„Nurejew - The White Crow“: Spannendes Künstlerporträt über einen der besten Tänzer

„Nurejew - The White Crow“ : Spannendes Künstlerporträt über einen der besten Tänzer

Rudolf Nurejew gilt als einer der besten Tänzer des 20. Jahrhunderts. Mit Ehrgeiz und eiserner Disziplin tanzte er sich an die Spitze. Seine Lebensgeschichte verlief hochdramatisch. Ralph Fiennes hat darüber einen spannenden Film gedreht.

In seinem dritten Film konzentriert der bekannte Schauspieler Ralph Fiennes das Leben der legendären Ballettlegende Rudolf Nurejew auf dessen Flucht aus dem Griff des Sowjetregimes. „Nurejew“ füllt den klassischen Rahmen des Bio-Pics mit schönen Bildern.

Rudolf Chametowitsch Nurejew (1938-1993) veränderte das klassische Ballett, weil er den zuvor eher statischen Männerrollen einen eigenen Ausdruck und mehr künstlerische Bedeutung verlieh. Der 16. Juni 1961 war ein Wendepunkt in seiner Karriere - während einer Europatournee in Paris trennte er sich vom sowjetischen Kirow-Ballett und beantragte Asyl. Sein Tanzlehrer und Mentor Alexander Puschkin (Regisseur Ralph Fiennes selbst) muss sich in der ersten Szene vor einem Partei-Schergen verantworten. Was kann Nurejew zur Flucht veranlasst haben?

Im demütigen Sinken des Kopfes kann man ein wissendes Lächeln vermuten. Denn der in einem Zug der Transsibirischen Eisenbahn geborene Rudolf war schon immer ein Dickkopf. Eigentlich zu alt, verlangt er in der Leningrader Ballettschule auf unverschämte Weise eine besondere Behandlung. Liegt es an dieser Widerspenstigkeit, dass er bei der Tour nach Paris nur der Ersatz für die Solo-Parts ist?

In Paris setzt er sich wieder direkt über Grenzen hinweg, spricht als einziger mit den französischen Kollegen und entdeckt die Stadt auf eigene Faust. Er saugt die Kultur auf, hört Yehudi Menuhin Bach spielen und steht stundenlang vor dem Louvre an, um allein „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault sehen zu können. Auch das „dekadente“ Nachtleben erkundet er in Begleitung der reichen Chilenin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos). Derweil blendet der Film zur Ausbildung beim Choreografischen Institut Leningrad zurück und zur vaterlosen Kindheit in Armut, trotz der die Mutter ihn mit all seinen Geschwistern ins nachhaltig eindrucksvolle Theater gebracht hat. Die Ebenen kommen im Finale einer dramatischen Flucht erst richtig stark zusammen.

Der nicht glorifizierende „Nurejew“ zeigt recht wenige Ballettszenen des ukrainischen Tänzers Oleg Ivenko in seiner ersten Filmrolle. Er verkörpert auch den unsicheren Rudolf, der unbeherrscht und herrisch auch wohlmeinende Menschen und die, die ihn lieben, terrorisiert, weil er sich wegen seiner Herkunft schief angesehen fühlt. Das Drehbuch stammt vom ausgezeichneten Autor David Hare („Verleugnung“ 2016, „Der Vorleser“ 2008, „The Hours“ 2002).

Leider widerspricht der Film seiner Hauptfigur: Nurejew sei technisch nicht perfekt, aber der Geist stimme und damit nehme er die Bühne für sich ein, sagt ein früher Bewunderer. Der Film „Nurejew“ ist technisch und ästhetisch perfekt. Die historischen Bilder sind stimmig nicht nur bei Kostüm und Kulisse. Auch der mit 16mm-Material erzeugte Filmstil atmet Vergangenheit. Das Innovative und im Rahmen des strengen Balletts Rebellische von Nurejew deutet das Porträt von Regisseur Ralph Fiennes („Coriolanus” 2011, „The Invisible Woman”, 2013) allerdings nur an. Der Film selbst ist hingegen sehr brav.

Großbritannien, Frankreich, Serbien 2018 (The White Crow) Regie: Ralph Fiennes, mit Oleg Ivenko, Adèle Exarchopoulos, Chulpan Khamatova, Ralph Fiennes 127 Min. FSK ab 6

Aachen: Apollo