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Maasroute: Mit dem Fahrrad 1000 Kilometer an der Maas lang

Maasroute erleben : Mit dem Fahrrad 1000 Kilometer an der Maas lang

Ein 1000 Kilometer langer Radweg am Fluss: Von der Quelle der Maas am Fuß der Vogesen bis nach Rotterdam geht es durch hübsche Orte und romantische Landschaft. Die Maasroute bietet vieles für Fahrradfahrer.

Louis Hermálle sitzt auf einem Campingstuhl und schaut aufs Wasser. Seit Stunden schon, sagt er. Drei Angelruten sind neben seinem Campingzelt aufgebaut, sie zittern leicht im lauen Frühlingswind. „Am Wochenende bin ich oft hier. Fischen ist für mich pure Entspannung. Was ich fange? Das ist nicht so wichtig.“ Er fummelt eine Zigarette aus seiner Jackentasche und wir schwingen uns wieder in den Sattel. Begleitet von einem entspannten „bonne route“ rollen wir auf dem herrlichen Uferweg weiter – und sind neugierig, was es wohl hinter der nächsten Schleife des Flusses zu sehen gibt.

Melancholie an der Quelle

Die kleine Begegnung spielt an einem Sonntagmorgen in Fumay: ein altes Städtchen in den französischen Ardennen, am Ufer der Maas, die wir per Rad erkunden. Unterwegs sind wir auf dem internationalen Radweg, der den Fluss seit einigen Monaten von der Quelle bis zur Mündung erschließt. Er führt über rund 1000 Kilometer durch Frankreich, Belgien und die Niederlande und ist komplett ausgeschildert. „La Meuse à Vélo“ und „Maasfietsroute“ steht auf seinem durchgängig verwendeten blaugrünen Logo.

Der Ort, an dem sich die Maas ans Tageslicht begibt, ist landschaftlich wenig spektakulär. Dazu passt, dass der Fluss seine ersten Meter in einem klassischen Straßengraben zurücklegt. Trotzdem strahlt die Szenerie, gelegen auf einem stillen Wiesenplateau 409 Meter über Normalnull, eine einladende Melancholie ab.

Die Quelle befindet sich bei Pouilly-en-Bassigny, ein Dörfchen weit südlich von Nancy, gelegen zwischen Burgund und den Vogesen. Auf den ersten Kilometern geht es, perfekt ausgeschildert, durch leicht hügeliges Gelände und über kleine Asphaltstraßen, auf denen nur minimaler Verkehr herrscht. Wiesen, Äcker, vereinzelte Waldstücke und Teiche erfreuen das Auge. Die Szenerie ist absolut ländlich – das wird sich auf dem gesamten französischen Abschnitt, der 404 Kilometer umfasst, nur ganz selten ändern.

Nach 70 Kilometern durchquert die Maas mit Neufchâteau erstmals ein Städtchen; gleich danach sind wir im Land von Jeanne d‘Arc: Mit dem Dorf Domrémy-la-Pucelle berührt unsere Radroute den Geburtsort der französischen Nationalheiligen, die um 1430 im Kampf gegen die Engländer legendär wurde. Im Dorf kann das Haus besucht werden, in dem sie geboren wurde, zudem gibt es ein großes Informationszentrum. Auf den folgenden Kilometern durch die Region begegnet uns Jeanne d‘Arc (=Johanna von Orléans) bei jeder dritten Kurbelumdrehung: Allerorten gibt es Statuen, Erinnerungsstätten und Museen, die ihr gewidmet sind, etwa in Vaucouleurs.

Wilde Schleifen im Wiesenland

Die Maas mäandert in diesem Abschnitt sehr wild und romantisch durch die Wiesenlandschaften. Bei Troussey beginnt der Canal de la Meuse, der hier vom Canal de la Marne au Rhin abzweigt und uns nun immer wieder begleiten wird. Vor Verdun (210 Km) gelangt man in die Region, die im Ersten Weltkrieg Schauplatz heftiger Kämpfe war. Auch in der Stadt selbst erinnert vieles an die Invasion der deutschen Reichswehr. Zahlreiche Schauplätze und Erinnerungsstätten sind touristisch in Szene gesetzt; sehenswert sind aber auch die Kathedrale, das bischöfliche Palais und die Quais an der Maas, wo viele Cafés zu einer Pause einladen.

 Auf Fischfang: In Fumay, einem alten Städtchen in den Ardennen, hat ein Angler sein  Lager aufgeschlagen. Hauptsache bei diesem Hobby in der Natur ist das entspannte   Sitzen am Fluss.
Auf Fischfang: In Fumay, einem alten Städtchen in den Ardennen, hat ein Angler sein Lager aufgeschlagen. Hauptsache bei diesem Hobby in der Natur ist das entspannte Sitzen am Fluss. Foto: Ralf Schröder

Durch Stenay und Mouzon

Wir radeln durch die hübschen Kleinstädte Stenay (Biermuseum) und Mouzon (Flachsmuseum), bewundern in Sedan eine der größten historischen Festungsbauwerke Europas und stehen dann in Charleville-Mézières (345 Km) auf dem gewaltigen Place Ducale, der ab 1606 vom Architekten Clément Métezeau entworfen wurde – historische Pracht, die bis heute begeistert. Gleich hinter der Stadt tauchen wir ein in die Ardennen: Ein raues Mittelgebirge mit bewaldeten Hügeln, durch die sich die Maas einen extrem kurvigen Weg gesucht hat. Unser Weg führt hier fast durchweg direkt am Ufer entlang, immer wieder radeln wir durch alte Bruchsteindörfer wie Revin und Monthermé, die sich an die grünen Hänge schmiegen.

Flacher Weg durch die Ardennen

Givet ist der letzte französische Ort, danach sind wir in Belgien – und immer noch in den Ardennen. Vorbei am prächtigen Renaissance-Schloss Freÿr-sur-Meuse geht es nach Dinant (455 Km). Hier wurde Adolphe Sax, der Erfinder des Saxophons, geboren, entsprechend würdigt ihn ein eigenes Museum. Auch die bei Bierkennern hoch im Kurs stehende Klosterbrauerei Brauerei Leffe war ursprünglich in Dinant beheimatet. Vorbei an der sehenswerten historischen Gartenanlage von Annevoie radeln wir nach Namur (480 Km), die erste Stadt der Maas, die mehr als 100.000 Einwohner hat. Die gewaltige Zitadelle, gelegen auf einem Hügel oberhalb des Zusammenflusses von Sambre und Maas, prägt die Szenerie. Durch die Anlagen zu spazieren lohnt sich nicht nur wegen des großartigen Panoramas auf die Stadt und das Flusstal.

Ab Namur flussabwärts wird die Maas nun vollends zu einem recht stark frequentierten Schifffahrtsweg, moderne Schleusenanlagen ermöglichen es auch großen Frachtschiffen, die Region anzulaufen. Bis zur Kleinstadt Huy, an deren Rand das umstrittene Atomkraftwerk Tihange steht, ist die Route still und beschaulich. Danach folgen bis Lüttich rund 30 Kilometer, die von Gewerbe und Industrie dominiert sind. Es gibt Radfahrer, die es vorziehen, diese Passage mit der Bahn zurückzulegen. Allerdings verpasst man dann das Schloss von Jehay mit seinen historischen Parkanlagen.

 Die Maasroute ist 1000 Kilometer lang.
Die Maasroute ist 1000 Kilometer lang. Foto: Ralf Schröder

Kultur in Lüttich und Maastricht

Keineswegs verpassen sollte man Lüttich (550 Km). Ehemals eine europäische Metropole der Kohle und des Stahls, hat sich die Stadt in den vergangenen 20 Jahren stark gewandelt. Der Niedergang wurde gestoppt. Sinnbild dafür ist der moderne und monumentale Großbahnhof Guillemins, der von Santiago Calatrava gebaut wurde und längst als eigene touristische Attraktion etabliert ist. Im Stadtzentrum sind neue Museen, Kultureinrichtungen und Einkaufszentren entstanden. Stylische Boutiquen, Designateliers und Galerien prägen das Bild mit, dazu prächtig restaurierte Bürgerhäuser, viele mit Jugendstil-Fassaden, sowie historische Paläste und Kirchen.

Pausen macht man in den Brasserien, Bistros und Restaurants, die allerorten zu finden sind. Beeindruckend ist der Mix der Architekturstile: Gebäude aus vergangenen Jahrhunderten stehen teils unvermittelt neben nüchternen Zweckbauten aus den Nachkriegsjahren, nebenan erblickt man womöglich einen postmodernen Glaspalast und vom Horizont grüßen die letzten Stahlwerke.

Am Albertkanal

Am Albertkanal entlang radeln wir von Lüttich noch zwei Stunden bis zur niederländischen Grenze und bis Maastricht (580 Km). Die Stadt ist jung und quirlig, dabei traditionsbewusst und ständig in Veränderung. Gerne lässt sie sich, gerade einmal 121.000 Einwohner stark, als „kleine Metropole“ bezeichnen.

Maastricht zeichnet sich dadurch aus, dass man größere Städtebau-Projekte seit langem in hoher Frequenz realisiert. So werden alte Hafenanlagen, ehemalige Kasernen und andere Liegenschaften permanent so in Wert gesetzt, dass sie für Freizeit, Wohnen, Kultur, Shopping und Erholung nutzbar sind. Zuletzt hat man eine Autobahn, die vorher die Stadt querte, komplett in einen Tunnel verlegt. Sehenswert sind – unter anderem – das Bonnefantenmuseum (alte und zeitgenössische Kunst), der St. Pietersberg mit historischer Festung, der Stadtteil Wyck mit seinen Läden und Cafés sowie die St. Servatius-Basilika mit Schatzkammer.

 Dordrecht ist ein nettes niederländisches Städtchen mit einer hübschen historischen Altstadt. Von hier ist es nicht mehr weit bis zur Mündung der Maas. Rotterdam hat sich den Ruf erarbeitet, cool und trendy zu sein.
Dordrecht ist ein nettes niederländisches Städtchen mit einer hübschen historischen Altstadt. Von hier ist es nicht mehr weit bis zur Mündung der Maas. Rotterdam hat sich den Ruf erarbeitet, cool und trendy zu sein. Foto: Ralf Schröder

Radeln auf dem Deich

Für die niederländischen Abschnitte des Maas-Radwegs sind drei Dinge charakteristisch: Der Fluss hat erstens aufgehört, ein Tal zu bilden, er verläuft durch komplett flaches Gelände. Zweitens radeln wir häufig über Deiche und auch ansonsten fast immer auf Trassen, die frei von Autoverkehr sind. Obwohl die Niederlande dicht besiedelt sind, pedaliert man drittens viel durch grüne und stille Landschaften – die zahlreichen Windmühlen symbolisieren auf manchmal fast schon kitschige Weise, wie beschaulich es abseits der urbanen Metropolen zugeht. Wobei bisweilen nicht zu übersehen ist, dass die ländlichen Partien landwirtschaftlich intensiv genutzt werden.

Auf dem Weg von Maastricht nach Roermond (660 Km) durchqueren wir die Maasplassen, eine einladende Seenlandschaft mit vielen Strandbädern und Freizeithäfen, die durch einen großflächigen Kies-Abbau entstanden ist. Beeindruckend hier auch das Projekt „Grensmaas“. Da die Maas am linken Ufer belgisch und am rechten Ufer niederländisch ist, arbeiten beide Länder gemeinsam daran, den Fluss hier so zu renaturieren, dass große Überschwemmungsflächen entstehen – die Maas-Aue soll am Ende in etwa so aussehen, wie vor hunderten von Jahren, bevor der Mensch die Landschaft umformte.

  Angelika Neubeck und Ralf Schröder, beide aus Aachen, sind die Maas von der Quelle zur Mündung gefahren.
Angelika Neubeck und Ralf Schröder, beide aus Aachen, sind die Maas von der Quelle zur Mündung gefahren. Foto: Ralf Schröder

Ein ansehnlicher, von vielen Frachtschiffen und Freizeitbooten befahrener Strom, der gemächlich durch eine fast völlig flache Region fließt: So zeigt sich die Maas im Abschnitt um Venlo (695 Km). Wiesen, Äcker, Heckengebüsche und Baumreihen dominieren die weitgehend grüne Szenerie. Mit dem Nationalpark Maasduinen und den Maasheggen berühren wir zwei geschützte und sehenswerte Naturgebiete. Venlo selbst ist für viele Westdeutsche eine beliebte Einkaufsstadt, bietet aber auch einige hübsche historische Straßenfluchten. Im Limburgs Museum geht es um die Geschichte und die Kultur der gleichnamigen Provinz.

Nationalparks und historische Festungen

Nachdem wir das Städtchen Gennep (756 Km) durchradelt haben, verläuft der Fernradweg LF Maasroute, auf dem wir den gesamten niederländischen Abschnitt zurücklegen, auf der früheren „Festungsroute“. Wir berühren nun bis hinein ins Maas-Delta zahlreiche historische Forts, Bunker, Burgen, Kastelle und Stadtbefestigungen – aus ganz verschiedenen Epochen stammen diese Bauwerke. Die Orte Grave, Ravenstein, Woudrichem und Rossum sind neben vielen anderen treffende Beispiele dafür, wie man in früheren Zeiten die strategische Lage an der Maas bzw. an der Waal genutzt hat, um Wehranlagen und militärische Stützpunkte zu errichten. Fast überall sind die Festungsbauwerke auch touristisch in Wert gesetzt.

 Rotterdam ist die letzte Station auf dem Radweg. Hinter der Metropole fließt die Maas in einer weiten Mündung in die Nordsee.
Rotterdam ist die letzte Station auf dem Radweg. Hinter der Metropole fließt die Maas in einer weiten Mündung in die Nordsee. Foto: Ralf Schröder

Gewirr von Wasserläufen

Hinter s‘-Hertogenbosch (858 Km) beginnt bald das Maas-Delta: Ein riesiges Gewirr von vielfach miteinander verbundenen Wasserläufen, Wasserwegen und Kanälen, das seine heutige Gestalt sowohl durch natürliche als auch durch menschliche Einflüsse erhalten hat. Die Maasroute führt in Woudrichem bis an den Rhein-Hauptarm Waal und wenig später durch den Nationalpark De Biesbosch: Nachdem am Fluss Steurgat im Mittel­alter fruchtbares Acker –und Weideland lag, brachen im November 1421 die Deiche und eine gewaltige Flut („St. Elisabeth-Flut“) suchte diesen Teil der Niederlande heim.

Nun entwickelte sich hier ein Sumpfgebiet, in den der Tidenhub regelmäßig Salzwasser aus der nahen Nordsee einfließen ließ. Damit entstanden spezielle Brackwasser-Biotope mit einer ganz eigenen Tier- und Pflanzenwelt – anschaulich erklärt wird das alles im interaktiven Biesbosch-Museum.

Über Dordrecht (921 Km), das mit einer großen historischen Altstadt aufwartet, geht es in die Metropole Rotterdam (973 Km). Die Stadt hat sich in der jüngeren Vergangenheit den Ruf erarbeitet, cool und trendy zu sein – Architektur und Kultur sind zwei der wichtigsten Gebiete, mit denen die nach Amsterdam zweitgrößte Stadt der Niederlande bei Gästen aus aller Welt punktet. Traditionelle niederländische Folklore – Grachten, Windmühlen und Tulpen – spielt hier keine große Rolle, vielmehr gibt man sich kosmopolitisch und innovativ. Zu den wichtigsten Attraktionen zählen die Erasmusbrücke und die neuen Stadtviertel, die Kubushäuser, der Euromast, der Alte Hafen, die historische Van-Nelle-Fabrik und das Kunstmuseum Boijmans Van Beuningen.

Von Rotterdam geht es auf einer tollen Panoramastrecke entlang der Nieuwe Maas nach Hoek van Holland. Wer hier in den Dünen ankommt und die Maas komplett oder in größeren Teilen abgeradelt ist, wird sicherlich ein wenig wehmütig werden – trotz des herrlichen Blicks über den riesigen Sandstrand und auf die Nordsee, in der unser Fluss nun verschwindet…