1. Freizeit

Paderborn: Museen zum Riechen, Schmecken und Fühlen in Nieheim

Paderborn : Museen zum Riechen, Schmecken und Fühlen in Nieheim

Nur einmal angenommen, der Künstler, der das Glasbild mit dem „Westfälischen Abendmahl“ in der Soester Kirche St. Maria zur Wiese geschaffen hat, läge richtig. Wie anders würde heute die Messe gestaltet?

Denn dieser Kreative hat Jesus mit seinen Jüngern nicht bei Brot und Wein zusammen sitzen lassen, sondern wie hier dargestellt — weil die Szene in Westfalen spielt — mit Schinken und Bier. Eine Kopie dieses Kirchenfensters ist gleichsam das Leitmotiv des „Westfalen Culinarium“ Nieheim, einem Zusammenschluss von vier Museen, die sich regionalen Spezialitäten verschrieben haben. Es geht um Schinken und Brot, Käse und Bier — die Grundnahrungsmittel der Westfalen, wie der Experte selbstbewusst behauptet. Und hätte Jesus nicht in Palästina, sondern in Westfalen gewirkt, wer weiß?

  Von Martin Thull Paderborn. Nur einmal angenommen, der Künstler, der das Glasbild mit dem „Westfälischen Abendmahl“ in der Soester Kirche St. Maria zur Wiese geschaffen hat, läge richtig. Wie anders würde heute die Messe gestaltet? Denn dieser Kreativ
Von Martin Thull Paderborn. Nur einmal angenommen, der Künstler, der das Glasbild mit dem „Westfälischen Abendmahl“ in der Soester Kirche St. Maria zur Wiese geschaffen hat, läge richtig. Wie anders würde heute die Messe gestaltet? Denn dieser Kreativ Foto: Martin Thull

Die lange Straße in Nieheim ist eine kleine Museumsmeile voller Köstlichkeiten und Überraschungen. Denn hinter den Mauern historischer Bauernhöfe kann der Besucher riechen und schmecken, fühlen und hören. Etwa die Schweinesprache im Schinkenmuseum. Natürlich wird in erster Linie über die Entwicklung vom Ferkel über das Schwein, seine Schlachtung bis hin zum Schinken in Bildern und Texttafeln informiert. Aber wer sich der Sprache dieser Tiere widmen will, der kann par Knopfdruck ein jeweils anderes Grunzen hören, das per Sprechblase übersetzt wird in „Hallo, ich mag dich“, „Wo seid ihr?“ oder „Essen ist fertig.“

 Mithilfe dieser Bierdeckelsammlung bekommt man Informationen über das Bierbrauen in Nordrhein-Westfalen. Die wichtigsten Kornbrennereien sind auf einer Deutschlandkarte verzeichnet.
Mithilfe dieser Bierdeckelsammlung bekommt man Informationen über das Bierbrauen in Nordrhein-Westfalen. Die wichtigsten Kornbrennereien sind auf einer Deutschlandkarte verzeichnet. Foto: Martin Thull

Gerhard Schütze kennt sich aus mit den westfälischen Grundnahrungsmitteln. Wer aber diese Schweine gedolmetscht hat, will er nicht verraten. Dafür den Unterschied zur früheren Schweinehaltung und der heutigen: „Ein Schwein muss zweimal den Schnee gesehen haben, bevor es geschlachtet wird: Geboren im Januar, wenn noch Schnee liegt, und geschlachtet im Dezember, wenn bereits wieder Schnee liegt.“ In der Massentierhaltung heutiger Tage würden die Tiere bereits nach entsprechender Mast im Alter von fünf Monaten geschlachtet.

 Im Käsemuseum erfahren die Besucher alles rund um den Käse. Der „Nieheimer Käse“ gilt als echte Delikatesse.
Im Käsemuseum erfahren die Besucher alles rund um den Käse. Der „Nieheimer Käse“ gilt als echte Delikatesse. Foto: Martin Thull

Eine andere Regel lautet: „Wenn der Kuckuck erstmals ruft, darf der Schinken angeschnitten werden.“ Denn der musste vier bis fünf Monate an der Luft trocknen, kam in die Räucherkammer. Und der Bauer, der es nicht erwarten konnte, das Messer an den neuen Schinken zu legen, der soll sich auch schon mal hinter den Baum gestellt haben, um mit dem Vogelruf die Bäuerin zu täuschen. Anekdoten — Geschichte und Geschichten vermischen sich beim Rundgang durch das kleinste der vier Museen.

 Welcher Käse zu welchem Wein? Hier findet man kinderleicht Antworten.
Welcher Käse zu welchem Wein? Hier findet man kinderleicht Antworten. Foto: Martin Thull

Das Tischlein-deck‘-Dich ist noch zu erwähnen. Ein Bildschirm ist flach in einen ansonsten gedeckten Tisch eingelassen. Und per Knopfdruck kann der Besucher sich ein Essen bestellen, bei dem Schinken ein wichtiger Bestandteil ist. Und der Vorteil: Von diesem virtuellen Essen kann man soviel vertilgen wie man will. Keine Gefahr für Gewicht oder Gesundheit. Auch wenn sicher in jedem Fall die Regel für westfälischen Schinken gilt: „Dünn schneiden, dick auftragen!“ Da muss man dann selbst in der Wirklichkeit entscheiden, was dem eigenen Körper gut tut.

Gewusst wie: Hier kann man sich als Melker versuchen.
Gewusst wie: Hier kann man sich als Melker versuchen. Foto: Martin Thull

Hier wie in allen Museen an der Langen Straße gilt: Berühren ausdrücklich erwünscht. So auch im Brotmuseum, in dem an einem „Königswinterofen“ knuspriges Brot gebacken wird. Bäcker aus der Umgebung haben sich bereit erklärt, die Besucher an der Brotfertigung teilhaben zu lassen. Viel Handarbeit ist nötig, bis das Brot frisch duftend aus dem Ofen kommt. Heute ist Bäckermeister Heinrich Brandt am Zuge. Das 750 Gramm-Brot kann der Besucher später im Museumsshop für drei Euro einkaufen. Wie auch andere Spezialitäten, die teilweise in den Museen produziert werden. Als Zugabe gibt es heute auch noch — um die Resthitze zu nutzen, wenn das Brot fertig ist — je ein Blech Butter- und Streuselkuchen.

Auch hier gilt: Drehen, Klappen, Fühlen, Riechen. Informationen zu den verschiedenen Getreidearten und ihre Besonderheiten erhält der Besucher auf einem Traktorsitz, an einem Lenkrad drehend. Je nach Drehung leuchten Text- und Bildtafeln auf. Ein riesiges Pumpernickelbrot ist in Scheiben geschnitten und jede herausgeklappte Scheibe enthält eine Information. Etwa die zur Entstehung des Namens für dieses Brot, das nicht gebacken, sondern gegart wird: Napoleon soll das ihm angebotene schwarze Brot weggewischt haben mit der Bemerkung „Bon pour Nickel“. Wobei Nickel sein Pferd hieß. Ein weiterer wenig charmanter Zug des Franzosenkaisers.

In kleinen Eimern werden verschiedene Körner präsentiert, die dem Brot je nach gewünschter Geschmacksrichtung beigemischt werden. Fühlen und riechen ist erwünscht, der Verzehr nicht anzuraten — zu viele Besucherhände zuvor. Dennoch weiß Gerhard Schütze, dass Kürbiskerne gerne genommen werden, weil dieses Eimerchen ständig nachgefüllt werden muss.

Und er kennt noch weitere Geschichten: So etwa die Entstehung der Brezn. Ein ungeschickter Bäckerlehrling sollte seine Ausbildungsstätte verlieren, es sei denn, es gelinge ihm ein Brot, durch das dreimal die Sonne scheinen kann. Wie wir wissen, gelang die Lösung dieser Aufgabe. Und noch eine Geschichte, die Sprache erklärt: Das Dorfbackhaus war früher die Nachrichtenbörse. Dort erfuhr man, wer wann mit wem und was… Wer nicht mehr dabei sein wollte, der backte zu Hause im eigenen Ofen — er war der Eigenbrötler.

Vom Brot zum Bier ist es nicht weit. Ein paar Schritte nur den Nikolausbach entlang den Berg hoch, da steht Nieheims eigene Brauerei. Immerhin 1000 Liter untergäriges, bernsteinfarbiges Bier wird hier gebraut — und getrunken. Der älteste Kegelclub geht dem Braumeister zur Hand, etwa 20 Brauvorgänge gibt es im Jahr. „Alles nach dem Reinheitsgebot“, versichert Gerhard Schütze. Wer dagegen verstieß und erwischt wurde, dem wurde der Boden aus dem Fass geschlagen, daher die Redensart „Das schlägt dem Fass den Boden aus“.

Anders als früher sei in Nieheim heute das Bierbrauen in Männerhand. „Früher war das Frauensache. So wie Bier früher auch schon zum Frühstück getrunken wurde, es war Grundnahrungsmittel.“ Die Frauen trafen sich damals auch zum „Bierkränzchen“, um sich auszutauschen. In einer Nische des Biermuseums ist die Szene nachgestellt. Auch die mit einer Dame im Badezuber voller Hopfen im Wasser: Wenn es denn der Schönheit dient…

Allerdings war diese Art der Frauenarbeit nicht nur geschätzt. Da mancher Trinker nach dem Genuss mehrerer Krüge doppelt sah und starke Kopfschmerzen bekam, wurde dies nicht dem — damals noch nicht erklärbarem — Alkohol zugeschrieben, sondern der „Brauhexe“. Die letzte wurde 1591 verbrannt.

Informationen über das Bierbrauen in Nordrhein-Westfalen werden mit einer Bierdeckelsammlung illustriert, auf einer Deutschlandkarte sind die wichtigsten Kornbrennereien verzeichnet. Und gleich neben den Gärkesseln, die die Kegelbrüder regelmäßig blank polieren, ist auf die Wand in 60 verschiedenen Sprachen „Prost“ geschrieben. Auf Grönländisch heißt Prost beispielsweise „kasugla“. Sage niemand, in einem Biermuseum könnte man nicht auch etwas lernen. Und wer mag, kann dort sogar in der Standesamt-Nebenstelle heiraten.

Zum Käse ist es dann nicht mehr weit. Und sagt man nicht „Käse schließt den Magen“? Denn im Nieheimer Käsemuseum erfährt der Besucher, wie die Löcher in den Käse kommen, welcher gute Tropfen zu welchem Käse passt und was „Dicklegen“ und „Bruchschneiden“ bedeutet. Nieheim nennt sich „Die deutsche Käsestadt Nr. 1“. Seit 1857 wird der „Nieheimer Käse“ hergestellt und gilt als echte Delikatesse. In der Form ähnelt er der „Harzer Rolle“. Immer noch wird er in der letzten verbliebenen Käserei produziert.

Und im Käsemuseum erfährt der Besucher seine Besonderheit: Er wird aus Sauermilch hergestellt und ist eiweißreich, fettarm und sehr würzig. Schauen, Lernen und vor allem Schmecken ist auch hier groß geschrieben. Eine Kuh kann — allerdings nur mit Wasser — gemolken werden, an einzelnen Stationen können Holzstopfen gelüftet werden, um das Aroma eines bestimmten Käses zu schnuppern. Oder an zwei Holzrädern gibt es Hinweise, welcher Käse zu welchem Wein am besten passt. Nicht unbedingt eine Information für Kinder. Aber denen macht es einfach Spaß zu entdecken, wann die Ampel auf grün für „richtig“ springt.