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Neu im Kino: „Tausend Zeilen“: Michael „Bully“ Herbig verfilmt den jüngsten „Spiegel“-Skandal

Neu im Kino: „Tausend Zeilen“ : Michael „Bully“ Herbig verfilmt den jüngsten „Spiegel“-Skandal

Claas Relotius fälscht Reportagen – und das so gut, dass er unzählige Preise bekommt. Doch schließlich fliegt er auf. Michael „Bully“’ Herbig hat aus dem Medienskandal einen Film gemacht.

Comedy-Regisseur Michael „Bully“ Herbig („Der Schuh des Manitu“) verlässt in seinem neuen Film „Tausend Zeilen“ die Parodie und versucht sich an der Königsdisziplin, der Satire. Herbig greift einen der größten Medienskandale der jüngsten Zeit auf. Über sieben Jahre und 120 Reportagen lang hatte der junge „Spiegel“-Reporter Claas Relotius Protagonisten, Szenerien und Aussagen gefälscht, erfunden oder ganze Geschichten erdacht.

Dann, im Winter 2018, flog sein Betrug auf. Doch war es nicht der „Spiegel“ selbst, der ihn entlarvte. Es war ein Kollege, der freie Journalist Juan Moreno, der gemeinsam mit Relotius eine Reportage über die Flüchtlingsströme zwischen Mexiko und den USA verfassen sollte. Moreno sollte über die mexikanischen Flüchtlinge schreiben, Relotius über die amerikanische Bürgermiliz. Vorwürfe Morenos wegen Unstimmigkeiten der Geschichte stießen beim „Spiegel“ fast einen Monat lang auf taube Ohren. Mehr noch: Der „Spiegel“ protegierte Relotius. Also recherchierte Moreno seinem Kollegen hinterher – an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, an der die Reportage „spielt“.

Herbig greift für seinen Film landschaftlich auf das Film-Eldorado der Spaghetti-Western – Andalusien – zurück. In Parallelmontagen „switcht“ der Zuschauer zwischen dem an der Strandpromenade in den Laptop tippenden Fälscher Lars Bogenius (Jonas Nay) und seinem erdachten Ich, das im Flugzeug zu spektakulären Storys fliegt. Der Blick in den Spiegel wirft Bogenius hundertfach zurück. Das vermeintliche „Reporter-Genie“ erscheint als Produkt egoistischer Hybris, genährt am Busen eines ruhmsüchtigen Medienhauses.

Herbig seziert diese Eitelkeiten in genießerischer Detailverliebtheit. Etwas arg ölig kommen die Haare des Ressortleiters Rainer M. Habicht, gespielt von Burgtheater-Mitglied Michael Maertens, daher. Etwas zu symbolisch erscheint das im Architekturstil des Brutalismus inszenierte Betongebäude der „Chronik“ alias „Der Spiegel“. Es wird gegolft und feist gefeiert. Herbig präsentiert eine selbstverliebte Chefetage, die den Skandal vergräbt, bis er unwiderruflich ans Tageslicht tritt. Schade, dass die Reaktion des „Spiegel“-Magazins, das die verantwortlichen Vorgesetzten zunächst von jeglicher Schuld freisprach, dann aber doch feuerte, nicht mehr im Film aufgegriffen wird.

In den Off-Monologen Elyas M’Bareks, der Juan Romero (alias Juan Moreno) verkörpert, wird Morenos Buchvorlage „Tausend Zeilen Lüge“ hörbar, an der sich Herbig orientiert. Leider werden gekonnte Spitzen aus der Feder Morenos wie die Anekdote über die von Relotius erdichtete krebskranke Schwester durch Streckung über unzählige Szenen verschenkt. Etwas zu berlinerisch wirkt zudem Schaubühnenmitglied Marie Burchard, die als mediennaive Foodbloggerin Romeros Ehefrau mimt. Schön dann wieder Momente wie der, als Burchard mit der Stimme von Bogenius dessen erzürnte Mail vorliest und in der Herbig stilistisch gekonnt zeigt, wie stark sich das Ego des Fälschers bis in die Familie seines Antagonisten ausbreitete.

Elyas M’Barek verlässt seine gewohnte Draufgängerrolle und steht als zauseliger Familienvater einem aalglatten hanseatischen Karrieristen (Jonas Nay) gegenüber. Deutlich wird der Dualismus zwischen einer idealistischen und einer selbstverliebten Jungjournalistenriege erkennbar. Herbig fordert den Zuschauer gleichsam in direktem Blickkontakt zu den Protagonisten auf, für eine Seite Partei zu ergreifen. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive Morenos, dem es gelingt, Relotius’ perfides Marionettenspiel als Taktik eines selbstverliebten Narzissten zu entlarven, der sich sogar im Nachhinein noch als psychisch labil „inszeniert“.

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Moreno dürfte mit der Umsetzung zufrieden sein. Herbig gelingt es, den komplexen Medienskandal, der in der Realität fast schon grotesk satirische Züge trug, in seiner Tiefe auf die große Leinwand zu bringen. (Aachen: Eden, Capitol; Alsdorf: Cineplex; Düren: Lumen) ★★★★☆

„Tausend Zeilen“ (Deutschland 2022), Regie: Michael „Bully“ Herbig, mit Elyas M‘Barek, Jonas Nay, Marie Burchard, Michael Ostrowski, Jörg Hartmann, 93 Min., FSK: ab 12