Mit Phoenix und Gyllenhaal: „The Sisters Brothers“ ist kein richtiger Western-Film

Mit Phoenix und Gyllenhaal : „The Sisters Brothers“ ist kein richtiger Western-Film

Ein Xylophon in der Western-Kneipe ist ebenso ungewöhnlich wie ein Agent für Auftragskiller, der in literarischer Sprache kaum verständliche Briefe schreibt. Vor allem in einem Umfeld blutrünstiger, gnadenloser Killer und kaputter Typen, die dringend Psychotherapie bräuchten.

„The Sister Brothers“ ist weder ein richtiger Western, noch der erwartete neue Film des gefeierten Regisseurs Jacques Audiard.

1851 jagen in Oregon zwei berüchtigte Auftragskiller den Erfinder einer Wunderformel zum einfachen Goldwaschen. Die Sisters Brothers heißen mit Nachnamen Sisters und sind Brüder, was im Englischen als „Brüder Schwester“ reichlich komisch klingt. Der ältere Eli (John C. Reilly) hält den Laden zusammen, während Charlie (Joaquin Phoenix) dauernd säuft und selbst für einen Revolverhelden zu schießwütig ist. Kontaktmann zum ominösen „Commodore“ ist bei der Suche nach der Wunderformel Jim Morris (Jake Gyllenhaal), ein komischer Vogel in diesem komischen Wilden Westen.

„The Sisters Brothers“ wurde bei den Filmfestspielen Venedig 2018 mit dem Silbernen Löwen für die Beste Regie ausgezeichnet und übrigens mitproduziert von den Brüdern Dardenne aus Lüttich - bislang nicht als Westernfan verdächtig.

Was auch für den Regisseur Jacques Audiard selbst gilt: Die Reihe bemerkenswerter Filme, für die er international die größten Preise erhielt, lassen sich keinem Genre zuordnen. Man sollte bei Audiard das Genre „Besonders intensiver Dramen mit getriebenen Menschen in extremen Situationen“ einführen. Für „Ein Prophet“ gab es in Cannes 2009 den Großen Preis, für „Dämonen und Wunder - Dheepan“ ebenda 2015 die Goldene Palme.

Davon unterscheidet sich „The Sisters Brothers“ nun erheblich. Eli und Charlie Sisters sind vom ersten brutalen Revolver-Gemetzel an eher Vertreiber als Getriebene. Sie haben die Macht in ihren Händen. Dass der Auftraggeber ihrer Morde sie irgendwann selbst jagen lässt, nimmt man eher als Genre-Element der Erzählung wahr, als dass es menschlich berührt.

Ansonsten zeigt „The Sisters Brothers“ viel dreckiges, unspektakuläres Abknallen. Bis zum Niedergang, in dem die Schießereien nur noch als fließender, fliehender Epilog ohne Details verlaufen. Als Material für den Psychologen gibt es Albträume vom gewalttätigen Vater und den Streit um die Führungsrolle zwischen den Brüdern.

Die Hauptrollen wurden schräg besetzt mit Stars, die bereits auf schräge Kunst spezialisiert sind. Der Komödiant John C. Reilly überlebt nach Oliver Hardy in „Stan & Ollie“ oder Watson in „Holmes & Watson“ weiter den Spagat ernster und blöder Szenen, wenn er als liebevoller Fürsorger auch die ersten Zahnbürsten ausprobiert. Joaquin Phoenix zeigt sich verrückt wie meist.

Trotzdem gelingen Audiard wieder ungemein starke Momente, wenn Charlie das Wort „Prestige“ tatsächlich auskotzt und damit den irren Konkurrenzdruck unter den bekanntesten Killern ausdrückt. Und als zentrales, prophetisches Bild der Goldgräber-Gier die toten Tiere am chemisch ausgebeuteten Fluss und die verätzten Goldsucher daneben.

Frankreich, Belgien, Rumänien, Spanien 2018 Regie: Jacques Audiard, mit John C. Reilly, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, Riz Ahmed 121 Min. FSK ab 12

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