„Rocketman“: Wie aus Reggie Dwight Elton John wurde

„Rocketman“ : Wie aus Reggie Dwight Elton John wurde

Zum Abheben niederschmetternd - das selbst-produzierte Biografie-Musical zum Leben des genialen und hyper-exzentrischen Musikers Elton John ist groß und nicht artig. Zwischen Bohemian Rock’n’Roll und einem „Best of“ der langen Karriere macht „Rocketman“ Spaß und Lust auf mehr Elton John.

Es ist ein großer Auftritt im schrill orangefarbenem Pailetten-Dress mit Engelsflügeln und Teufelshörnern. So stolziert Elton John (Taron Egerton) im erhebendem Showlicht durch den Gang ... aber nicht auf die Bühne, sondern in eine Selbsthilfe-Gruppe. Hallo, ich bin Elton und Alkoholiker, außerdem kokse ich, bin sex- und konsum-süchtig sowie Bulimiker. In dieser Therapie-Sitzung des Films wird sich Elton John die Hörner abstoßen und sich erstmal an seine Kindheit erinnern. Wie der fünfjährige Reginald Dwight im gut situierten Vorort die erste große Musical-Szene bekommt, bestimmt das Drama des Elton John, zu dem er später werden wird: Schillernd in einer farblosen Umgebung. Extrovertiert, aber im Herzen furchtbar einsam.

Das übersichtliche psychologische Grundschema durchzieht den Film, der lieblose, abwesende Vater bringt dem ungemein talentierten Jungen den ersten Schmerz bei. Nach bevor sich Reginald mit einem anderen Namen neu erfindet, dirigiert der musikalische Autodidakt nachts schon einem kleinen Orchester die Titelmelodie „Rocketman“. Die zum Teil grausam herzlose Familie stimmt tagsüber in ein schönes Klagelied ein, diese besten Momente erinnern an geniale britische Filmmusicals von Denis Potter wie „Pennies from Heaven“ (1978) oder „Lipstick on Your Collar“ (1993).

So trumpfen in „Rocketman“ vor allem großartige Songs und viele tolle Szenen auf: Wie sensationell am 25. August 1970 Elton Johns erster Auftritt im „Troubadour“ in Los Angeles eingeschlagen hat, zeigt die (historisch nicht korrekte) Eröffnungsnummer „Crocodile Rock“. Nicht nur der Pianist, der ganze Saal hebt vor Begeisterung ab. „Tiny Dancer“ beschreibt in diesem Film die bittere Eifersucht, als auf der nachfolgenden Hippie-Party sein bester Freund und Texter Bernie Taupin (Jamie Bell) mit einer Frau verschwindet.

Schwindelerregend sind Erfolg und Einsamkeit in einem immer wilderen Kreisel der Auftritte, mit all den extravaganten Verkleidungen in einer rasenden Sequenz komprimiert. „It's sad so sad and its getting more and more absurd“ (Es ist so traurig und wird immer absurder) - hier trifft der Filmstil exakt die erzählte Biografie. Aber keine Angst: „Candle In The Wind“ wird nur ganz kurz angespielt und die Gesprächs-Therapie erweist sich als erfolgreich. Elton John wird in ein zweites, weiter ungemein erfolgreiches Leben entlassen.

Das „Rocketman“-Team hat sich im Genre des Musikfilms schon einige Lorbeeren verdient. Das Buch stimmt von Lee Hall, aus dessen „Billy Elliot“ ist auch der damalige Hauptdarsteller Jamie Bell als Eltons bester Freund Bernie Taupin dabei. Regisseur Dexter Fletcher durfte die Freddie-Mercury-Bio „Bohemian Rhapsody“ fertig stellen, nachdem Bryan Singer vorverurteilt rausgeschmissen wurde. „Rocketman“ ist mit einem problemlosen Coming Out und Sex unter Männern wesentlich undramatischer als „Bohemian Rhapsody“. Mit reichlich grandiosen Songs für die Ewigkeit, die man diesmal vielleicht besser im Original gelassen hätte, aber auch eine klasse Hit- und Kostüm-Sammlung, die gute Laune macht.

Rocketman USA, Großbritannien 2019 Regie: Dexter Fletcher, mit Taron Egerton, Richard Madden, Jamie Bell 121 Min

Aachen: Cinekarree, CAPITOL, Eden

Alsdorf: Kinopark

Düren: Lumen