition des Obstanbaus machte sie zur „Apfelstadt des Niederrheins“.

Von Edda Neitz Wenn Dirk Schumacher Appetit auf einen Apfel hat, braucht er nur ein paar Schritte von seinem Haus entfernt zum nächsten Apfelbaumspalier gehen. Prall und gut gereift hängen die Äpfel an den Zweigen. Erntefrisch schmecken sie natürlich Foto: Edda Neitz

Aktiv sein und schlemmen heißt es auf dem Radwanderweg. Deshalb gibt es auch schon wenige Straßen nach dem Start eine erste Rastmöglichkeit. Mit seiner Höhe von fast 50 Metern und der markanten achteckigen Bauweise ragt der Wasserturm aus rotem Backstein, um 1928 erbaut, unübersehbar aus dem Meer der Einfamilienhäuser hervor. Kreisel- und Kolbenpumpe im Wasserturm stehen jetzt still. Das Café „Eigenwillig“ serviert jetzt im runden Bauch des alten Turms das für die Region typische Apfelbrot.

Imposante Herrenhäuser und Burgen finden sich am Niederrhein wie Sand am Meer. Ziemlich versteckt hinter Hecken und Bäumen liegt das Gut „Groß Lind“, das erste von sechs Herrenhäusern, an denen wir vorbeiradeln. Ständig wechselnde Besitzansprüche im Mittelalter und die Herrschaft verschiedener Landesherren erforderten in der Region die befestigten Herrensitze. Später wurden prachtvolle Bürgerhäuser gebaut. Flachsanbau und Leinweberei ließen ein blühendes Textilgewerbe entstehen.

Gut „Groß Lind“ war ursprünglich ein mittelalterlicher Schöffenhof. Doch die Gräben, die diesen Sitz vor Eindringlingen schützten sind leider genauso wenig erhalten wie die tiefen Wassergräben des Rittergutes „Gelleshof“ aus dem 14. Jahrhundert. Das nächste, „Haus Donk“, wurde schon um 970 von den Franken auf einer Motte — das ist ein künstlich aufgeschütteter Erdhügel — angelegt. Heute wird in der ehemaligen Ritterburg, die sich nun lieber Luxusburg nennt, auf höchstem Niveau relaxt und gesaunt.

Würzige Luft, Vogelgezwitscher und sonst nur Wind und Sonne — sofern sie lacht — sind unsere Begleiter, wenn wir an weiten Feldern entlang und durch kleine Haine radeln. Das Landschaftsbild, das heute vor uns liegt, entstand vor Millionen von Jahren. Damals fand hier ein Zerbrechen und Einsinken des Untergrundes statt. Die Niersniederung entstand. Auch wenn die Wege flach sind: Monoton wird es nie. Hecken und Kopfweiden gliedern die offene Kulturlandschaft, dazwischen auch Tümpel und Gräben der Niers-Seitenarme. Wer Glück hat und noch dazu ein gutes Auge und feines Ohr, entdeckt sogar seltene Vögel und Pflanzen.

Die nächste Einkehr

Unser Radweg führt weiter nach Vorst. Einige der kleinen Straßen haben den alten, kleinstädtischen Charakter bewahrt, auch wenn die Bebauung längst nicht mehr aus dem Mittelalter stammt. Auch hier steht ein Herrenhaus, das „Haus Brempt“. Mehr als ein Blick über den Zaun oder durch die Bäume ist uns indes nicht gewährt.

In dem gemütlichen Ort ist die nächste Einkehr, für diejenigen, die auch schlemmen wollen. Das Kulturcafé „Papperlapapp“ in einem alten Gebäude aus dem Jahr 1845 ist urgemütlich. Fünf Freundinnen haben vor drei Jahren das Café gegründet. „Ohne Vorkenntnisse, aber mit viel Begeisterung“, erzählt Birgit Kammermeier, eine der Gründerinnen. Hohe Decken mit Stuck und einem Kronleuchter, ein Holzboden, grün verputzte Wände und Sprossenfenster, die viel Licht durchlassen, empfangen die Besucher. Gerne erzählt Birgit Kammermeier auch die Geschichte vom eiligen Radfahrer, der einen „Coffee to go“ wollte. „Das gibt es bei uns nicht, habe ich ihm gesagt, denn wir sind ein Café zur Entschleunigung“. Ja, beschaulich wirkt die Gegend schon.

Zwischen den Ortsteilen Vorst und St. Tönis, in der Huverheide, kommen wir zum größten zusammenhängenden Apfelanbaugebiet der Region. Auf einem gut ausgebauten Netz an Wirtschaftswegen geht es an Obstplantagen vorbei. In Reih und Glied stehen die Baumspaliere, und die roten Bäckchen der Äpfel leuchten zwischen dem grünen Laub hervor.

Am Koitzhof hält jeder an. Schon der riesengroße knallig rote Apfel lenkt die Aufmerksamkeit auf den alten Hof. Unbestritten ist er der schönste, aber nicht der größte, wie Dirk Schumacher lächelnd ergänzt. Strahlend weiß, fast majestätisch erhaben, ergänzt das historische Hauptgebäude von 1713 den übrigen Hof mit roter Backsteinmauer und Scheune. Auf 34 Hektar kultiviert der Obstbauer ausschließlich Äpfel und Birnen. Mehrfach begutachtet Dirk Schumacher die Früchte am Baum. Denn die Äpfel sollen beim optimalen Reifegrad gepflückt werden. „Wie rohe Eier müssen wir die Äpfel pflücken“, erklärt der Obstbauer. Keine Delle und immer mit Stiel — darauf kommt es an. Am Koitzhof kann man sich im Hofladen schon einmal mit Äpfeln eindecken.

Nun radeln wir noch an zwei Herrensitzen vorbei. Wieder ist nur Außenansicht möglich, wie es in den Häusern aussieht, bleibt unserer Fantasie überlassen. Während „Haus Neersdonk“ mit pittoresken Barockhauben eher wie ein kleines Schloss wirkt, zeigt sich das zweistöckige „Haus Raedt“ im Tudorstil mit Zinnen und Kaminen wie eine Trutzburg.

Am St. Töniser Obsthof ist die letzte Station der Schlemmer-Radtour. Der stadteigene Apfel-Prosecco und mal herzhaft, mal süß zubereitete Speisen rund um den Apfel warten dort auf die radelnden Genießer.

Informationen

Anreise von Aachen: über die A44 und die A61; A61 Ausfahrt Süchteln. Startadresse: Corneliusstraße in Tönisvorst. Entfernung von Aachen: zirka 100 Kilometer.

Bei öffentlichen Verkehrsmitteln wird empfohlen: mit der Bahn bis Krefeld/Hauptbahnhof und dann mit der Straßenbahn (Linie 041) bis nach Tönisvorst — Haltestelle Wilhelmstraße (Dauer circa 20 Minuten). Die Mitnahme von Fahrrädern ist in der Regel möglich. Von der Haltestelle Wilhelmplatz bis zum Startpunkt Corneliusstraße sind es mit dem Rad circa vier Minuten.

Informationen und Wegbeschreibung gibt es im Internet unter www.toenisvorst.de und dem Suchbegriff „Schlemmer-Tour“. Telefonische Auskunft bei der Stadt Tönisvorst: 02151/999107.

Neben dem 27 Kilometer langen Radwanderweg gibt es auch eine ausgezeichnete Wanderroute. Der Rundwanderweg ist etwa 15 Kilometer lang. Beide Touren — per Rad oder zu Fuß — kann man, wenn man will, auch buchen. Dann erhält man vom Presseamt der Stadt Tönisvorst zusätzliches Kartenmaterial, und es können in den jeweiligen Gasthöfen Plätze reserviert werden.

Die Buchung kostet 27 Euro und beinhaltet ein Frühstück im Wasserturm, Mittagessen im Kulturcafé „Papperlapp“ in Vorst und Kaffee und Kuchen, zudem ein Glas Apfel-Prosecco am St. Töniser Obsthof.

GPS-Daten unter: www.wanderroutenplaner-nrw.de oder www.radroutenplaner-nrw.de.

Haben Sie noch Fragen zu dieser Seite? Dann melden Sie sich bitte per Mail an:
m.enders@zeitungsverlag-aachen.de.