In der Provinz Lüttich: Lichterglanz und Sambatanz im Schloss Modave

In der Provinz Lüttich : Lichterglanz und Sambatanz im Schloss Modave

Schillernde Kostüme des berühmten Karnevals von Rio locken zur Weihnachtszeit in das zauberhafte Schloss Modave. Die eindrucksvolle Anlage in der Provinz Lüttich ist aber jederzeit eine Reise wert.

Sambakostüme des berühmten Karnevals von Rio zur Weihnachtszeit in einem der schönsten belgischen Schlösser? Zu verdanken ist diese Kombination dem Belgier Alain Taillard, einem leidenschaftlichen Karnevalisten aus dem Städtchen Herve in der Provinz Lüttich. Er hat etwas geschafft, das Ausländern in Rio de Janeiro normalerweise unmöglich ist. Er ist offizielles Mitglied der größten und populärsten Sambaschule Brasiliens namens „Mangueira“.

Außerdem hat er durch seine vielen alljährlichen Beteiligungen am Karneval eine Sammlung glanzvoller Kostüme aufgebaut. Allesamt Originale, die er auch selbst getragen hat. Teile dieser Sammlung sind jetzt im zauberhaften Schloss von Modave in der Nähe von Huy zu sehen.

Man lässt sich jedes Jahr etwas einfallen im Schloss Modave, um während der Weihnachtszeit und zum Jahresende den Besuchern eine besondere „Kulisse in der Kulisse“ der fürstlichen Domäne des Schlosses zu bieten. Die ohnehin schon wunderschönen und reichlich verzierten Salons erstrahlen in der Weihnachtszeit alle in einem festlichen Ambiente.

Wer das Portal der Schlossanlage durchschreitet, befindet sich in einem Ehrenhof mit Bassin und Springbrunnen. Über eine kleine Brücke, welche die Gräben überspannt, gelangt man in die noch immer perfekt dekorierten und üppig möblierten Gebäude mit insgesamt 25 Zimmern und Salons. Einzigartig ist bereits der Saal der Wachen, durch den der Besucher beim Betreten des Schlosses geleitet wird. An der Decke hat J. C. Hansche in Stuckarbeit den kompletten Stammbaum über fünf Generationen mit den 32 Schildvierteln des Grafen Jean-Gaspard de Marchin als Relief abgebildet. Das Kunstwerk zeigt den Grafen und drei seiner Ritter zu Pferd mit Rüstung, lebensgroß dargestellt.

Prunkvoll gedeckte Tafel: Das Schloss bietet Zugang zu 25 perfekt dekorierten und üppig möblierten Räumen. Foto: Château Modave

Beeindruckend ist das Interieur des komplett holzverzierten Gemäldesalons, dessen Fenster einen der famosen Blicke auf das herrliche Tal unterhalb des Schlossfelsens bietet. Hochelegant zeigt sich der Salon Ludwig XV. mit fein geschnitztem und vergoldetem Wandschmuck auf den Nussbaumknorren der Täfelungen.

Wasserrad als Vorbild für Versailles

Eine Augenweide ist das Geschirr von Modave mit 1.130 Einzelteilen. Es wurde um 1870 in der Faïencerie de Gien gefertigt. Teile sind im großen Herkules-Saal ausgestellt. Man möchte sich am liebsten an dieser gräflichen Prunktafel niederlassen, um für einen Moment den Glanz dieser Epoche noch intensiver zu empfinden.

Der Weg geht weiter durch den Gobelin-Saal, das Raucherzimmer, welches die Lebensart des Lütticher Großbürgertums bezeugt, und durch die Schlafzimmer. Besonders beeindruckend ist das Gemach des Grafen Montmorency. Er schlug jede Bescheidenheit in den Wind und zeigte königliche Allüren, indem er sein Bett in einer erhöhten Nische und durch eine Balustrade vom Rest des Salons abgetrennt einrichtete. Und dann ist da noch das kleine Badezimmer, dessen Badewanne, auf den Namen „Le Trou“ (das Loch) getauft, in den Stein des Felsvorsprungs hineingebrochen wurde, auf dem das Schloss steht.

Wer nach diesen vielen kulturellen Eindrücken eine kleine Pause braucht, der kann sich unter den 300 Jahre alten Gewölben der alten Küchen im aparten Café-Restaurant des Schlosses an typisch belgischer Gastlichkeit mit kleinen regionalen Gerichten erfreuen.

In einem der Kellerräume des Schlosses befindet sich zudem eine Kuriosität, die Nachbildung der sogenannten Maschine von Modave, ein hydraulisches Wasserrad, das als Vorbild für die „Maschine von Marly“ gedient hat. Um die Springbrunnen der Gärten von Versailles mit Wasser zu speisen, bedurfte es dieses besonderen Mechanismus. So konnte das Wasser der Seine über einen Höhenunterschied von 162 Metern von Marly hinauf nach Versailles transportiert werden. Der Vermittlung des Barons de Ville ist es zu verdanken, dass man einen Lütticher Schreiner, Rennequin Sualem, mit der Konstruktion beauftragen konnte, der schon Erfahrung mit der Lösung eines solchen Problems hatte – indem er das Wasser des Flusses Hoyoux mit einem hölzernen Wasserrad über 50 Meter hinauf zum Schloss Modave pumpen ließ.

Der Karneval in Rio zu Gast in Belgien: Eine besondere Ausstellung mit Kostümen ist bis zum 5. Januar in Schloss Modave zu sehen.  Foto: Château Modave.

An der Wand eines Kellerraums kann man die Reproduktion eines Gemäldes sehen, das Rennequin Sualem in „Denkerposition“ zeigt. Es ist eine Anspielung auf seine berühmte Antwort an Ludwig XIV., als dieser ihn wissbegierig fragte, wie er diese Maschine zustande bringen konnte: „Tot Tuzant, Sire“ („Indem ich nachgedacht habe, Sire“).

Die Schlossanlage ist auf jeden Fall eine Reise wert. Sie liegt mitten in der Ardennenlandschaft, atemberaubend auf einem 60 Meter hohen Felsplateau über dem Tal des Maas-Nebenflusses Hoyoux erbaut. Die Anfahrt über eine mehrere 100 Meter lange baumbestandene Schlossallee auf die Toreinfahrt zu lässt erahnen, dass den Besucher eine mehr als fürstliche Residenz erwartet. Sie ist ein Musterbeispiel für das einzigartige architektonische Erbe in der Provinz Lüttich und für den in der Region seltenen Stil der französischen Architektur des 17. Jahrhunderts.

Herrliche Blicke ins Tal des Hoyoux

Die Familie Modave, die aus der Region stammt, deren Namen sie trägt, war vom 13. bis ins 16. Jahrhundert Besitzer der Ländereien und der Festung. Ab 1657 restaurierte Jean-Gaspard-Ferdinand de Marchin das Schloss, und mit ihm hielt der französische Barock Einzug. Später dann wurde der Fürstbischof Maximilian Heinrich von Bayern Besitzer von Modave. Nach dem Kirchen- und Waffenadel waren es die „Industrieritter“ von Lüttich, die Lamarche und die Braconier, die in Modave residierten.

Heute gehört das Schloss dem Wasserwirtschaftsunternehmen Vivaquer, das für den Erhalt dieses außergewöhnlichen Kulturgutes sorgt und es der Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Gutsbesitz von Schloss Modave mit einer Fläche von 450 Hektar besteht aus dem Schlossgelände und einem Naturschutzpark, in dem die wichtigste Grundwassergewinnung Belgiens gesichert wird. Das eng geschnittene, idyllische Tal des Hoyoux durchquert diesen Park. Etwa sechs Kilometer unterirdische Galerien, in den Kalkfelsen parallel zum Fluss gegraben, fangen das Wasser, das durch Felsspalten fließt, auf.

Beim Schlendern durch die Außenanlagen und den Park bieten sich herrliche Blicke über das Anwesen und hinab ins naturbelassene Tal des Hoyoux. Auf der anderen Seite des großen Ehrenhofes liegen die Gebäude, die einst die Karossen und Pferde beherbergten.