Grün, Grüner, Ruhrgebiet : Mit der Internationalen Gartenausstellung 2027 auf dem Vormarsch

Grün, Grüner, Ruhrgebiet : Mit der Internationalen Gartenausstellung 2027 auf dem Vormarsch

Die Natur im ehemaligen Kohlenpott ist längst wieder auf dem Vormarsch. Richtig durchstarten will der größte Ballungsraum Deutschlands aber 2027: mit der Internationalen Gartenausstellung.

Behutsam hebt Martin Schlüpmann die kleine Kreuzkröte auf und lässt sie auf seine Hand kriechen. Kaum einen Zentimeter ist sie groß. Auf ihrem Rücken ist ein schwefelgelber Strich zu sehen, der ihr den Namen gab. „Erst vor einer Woche hat sie das Wasser verlassen“, erklärt der Biologe und Amphibienexperte der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet.

Schlüpmann steht nicht in einer Auenlandschaft, dem natürlichen Lebensraum der Kröte, sondern mitten im Ruhrgebiet auf einer ehemaligen Industriefläche. Dort, wo zwischen Essen und Oberhausen bis vor wenigen Jahren noch brachliegendes Stahlwerksgelände war und viele Güterbahngleise verliefen. Dort darf sich in einer frisch modellierten Naturlandschaft jetzt wieder „Läppkes Mühlenbach“ schlängeln, ein kleiner Bach, der in den 1920er Jahren zum offenen Abwasserkanal ausgebaut worden war. Schon 1989 hatte die Emschergenossenschaft abschnittweise mit der Renaturierung begonnen.

Mittlerweile haben sich dort nicht nur Kreuzkröten wieder angesiedelt, sondern auch viele andere Tier- und Pflanzenarten. Schlüpmann zeigt auf einen hübschen Dünen-Sandlaufkäfer, der blitzschnell davonflitzt, und erklärt, dass das Schmalblättrige Geißkraut ursprünglich aus Südafrika stammt. „Die Natur erobert sich Flächen sehr schnell zurück. Sie macht das in der Regel besser, als wir das können.“

Der Biologe Martin Schlüpmann von der Biologischen Station westliches Ruhrgebiet steht zwischen Pflanzen auf dem ehemaligen Gelände eines Stahlwerkes. Die Natur im Ruhrgebiet ist längst wieder auf dem Vormarsch. Mit der Internationalen Gartenausstellung 2027 will die Metropole Ruhr nicht weniger als die grünste Städtelandschaft der Welt werden. Foto: Oliver Berg/dpa/Oliver Berg

Fest steht: Das Ruhrgebiet ist längst grüner, als es die immer noch wirksamen Schwarz-Weiß-Klischeebilder von Fördertürmen und rauchenden Schloten vermuten lassen. Spätestens seit 2017, als Essen ein Jahr lang Grüne Hauptstadt Europas war, spricht sich auch außerhalb Nordrhein-Westfalens herum, dass der Ballungsraum mit seinen rund fünf Millionen Einwohnern in Sachen Grünflächen und Natur viel zu bieten hat.

Beispiel Artenvielfalt: Vor zwei Jahren fand auf dem 100 Hektar großen Gelände der früheren Kokerei und Steinkohlenzeche Zollverein eine ganztägige Inventur statt. Am Ende hatten Zoologen, Botaniker und Hobbyforscher beim „Geo-Tag der Natur“ mehr als 800 Arten auf dem Unesco-Welterbegelände nachgewiesen, 80 mehr als bis dahin bekannt. Die genaue Nachschau lohnte sich: So wurde etwa eine Pflanzenart wiederentdeckt, die im Ballungsraum Ruhrgebiet als ausgestorben galt: die „Schmalblättrige Miere“.

Ein Beispiel der enormen Artenvielfalt im Ruhrgebiet. Foto: Oliver Berg/dpa/Oliver Berg

Beispiel „Industriewald“: Auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Rheinelbe in Gelsenkirchen ist in den vergangenen Jahrzehnten wieder ein Wald gewachsen. Der so genannte Industriewald ist 36 Hektar groß. Eine Forststation ist in einem alten Schalthaus untergebracht. „Wird eine solche Fläche zehn bis 15 Jahre in Ruhe gelassen, dann wird es wieder – Wald“, erklärt Revierförster Oliver Balke (51). Ziel sei es, die natürliche Entwicklung so ungestört wie möglich weiterlaufen zu lassen. „Der große Plan ist: Mutter Natur regelt ganz alleine, was passiert und wohin die Reise geht.“ Der Industriewald Rheinelbe ist nicht der einzige im Ruhrgebiet. Zusammen mit neun weiteren gehört er zum Projekt «Industriewald Ruhrgebiet».

Auch für den Regionalverband Ruhrgebiet (RVR) spielen solche Wälder mit Industrievergangenheit eine überaus wichtige Rolle. Im Juni kaufte der Kommunalverband mehr als 1000 Hektar Wald- und Freiflächen von der RAG, der ehemaligen Ruhrkohle AG, dem einstigen Zechenbetreiber. „Unser Ziel ist es, die grüne Infrastruktur der Metropole Ruhr auszubauen“, sagt Nina Frense, Umweltdezernentin beim RVR. „Wir schaffen damit Erholungs- und Freizeiträume für die Menschen im Ruhrgebiet, die zugleich Klimaschutz und Klimaanpassung, Artenvielfalt und eine regionale Versorgung mit Waldprodukten möglich machen.“

Renaturiert: Eine Schneise von Birken, die über eine ehemalige Bahnlinie gewachsen ist. Foto: Oliver Berg/dpa/Oliver Berg

In einem Interview der „WAZ“ hat Frense erklärt, was sie unter grüner Infrastruktur versteht: „Wir wollen, dass erkannt wird, dass Wälder, Grüngebiete, unsere Halden, die Radwege und Wasserflächen nicht nur schmückendes Beiwerk sind, sondern in Zeiten des Klimawandels Teil einer Überlebensstrategie für einen so dicht besiedelten Ballungsraum wie das Ruhrgebiet.“

„Grün“ gehöre zum Gründungsmythos des Regionalverbandes: „Dem RVR-Vorgänger Siedlungsverband Ruhrkohlebezirk ging es in den 1920er Jahren darum, im damals ungebremsten Wachstum der Fabriken und Zechen die noch vorhandenen Frei- und Grünflächen der Region zu bewahren und von Bebauung freizuhalten. Wäre das nicht geschehen, sähe das Ruhrgebiet heute wohl anders aus“, sagt Frense.

Wie es in Sachen Grün in acht Jahren im einstigen Kohlenpott aussieht, können Auswärtige 2027 bei der Internationalen Gartenausstellung (IGA) bestaunen. „Wie wollen wir morgen leben?“, lautet das Leitmotto der dezentralen Veranstaltung, die einige Millionen Menschen und viele Millionen Euro in die Region holen soll. Hauptaustragungsorte sind die Städte Duisburg, Dortmund und Gelsenkirchen.

In Duisburg soll etwa ein Park vergrößert werden. „Auf dem Gelände entsteht ein Pavillon, ein ,Global Garden’. Gartengestaltungen und Pflanzen aus aller Welt sollen Touristen hierher locken“, heißt es in einer Konzeptbeschreibung. An der Rheinpromenade soll ein Sandstrand „für entspanntes Urlaubsfeeling“ sorgen.

In Dortmund wird es um das milliardenschwere Generationenprojekt Emscher-Umbau gehen. In Gelsenkirchen werden internationale Schaugärten angelegt. „Wir können das Ruhrgebiet so darstellen, wie es ist und nicht wie es von außen oft immer noch gesehen wird: als graue Maus unter den Metropolregionen“, sagt Frense zu den Erwartungen.„Damit wird die IGA 2027 zu einem regionalen Festival, das fast zwei Jahrzehnte nach dem Kulturhauptstadt-Ereignis ein neues nachhaltiges Bild der Region erzeugt“, hoffen die Veranstalter.

Es könnte ein deutlich grüneres sein als bisher.

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