Entscheidungsunfähigkeit junger Männer: Trauerarbeit bei „Mein Leben mit Amanda“

Entscheidungsunfähigkeit junger Männer : Trauerarbeit bei „Mein Leben mit Amanda“

In „Mein Leben mit Amanda“ erzählt Regisseur Mikhaël Hers die Geschichte eines sehr ungleichen Paares und den gemeinsamen Versuchen, sich im Leben zurechtzufinden.

So einfach und sympathisch leicht können nur französische Filme in Folge der Nouvelle Vague Paris durchziehen. Der 24-jährige David, ein freundlicher Mensch, radelt mit der älteren Schwester Sandrine durch Paris. Auch wenn er mal vergisst, die Nichte Amanda pünktlich am Kindergarten abzuholen - sie verstehen sich so gut, haben so viel Spaß, sie könnten ein Pärchen sein.

Dann klingt eine düstere Vorahnung leicht in der Musik an, der Himmel bedeckt sich. Umso heftiger der Schock, als David auf einer Picknick- Wiese nur noch die vielen Opfer eines Anschlages mit Schnellfeuer-Waffen sieht. Unter den Toten ist auch Sandrine. Es folgt Stille. In der Stadt und bei David, der nur leise schluchzt, um seine noch ahnungslose Nichte nicht zu wecken.

Nun sind der 24-Jährige, der auch gerne in den Tag hinein lebte, und die sechs- oder sieben-jährige Amanda - so genau weiß er es nicht - durch Schock und Trauer zusammengeworfen. Er bricht unvermittelt in Weinen aus, sie will die Zahnbürste von Mama behalten und beobachtet auch seine Trauer. David, der nie dran gedacht hat, ein Kind großzuziehen, muss sich in den nächsten Wochen entscheiden, ob er sich offiziell um Amanda kümmert. Derweil will Léna, die er gerade besonders gut kennengelernt hat und die auch bei den Anschlägen verletzt wurde, wieder von Paris wegziehen.

Ohne Pathos in der Inszenierung ist „Mein Leben mit Amanda“ von Mikhaël Hers („Dieses Sommergefühl“) ein extrem bewegender Film. Fein und einfühlend verfolgt er, wie David mit Trauer und einer unerwarteten Aufgabe umgeht. Unter seinen Freunden sind auch Opfer des Anschlags, das Leben danach, fließt unauffällig als Thema mit, wie es auch nur eine Bemerkung über das Unnötige von Religionen gibt. Kein einziges Klischee wird dabei benutzt. Die sagenhafte Schauspielleistung des jungen Vincent Lacoste („Saint Amour - Drei gute Jahrgänge“ neben Depardieu, „Lolo - Drei ist einer zu viel“ mit Julie Delpy) vollendet mit zurückhaltender Mimik dieses Filmwunder. Und obwohl „Mein Leben mit Amanda“ etwas von dem Einschlag der Anschläge in Paris vermittelt, ist er letztlich besonders schön hoffnungsvoll.

Frankreich 2018 (Amanda) Regie: Mikhaël Hers, mit Vincent Lacoste, Isaure Multrier, Stacy Martin, Greta Scacchi, Ophelia Kolb 107 Min. FSK ab 6

Aachen: Apollo

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