Lüttich: Metropole mit Kultur und Lebensart: Drei Tipps für Lüttich

Lüttich: Metropole mit Kultur und Lebensart: Drei Tipps für Lüttich

Lüttich: Über Jahrhunderte kochte „La Cité ardente“, die feurige Stadt, im Zeichen von Kohle und Stahl. Im Lütticher Becken, umsäumt von grünen Hügeln, stand eine Wiege der europäischen Industrialisierung. Prägten einst Zechen und Hochöfen das Bild rund um das quirlige Stadtzentrum entlang der Maas, hat sich die französischsprachige Metropole mit dem besonderen Flair zum Kleinod in Sachen Kultur und Lebensart entwickelt.

Kneipen, Museen, Galerien und ein spannender kulinarischer Mix locken beim Besuch einer aufregenden Stadt, die sich den Staub des Industriezeitalters längst abgeklopft hat — und als vielgesichtige Metropole der Wallonischen Region punktet.

Der Skywalk: Der Aufgang zur Fußgängerbrücke über die Maas ist relativ neu. Die Brücke führt vom Zentrum hinüber nach Outremeuse. Foto: Jenny Roder

Das typische Lüttich gibt es nicht. Das wird bei einem Besuch deutlich. Zu vielgesichtig ist die Szenerie im Talkessel der Maas, fast minütlich wechselt sie zwischen jahrhundertealter Tradition und den Errungenschaften — und mitunter Ärgernissen — der jüngeren Vergangenheit. Hier drei Beispiele:

Platzmangel: Jede Menge Tonträger stehen in den Regalen der Maison du Jazz. Foto: Jenny Roder

Der Skywalk

Den seit der Jahrtausendwende laufenden Maßnahmen zur Aufhübschung des öffentlichen Raumes verdanken die Lütticher die Möglichkeit, sich ihrem Fluss auf eine neue Art nähern zu können.

Den alltäglichen Gang oder auch die Fahrt über die Brücken ihrer Stadt kennen die Menschen seit Ewigkeiten. Noch recht neu ist allerdings die Möglichkeit, den Fluss quasi vom Fluss aus zu betrachten — vom Aufgang der Fußgängerbrücke aus, der einige Meter über dem Wasser schwebt.

Wer sich dem Maas-Überweg vom Boulevard Saucy aus nähert und den am anderen Ufer gelegenen Quai Sur Meuse im Visier hat, der steht buchstäblich über den Dingen — und kann sowohl die Maas als auch ihre Umgebung in Ruhe ins Blickfeld nehmen. Schließlich stört hier kein Verkehrslärm.

Wenn es doch einmal lauter wird, liegt das entweder am Rumpeln der Motoren eines Frachtschiffes oder — und das ist in den Abendstunden durchaus die Regel — an der Lütticher Studentenschaft, die das Ufer des Stromes mehr als noch vor einigen Jahren für sich entdeckt hat. Die im Geländergitter verankerten „Liebesschlösser“ lassen darauf schließen: Der Anblick des Flusses an dieser exponierten Stelle beflügelt offenbar die Gefühle frisch vermählter Zeitgenossen.

Der Skywalk ist auch die Verbindung zwischen den Lütticher Welten. Hier das Zentrum mit der Altstadt und den touristischen Attraktionen, dort das Viertel Outremeuse, selbst ernannte freie Republik seit 1925 und von alternativem Nachbarschaftsgeist erfüllt.

Das Kennenlernen beider Wirklichkeiten ist einer der lohnenden Aspekte bei der Erkundung der Stadt. Lange war die Passerelle Saucy — ein Neubau nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg — die einzige autofreie Brücke im Zentrum, seit diesem Jahr gibt es weiter südlich in Höhe des neu gestalteten Palais de la Boverie einen zweiten Übergang, der allein Fußgängern und Radlern vorbehalten ist.

Der stählerne Blick

Die Tatsache, dass die Stadt seit jeher in einem Talkessel liegt, ermöglicht den glücklichen Umstand, in nahezu jeder Himmelsrichtung eine exponierte Stellung einnehmen — und sich der Stadt von oben nähern zu können. Die Terrasse des Minimes gehört zu den schönsten und dennoch ruhigsten Aussichtspunkten. Auch vom altehrwürdigen Kriegerdenkmal, dem Mémorial Interallié, offenbart sich Lüttich aus der Höhe.

Wer besonders kletterfreudig ist und den Weg heraus aus dem Zentrum nicht scheut, findet von der Bergehalde im Norden der Stadt einen Ausblick, den garantiert noch nicht jeder genießen durfte. Der Aussichtspunkt unterhalb der Kliniken auf dem Zitadellenhügel ist ein besonders schönes Exemplar.

Ob seiner Lage sowieso. Aber auch das Erscheinungsbild, der feste Untergrund des Betrachters sozusagen, macht einiges her. Leicht und fast luftig wirkend, aber in Wahrheit stählern und massiv ist die Plattform, die erst zu Beginn der Nullerjahre hier im Hang verankert wurde. Stahl ist das Stichwort: Sicher auf einer Lütticher Spezialität der vergangenen Jahrhunderte stehend lässt sich von hier aus hervorragend die Tatsache belegen, dass Lüttich trotz seiner Größe und teils auf Höhe angelegten Architektur eine Stadt im Grünen ist — oder zumindest: am Grünen.

Ein bauliches Gimmick ist die im Boden eingelassene Reliefkarte der Stadt, samt stilisierter Wasserader der Maas sowie Richtungshinweisen zu den Orten der Umgebung.

Beim Blick hinab auf das Stadtzentrum lässt sich in recht kurzer Zeit all das ausmachen, was die Stadt charakterisiert. Die Maas mit ihrer teils ufernahen Wohn- bebauung, die plattenbauhaften Wohntürme des Viertels Droixhe und der neue Finanztower sind markante Fixpunkte. Aber auch das alternativ geprägte Viertel Outremeuse auf der gleichnamigen Maas-Insel und die grünen Hügel, die Lüttich nahezu umschließen, sind zu sehen.

Maison du Jazz

Gemeinsam mit den Metropolen Brüssel und Antwerpen hat sich Lüttich in den 1920er und 1930er Jahren den Ruf als Brutstätte einer konstant kreativen Jazz-Szene erarbeitet. Neben dem Mutterland USA hat sich der Stil seither kaum irgendwo auf der Welt so sehr etabliert und regelmäßig neu erfunden wie im Elf-Millionen-Einwohner-Land Belgien. Die Namen von Lütticher Eigengewächsen wie Bobby Jaspar, „Fats“ Sadi, René Thomas und Jacques Pelzer haben einen guten Klang in der Jazz-Welt.

Vor allem letzterer prägt bis heute das Jazz-Verständnis der Stadt, ein Live-Club trägt noch immer seinen Namen. Auch wenn sich die einst so rege Live-Kultur, ähnlich wie die aus der französischen Welt importierte Tradition des Café Chantant, mittlerweile nur noch an ausgewählten Schauplätzen offenbart, finden sich noch immer Fixpunkte. Die Maison du Jazz ist heute sicher die wichtigste Anlaufstelle für Freunde des guten Sounds. Auf überschaubarem, dafür maximal genutztem Raum vereint das Haus in sich ein bemerkenswertes Archiv, eine kleine Bühne und jede Menge musikalischen Geist.

Allein 25.000 LPs lassen das Herz von Vinyl-Liebhabern höherschlagen. Aber auch Musik auf allen anderen möglichen Tonträgerformaten beherbergt das kleine Jazz-Mekka. Regelmäßig wird hier auch Musik gemacht oder darüber gesprochen. Eine Handvoll Enthusiasten betreut die Sammlung, allesamt sind sie aus der regionalen Szene erwachsen.

Die niedrigen Räume sind heute bis unter die Decke gefüllt, „wir haben ein Platzproblem“, stöhnen die Macher ob dieses vermeintlich unglücklichen Zustands. „Aber wir werden nicht aufhören, das Archiv zu erweitern.“

Schließlich bringt Lüttich weiterhin talentierte Musiker hervor, die im Geiste der Altvorderen die Welt bereisen. „Auch für sie und ihre Musik werden wir immer Platz haben“, versprechen die Jazz-Freunde den Fortbestand und Ausbau ihrer Lütticher Basis.

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